18. November 2016

Sterbebegleitung in der Altenpflege

Gut vorbereitet auf einen würdevollen Abschied

Am Sonntag wird in den evangelischen Kirchen wieder an die Verstorbenen des Kirchenjahres erinnert. Darunter sind viele ältere Menschen, die bis zu ihrem Tod in Altenheimen gepflegt wurden. Obwohl rund 30 Prozent der Menschen dort sterben, fehlen häufig Konzepte einer guten palliativen Versorgung und Sterbebegleitung. Immer mehr Einrichtungen machen sich jetzt auf den Weg, das zu ändern. Zum Beispiel das Heinrich-Held-Haus der Diakonie Essen.

Hausaltar mit Kreuz, Kerze und Kerzenleuchter

Ein wirkliches Zuhause für die letzte Wegstrecke des Lebens zu sein -  das hat sich das Heinrich-Held-Haus des Diakoniewerks Essen schon lange auf die Fahnen geschrieben. In insgesamt acht Wohngruppen leben dort 80 Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Wenn möglich, sollen sie in ihrem neuen Zuhause auch sterben können und nicht in einem sterilen Klinikbett. Doch was selbstverständlich klingen mag, ist im Pflegealltag nicht so einfach umzusetzen. Es braucht Konzepte, Schulungen und Gelder, um eine gute palliative Versorgung und Sterbebegleitung zu ermöglichen.

Vor zwei Jahren entschied das Team des Heinrich-Held-Hauses, sich gemeinsam im Bereich Palliative Care fortzubilden und damit die Grundlage für ein neues Konzept zu schaffen, das schließlich in eine Hausphilosophie münden sollte. "Darum war es uns auch wichtig, dass wirklich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - von der Pflegekraft bis zur Küchenhilfe - geschult werden", erzählt Einrichtungsleiterin Angelika Hardenberg-Ortmann.

Eine Pflegerin steht am Bett eines behinderten älteren Menschen

Braucht Zeit und Geld: die gute Begleitung bis zum Lebensende 

Palliativ Care-Ausbau ohne Fördermittel

Eine Entscheidung, mit der das Haus seiner Zeit voraus war. Vergangenen November nämlich wurde das Hospiz- und Palliativgesetz verabschiedet, das Palliativ Care als ausdrücklichen Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung festschreibt.

Ab 2017 müssen Pflegeeinrichtungen ein palliatives Beratungs- und individuelles Versorgungskonzept zur medizinischen, pflegerischen, psychosozialen und seelsorgerischen Betreuung in der letzten Lebensphase vorhalten, sei es aus eigener Kraft oder in Zusammenarbeit mit Palliativmedizinern und der ambulanten Hospizbewegung.

Mehr Geld für die Schulungen der Pflegekräfte oder gar die Einstellung weiterer Fachkräfte gibt es dafür allerdings nicht, was die Diakonie RWL schon mehrfach gegenüber Politik und Öffentlichkeit kritisiert hat – und wofür der Verband weiterhin kämpfen wird. Dennoch gibt es bereits gute Beispiele der palliativen Versorgung, die mit Spendengeldern, Projektmitteln oder Mitteln von Fördervereinen auf den Weg gebracht wurden. Dazu gehört auch das Heinrich-Held-Haus in Essen.

Gruppe von Menschen mit verbundenen Augen und im Rollstuhl

Blind, gelähmt, hilfsbedürftig: Mitarbeitende schlüpfen während der Fortbildung in die Rolle der Pflegebedürftigen

Gutes festigen, Fehler anschauen

In sieben mehrtägigen Fortbildungsmodulen wurden die Mitarbeitenden über einen Zeitraum von zwei Jahren geschult. Diese umfassten spirituelle und psychosoziale Aspekte wie Sterbebegleitung und Abschiedskultur sowie eher medizinisch pflegerische Themen: Schmerz, palliative Maßnahmen und Symptomkontrolle, Demenz und geistige Behinderung, Basale Stimulation und palliative Fallarbeit.

Zusätzlich fanden sich einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einer Steuerungsgruppe zusammen, die nach jedem Modul dafür verantwortlich war, die Inhalte in die Alltagspraxis des Hauses umzusetzen und somit eine nachhaltige Verankerung zu sichern. "Bei aller Begeisterung sind wir nicht blauäugig", bekräftigt Angelika Hardenberg-Ortmann. "Standards, die man dauerhaft erhalten will, müssen kontrolliert werden." Nach dem Motto: Gutes festigt sich und wird noch besser, wenn es eine Kultur gibt, auch Fehler anzuschauen.

Älterer Mann und jüngere Frau sitzen auf einem Sofa vor einem Tisch und blättern in Unterlagen

Sozialdienstleiterin Daniela Fritsch spricht mit einem Bewohner über die Sterbebegleitung

Netzwerk mit Hospizdienst und Kirchengemeinde

Zudem, so betont die Einrichtungsleitern, sei Palliative Care ein Gemeinschaftsprojekt, das nur eingebettet in ein größeres Netzwerk wirklich tragfähig ist. "Wir haben darum aktiv Kontakte zum Beispiel zur Hospizbewegung gesucht", erzählt sie.

Zwei Mitarbeitende des Heinrich-Held-Hauses haben sich zu ehrenamtlichen Hospizbegleitern ausbilden lassen. Ein Apotheker und Palliativmediziner wurden eng in das Konzept eingebunden.

Aber auch zur evangelischen Kirchengemeinde im Essener Stadtteil Überruhr besteht ein intensiver Kontakt, sei es im direkten Austausch mit den Pastoren oder im Diakonieausschuss. Regelmäßig besuchen Bewohnerinnen und Bewohner die Gottesdienste, Haus und Gemeinde feiern traditionell einen gemeinsamen Gottesdienst. Derzeit gibt es sogar die Idee, dem Heinrich-Held-Haus auf dem Friedhof der Gemeinde einen eigenen Bereich zur Verfügung zu stellen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner leben bereits seit vielen Jahren im Haus und fühlen sich hier beheimatet.

Menschen stehen im Hof unter einem Baum und trinken etwas

Mehr Austausch, mehr Lebensfreude: die Bewohnerinnen und Bewohner des Heinrich-Held-Hauses bei einer Feier im Sommer

Palliativ Care als Lebenskonzept

Seit Leitung und Team sich vor zwei Jahren für die Palliativ Care-Fortbildungen entschieden, haben nicht nur die Berührungsängste mit dem Thema Tod und Sterben abgenommen. "Überhaupt ist die Kommunikation offener geworden", stellt Pflegedienstleiterin Carola Höß fest.

So berichteten viele Mitarbeitende, wie sehr sie von den Fortbildungen im beruflichen und familiären Kontext profitierten. Plötzlich sei es möglich, mit den eigenen Eltern über den Tod zu sprechen. Und auch die Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Angehörige spürten eine Veränderung, ergänzt Einrichtungsleiterin Angelika Hardenberg-Ortmann.

"Ein gutes Palliativ Care-Konzept beginnt mit dem Augenblick, in dem ein Bewohner im Haus einzieht", sagt sie. Deshalb sei es wichtig, sich mit den kleinen Dingen zu beschäftigen, etwa welche Musik jemand gerne höre, welche Farben oder Gerüche er möge. Denn wenn derjenige krankheitsbedingt nicht mehr sprechen könne, werde dieses Wissen schnell essentiell. "Im Grunde genommen", betont Angelika Hardenberg-Ortmann, "ist Palliativ Care ein Lebenskonzept, das Lebensqualität und Lebensfreude bis zum Ende erhalten möchte". 

Text: Julia Fiedler/Sabine Damaschke, Fotos: Julia Fiedler

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Sabine Damaschke
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