12. Dezember 2016

Arbeitslosenreport NRW

Fördermittel landen in Verwaltung

Langzeitarbeitslose profitieren immer seltener von Fortbildungen, Umschulungen oder qualifizierenden Beschäftigungsprojekten. Seit 2010 sind die Leistungen zur Eingliederung in Arbeit in Nordrhein-Westfalen um 35 Prozent gekürzt worden. Zudem fließt ein Teil der Fördermittel in die Verwaltung der Jobcenter. Das belegt der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW.

Portrait

Erfahrener Erwerbslosenberater aus Herford: Frank Riedel

Wenn Frank Riedel von der Evangelischen Stiftung Maßarbeit in Herford sein Büro verlässt, schwirrt ihm nicht selten der Kopf. Regelmäßig bis zu zwölf Beratungsgespräche führt der Erwerbslosenberater täglich, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

Mittlerweile, so gibt der 53-jährige Sozialarbeiter zu, ficht er mit seinen Klienten einen harten Kampf mit dem Jobcenter um die Teilnahme an Umschulungen, Fortbildungen oder Qualifizierungsmodulen aus. "Arbeitslose müssen regelrecht lästig werden, damit Maßnahmen finanziert werden, die sie befähigen, in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten oder überhaupt für einen Job qualifizieren."

Seit 1995 arbeitet Frank Riedel in der Evangelischen Stiftung Maßarbeit, die zum Fachverband für Arbeit und soziale Integration der Diakonie RWL gehört. Nach all den Jahren als Erwerbslosenberater weiß er, wie wichtig die eigene Motivation für eine erfolgreiche Arbeitssuche ist. "Ich habe hier Klienten sitzen, die nichts lieber wollen, als sich für ihren Beruf weiterzubilden, aber wiederholt in eine Arbeitsgelegenheit oder sonstige Aktivierung geschickt werden oder sich auf Stellenvorschläge für Hilfsarbeiter bewerben müssen." Mit dem Ergebnis, dass sie einige Monate später wieder bei Frank Riedel in der Beratung sitzen.

Obdachloser Mann bei der Beratungsstelle

Kaum noch Hoffnung auf einen Job - Langzeitarbeitsloser im Jobcenter (Foto: LAG Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Langzeitarbeitslose werden dauerhaft abgehängt

Denn Fortbildungen und Umschulungen sind teuer und werden vom Jobcenter immer seltener bezahlt. Von 2010 bis 2015 hat die Bundesregierung das Budget für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für Menschen im Hartz IV-System deutlich reduziert.

In NRW sind die geplanten Ausgaben für die sogenannten Leistungen zur Eingliederung in Arbeit in den fünf Jahren durchschnittlich um 35 Prozent zurückgefahren worden, in Herford sogar um 42 Prozent. Das belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW.

"Wenn wir verhindern wollen, dass mehr als eine Million Menschen in NRW dauerhaft von der Gesellschaft abgehängt werden, müssen die Mittel zur Eingliederung in Arbeit für Langzeitarbeitslose wieder deutlich angehoben werden", fordert der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Andreas Johnson. Zumal ein Teil der von 1,47 Millionen Euro (2010) auf 950 Millionen Euro (2015) reduzierten Finanzmittel in die Verwaltung der Jobcenter fließt.

Jeder sechste Euro fließt in Verwaltung

2015 erreichte die Umschichtung zwischen den Budgets laut Arbeitslosenreport einen Höchstwert. Die Jobcenter in NRW 16 Prozent des Eingliederungsetats nicht für ihren ursprünglichen Zweck, sondern leiteten das Geld in ihren Verwaltungsetat für Personal- und Sachkosten um. Das entspricht fast jedem sechsten Euro. Spitzenreiter war dabei laut Arbeitslosenreport der Kreis Kleve, der 36 Prozent der Eingliederungsmittel umleitete. Das Jobcenter Wuppertal führte dagegen nur ein Prozent seinem Verwaltungsetat zu.

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Ina Heythausen

Eine Praxis, die zwar legal, aber nach Ansicht der Freien Wohlfahrtspflege und der Diakonie RWL nicht legitim ist. "Ich bin sicher, dass in vielen Jobcentern die Personaldecke sehr kurz ist", sagt Ina Heythausen, Referentin für Arbeitsmarktpolitik des Sozialverbands.

Die Umschichtungen aus den Eingliederungsmitteln in den Verwaltungshaushalt seien aber der falsche Weg. "Die Sparmaßnahmen und die Standardförderangebote der letzten Jahre haben viele Menschen in eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit geführt. Hier muss dringend ein Umdenken erfolgen."

Individuelle Förderung kostet Zeit

Und zwar eines, das nicht nur den Grundsatz des „Forderns“, sondern auch des "Förderns" betont, meint Frank Riedel. Er beobachtet, dass in vielen Eingliederungsvereinbarungen, die das Jobcenter mit Erwerbslosen schließt, vor allem die Pflicht zu Bewerbungen auf offene Stellen besteht. "Die Bewerbungsmappen und Bewerbungstrainings sowie die Fahrtkosten zum Bewerbungsgespräch werden bezahlt, nicht aber eine berufsbezogene Qualifizierung oder Umschulung, die die Langzeitarbeitslosen überhaupt befähigt, den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden."

Dabei liegt es seiner Ansicht nach nicht nur an den fehlenden Fördermitteln, weshalb Eingliederungsleistungen immer seltener bezahlt werden. "Es kostet die Mitarbeitenden des Jobcenters auch Zeit, mit den Erwerbslosen herauszufinden, welche Qualifizierungsmaßnahme tatsächlich passt, motiviert und damit letztlich zum Erfolg führt." Doch genau diese Zeit hätten viele Mitarbeitenden nicht, weil die Personaldecke in den Jobcenter sehr dünn sei.

"In Herford", so sagt er, "sind viele Fallmanager daher froh, dass es die Erwerbslosenberatung der Evangelischen Stiftung Maßarbeit gibt." Eine bessere Personalausstattung im Jobcenter aber würde letztlich auch Frank Riedel und seine zwei Kolleginnen entlasten. "Wir zählen jährlich rund 3.000 Beratungskontakte, damit kommen wir inzwischen stark an unsere Grenzen."

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, Jugendsozialarbeit
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