25. August 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag in der Altenpflege

Altenpflege ist einer der vielseitigsten Berufe überhaupt, davon ist Philipp Wienke überzeugt. "Kein Tag ist wie der andere". Vor seiner Ausbildung zum Altenpfleger hat er mehrere Jahre als Lehrer gearbeitet. In der Altenpflege kann er sein Talent entfalten, mit unterschiedlichsten Menschen eine gemeinsame Ebene zu finden.

Portrait

Guter Kontakt: Marlies Klein mit Philipp Wienke

Der Frühdienst beginnt um 6:45 Uhr mit der Übergabe von der Nachtschicht. Heute früh mit einer guten Nachricht: Eine Bewohnerin, die starke Verdauungsprobleme hat und nachts oft zur Toilette muss, hatte zum ersten Mal seit längerem wieder durchgeschlafen.

Ein anderer Bewohner hatte gestern Streit mit seiner Tochter und war immer noch sehr aufgewühlt. Es sind zwei von 23 Bewohnern in einem Wohnbereich im Ferdinand-Heye-Haus der Diakonie Düsseldorf. In der Pflege ist es wichtig, genau hinzuschauen.

Ich bin 31 Jahre alt und mache seit letztem Oktober die Ausbildung zum Altenpfleger. Als ich jetzt in meinen Kalender geschaut habe, habe ich gesehen: Nach dem nächsten Schulblock ist das erste Jahr schon rum - das ging schneller als erwartet. Es klingt immer so - drei Jahre sind eine lange Zeit. Aber die ist schnell vorbei.  

Jeder Tag ist anders

Den typischen Tagesablauf gibt es nicht. Kein Tag ist wie der andere. Es gibt aber einige Konstanten. Dazu gehört die Grundpflege für alle Bewohnerinnen und Bewohner, die Mahlzeiten, die Begutachtung und Versorgung von Wunden, das Herrichten der Zimmer und die Übergaben zwischen den Schichten. Die meisten Bewohner legen großen Wert darauf, dass die Betten ordentlich gemacht werden, als erstes nach dem Aufstehen. Zuhause mache ich mein Bett nicht. Aber für die alten Menschen ist es wichtig.

Gegen sieben beginnen wir mit dem Gang durch die Zimmer. Dazu gehört die Grundpflege für alle Bewohnerinnen und Bewohner, die Hilfe beim Ankleiden, die Gabe von Medikamenten. Bei 23 Bewohnern sind das 23 Pflegepläne mit individuellen Maßnahmen. Heute waren wir nur zu zweit. Normalerweise sind wir zu dritt, aber eine Kollegin war krank geworden und konnte heute nicht ersetzt werden. Das verursacht den meisten Stress in der Pflege. Und ich befürchte, mit dem zunehmenden Fachkräftemangel wird so etwas immer öfter vorkommen.

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Vor dem Ferdinand-Heye-Haus: Philipp Wienke mit Leiterin Andrea Köhler

Helfen, improvisieren, zuhören

Ich will professionelle Pflege machen - und dazu gehört es, den Willen der Bewohner zu akzeptieren. Dabei habe ich manchmal das Gefühl: "Wie man`s macht, macht man`s verkehrt", besonders, wenn wichtige pflegerische Maßnahmen wie das Anziehen von Kompressionsstrümpfen verweigert werden. Oft glückt es aber doch, über Zureden oder guten Kontakt gemeinsam einen Weg zu finden. Das sind die schönsten Situationen - wenn es gelingt, die richtige Pflege gemeinsam zu gestalten.

Ich versuche auch, mich in die Bewohner hineinzuversetzen und den Austausch auf der Ebene zu beginnen, auf der sie gerade denken. Letztens wehrte ein Bewohner die Grundpflege ab und sagte, er müsse jetzt zur Arbeit. Er ist schon über 30 Jahre aus seinem Beruf raus, aber der Hinweis darauf wäre eine blöde Antwort gewesen. Zum Glück war gerade Sonntag, und so habe ich gesagt: "Es ist gerade Sonntag. Sie müssen heute nicht zur Arbeit." So konnten wir die Situation auflösen.

Bei vielen Bewohnern lässt die Motorik nach. Kleine Handgriffe des Alltags gelingen manchmal oder dauerhaft nicht mehr. Die Fingernägel zu schneiden zum Beispiel oder den BH selbst zu schließen. Vielen fällt es zunächst schwer, das anzunehmen, wenn sie etwas nicht mehr selbst tun können, die neuen Grenzen zu akzeptieren. Ich kann mich da einfühlen, wie schwer das ist, sich einzugestehen, dass man etwas nicht mehr kann - und zu akzeptieren, dass ein anderer das für mich tut. Da fließen auch schon mal Tränen. Da kann man einfach nur da sein, die Menschen in den Arm nehmen, sie beruhigen.

Das sind Situationen, auf die kein theoretischer Unterricht vorbereiten kann. Im Unterricht ist gelingende Kommunikation ein Thema, und die Kolleginnen hier haben viel Erfahrung, die sie an mich weitergeben. Es ist zum Beispiel viel leichter, wenn die Menschen mir sagen, welche Hilfe sie brauchen, als wenn ich Ihnen sage, ich helfen Ihnen jetzt. Das ist das wichtigste - die Bewohner selber rausfinden zu lassen, wo sie Hilfe brauchen.

Portrait Hund

Sehr beliebt: Bob, der Hund des Wohnbereichsleiters

Alte Bilder von Geschlechterrollen

Natürlich gibt es Bewohner, mit denen ich leichter in Kontakt komme, mit denen der Austausch leichter ist und wo ich lieber hingehe. Ich versuche aber immer, niemanden zu benachteiligen. Manche haben es auch lieber, wenn sie von einer Frau gepflegt werden, andere finden es besser, wenn ein Mann dabei ist. Das ist individuell ganz unterschiedlich.

Die meisten unserer Bewohnerinnen sind 90 oder älter und haben alte Bilder von Geschlechterrollen. Da werden Männer oft besonders akzeptiert.

Bei dem engen Umgang, den wir haben, stellen sich so immer neue Fragen von Nähe und Distanz. Ich bin 31, manche der Bewohner sind Mitte 90, ich könnte von vielen der Enkel sein - und so, wie einige mit mir reden, bin ich dann auch der Enkel. Letztens hielt mir eine Frau ihren Löffel hin, mit dem sie gerade Kompott aß. "Hier, probier mal, der ist lecker". Ich bin aber nicht der Enkel.

Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz

Die Bewohner erzählen mir viel. Ich erlebe ihren Alltag, jeden Tag, eine Schicht lang. Man erfährt viele persönliche Dinge, ihre Biografie, ihre Sorgen, auch ihr Weltbild und ihre Ansichten. Ich erzähle natürlich auch von mir. Für viele Bewohner sind wir die wichtigsten Kontaktpersonen. Viele haben ein Alter, da leben nicht mehr viele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Wir sind dann neben dem Fernseher die einzige Verbindung zur Außenwelt. Das ist schon sehr viel Verantwortung.

Ich sage mir häufiger selbst: Das ist nicht deine Großmutter, das ist nicht dein Großvater. Irgendwann wird der Punkt kommen, dass jeder der 23 Bewohner hier stirbt. Dann habe ich im Zeitverlauf 23 Tode von nahen Personen. Wie soll ich das ertragen, wenn ich zu viel Nähe zulasse? Zugleich möchte ich auch im Rückblick jedem gerecht geworden sein. Es bleibt eine Gratwanderung.

Wienke vor dem Fernsehapparat

Philipp Wienke stellt den gewünschten Fernsehkanal ein

Freude schenken mit kleinen Dingen

Besonders schön finde ich es, wenn ich Bewohnern bei ihren Problemen im Alltag helfen kann. Das sind oft Kleinigkeiten, wenn sie zum Beispiel einen Fernsehkanal nicht finden oder eine Lampe umgestellt werden soll. Bei solchen Dingen werde ich als Mann bevorzugt angesprochen. Und die Menschen freuen sich, wenn man ihre kleinen Sorgen ernst nimmt.

Meine Frühschicht endet gegen 14:00 Uhr wieder mit der Übergabe, damit der Spätdienst weiß, was am Vormittag passiert ist. Gab es Arztbesuche, ist ein Bewohner krank geworden, gab es besondere Vorkommnisse? Heute hatte eine Bewohnerin zum ersten Mal seit Wochen wieder an einer Gruppenaktivität teilgenommen. Sie war wochenlang sehr zurückgezogen. Am Vortag hatte sie Besuch von einem Enkelkind, das hatte ihr wohl den emotionalen Auftrieb gegeben. 

Protokoll und Fotos: Christian Carls

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