3. November 2015

Studie zur Langzeitarbeitslosigkeit

"Auf Stärken aufbauen"

Jeden Monat bei der Vorstellung der neuen Arbeitslosenzahlen gibt es eine feste Konstante: knapp eine Million Langzeitarbeitslose. Unter dem Motto "Fördern und fordern" versucht man seit Jahren, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Bislang mit wenig Erfolg. Eine neue Studie nimmt die Potenziale der Langzeitarbeitslosen genauer in den Blick. Die Ergebnisse stellt Helmuth Schwarz, Arbeitsmarktexperte der Diakonie RWL, vor.

Portrait

Helmuth Schwarz

Herr Schwarz, das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland hat die neue Studie gemeinsam mit dem Evangelischen Fachverband für Arbeit und Integration durchgeführt, in der auch die Diakonie RWL Mitglied ist. Untersuchungen zur Lebenssituation Langzeitarbeitsloser gibt es ja schon viele. Was ist neu an dieser Studie?

Es gibt zwar schon viele Studien zur Situation von Langzeitarbeitslosen, aber die meisten sind quantitative Untersuchungen, bei denen es sich um Auswertungen verschiedener Datenmengen handelt. Diese Studie beschäftigt sich qualitativ mit den Lebensbewältigungsstrategien Langzeitarbeitsloser. Sie fragt danach, was diese Menschen für sich tun, damit sie handlungsfähig bleiben, also nicht an ihrer Lebenssituation krank werden, sich aus der Gesellschaft zurückziehen oder einen strukturierten Tagesablauf aufgeben. Dieser Ansatz ist nicht neu, wird aber eher selten verwendet. Daran anknüpfend geben die Wissenschaftler Handlungsempfehlungen, wie Jobcenter diese positiven Bewältigungsstrategien für ihre arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen nutzen können. Sie bauen also auf den Stärken dieser Menschen auf statt nur ihre Schwächen zu analysieren.

Was gehört denn zu diesen Bewältigungsstrategien?

Dazu gehört zunächst mal, früh aufzustehen, regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen, dem Tag also eine Struktur zu geben. Das haben alle 22 Teilnehmer der Studie getan. Ein Großteil hat Hobbies gepflegt. Gemeinsam ist allen, dass die Aktivitäten relativ preisgünstig sind und enthusiastisch betrieben werden. Dazu gehört Sport, insbesondere Vereinssport, Kochen, Interesse an Computer und Multimedia, Pflanzen züchten, Singen und Lesen. Ein weiterer Aspekt ist das soziale Netzwerk, das ausgesprochen wichtig für die psychische Gesundheit ist. Fast alle befragten Langzeitarbeitslosen nannten gute Bekannte und Freunde, die als wirtschaftlich und sozial gleichgestellte Personen beschrieben wurden. Sich mit Menschen zusammenzutun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, wird als hilfreich erlebt.

Zum Zeitpunkt der Studie haben sich alle Forschungsteilnehmer in Fördermaßnahmen oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit befunden. Welche Rolle spielt dieses Engagement für die Bewältigung der schwierigen Situation, keinen Job zu finden?

Alle Teilnehmer der Studie erhalten eine Grundsicherung nach „Hartz IV“. Zwanzig von ihnen bezogen diese staatliche Leistung zum Zeitpunkt der Untersuchung schon deutlich länger als 21 Monate, und gehörten damit zu den schwer vermittelbaren Arbeitslosen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Maßnahmen haben sie ganz klar in ihren positiven Bewältigungsstrategien unterstützt und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Interessant ist dabei, dass dieser Effekt auch genannt wurde, wenn die Tätigkeit eher relativ einfach war und dafür weder besonderes Wissen noch besondere Fähigkeiten erforderlich waren. So arbeiteten die Studienteilnehmer in Sozialkaufhäusern, Garten- und Landschaftsbaufirmen oder gastronomischen Betrieben.

In den vergangenen Jahren hat die Bundesregierung öffentlich geförderte Beschäftigung massiv zurückgefahren. Jetzt setzt langsam ein Umdenken auch in den Kreisen der CDU /CSU ein. Welche Chancen hat ein sogenannter „zweiter Arbeitsmarkt“ derzeit?

Eine Forderung der Studie ist es, die öffentlich geförderte Beschäftigung aus- statt abzubauen und qualitativ aufzuwerten, also statt Arbeitsgelegenheiten sozialversicherungspflichtige und tariflich bezahlte Jobs zu schaffen. Hatten 2009 im Jahresdurchschnitt 344.000 langzeitarbeitslose Menschen noch eine solche Stelle, so waren es im Dezember 2014 nur 93.000. Auch die Politik hat mittlerweile erkannt, dass es unter der sehr heterogenen Gruppe der Langzeitarbeitslosen rund 200.000 bis 300.000 Menschen gibt, die nur sehr schwer in den ersten Arbeitsmarkt vermittelbar sind. Für diese brauchen wir öffentlich finanzierte Beschäftigung.

Es macht keinen Sinn, Betroffene mit immer neuen Bewerbungen, Bewerbungstrainings und kurzfristigen Qualifizierungsmaßnahmen zu überfordern und letztlich krank zu machen. Wir müssen überhaupt viel stärker zwischen Langzeitarbeitslosen unterscheiden. Eine große Gruppe sind alleinerziehende Mütter, von denen viele eine qualifizierte Ausbildung haben, aber eine gute Kinderbetreuung und andere Arbeitszeiten brauchen. Langsam setzt sich die Erkenntnis auch bei Politikern durch, dass wir individuelle, maßgeschneiderte Angebote benötigen. Aber der Weg dahin, diese auch zu entwickeln und anzubieten, ist leider noch weit. Als Diakonie RWL sind wir dabei, Druck zu machen, dass es schneller geht und vor allem mehr Geld in diesen Bereich fließt.

Es wird viel darüber diskutiert, Langzeitarbeitslose auch für die Betreuung von Flüchtlingen einzusetzen. Was halten Sie vor dem Hintergrund der Studienergebnisse davon?

Ich bin da etwas zurückhaltend, denn Flüchtlinge brauchen vor allem Sprachkurse, Dolmetscher und Bildungsangebote. Der Großteil der Langzeitarbeitslosen bringt nicht die Qualifikationen mit, um diese Aufgaben leisten zu können. Allerdings haben wir unter den Langzeitarbeitslosen auch ungefähr ein Drittel Migranten. Bei dieser Gruppe hingegen könnte ich mir gut vorstellen, dass sie etwa für Dolmetscherdienste oder in der kulturellen Arbeit mit Flüchtlinge gut einsetzbar sind.

Wie geht es jetzt mit der Studie weiter? Zu welchen politischen Konsequenzen sollte Sie Ihrer Meinung nach führen?

Die Studie sollte deutlich machen, dass auch Langzeitarbeitslose über mancherlei Potenziale verfügen und dass es eine große Heterogenität unter ihnen gibt. „Qualifizierungsmaßnahmen von der Stange“ sind nicht sinnvoll. Wir brauchen viel mehr individuelle Angebote, die regional unter Beteiligung der Träger und Jobcenter vor Ort entwickelt werden sollten und nicht von ganz oben über Vorgaben der Bundesagentur für Arbeit. Unbedingt notwendig ist eine gute Vernetzung aller Beteiligten am regionalen Arbeitsmarkt. Dazu gehören auf jeden Fall die Wohlfahrtsverbände. Und natürlich ist diese Studie auch ein klarer Appell in Richtung Bund, endlich einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt zuzulassen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

 

Literaturangaben:

Antje Bednarek-Gilland: Fragiler Alltag ─ Studie zu den Fähigkeiten langzeitarbeitsloser Menschen, Verlag creo-media Hannover, 116 Seiten. Das Buch kostet 9,80 Euro. Ab 10 Exemplaren gibt es Mengenrabatt: Stückpreis 7,50 Euro plus Porto. Bestellungen beim Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
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