2. März 2017

Diakonischer Vertrieb

Chancen schaffen mit edlen Produkten

Ob Kerzenständer, Stofftiere, Hocker oder Bienenhonig – In Beschäftigungsunternehmen fertigen arbeitslose Menschen viele schöne Produkte. Aber wo und wie kann man sie gut verkaufen und damit neue Jobs schaffen? Unter dem Dach der Diakonie RWL beschäftigt sich eine Gruppe diakonischer Vertriebsexperten mit genau dieser Frage. 

Glascontainer

Im Glascontainer wirken die ausgestellten Produkte noch edler 

Wenn sie das Nähatelier auf dem Gelände der Neuen Arbeit Essen verlässt, wirft Julia Paschen gern einen Blick in den hell erleuchteten Glascontainer. Die dort ausgestellten bunten Stoffkrokodile und -frösche, die Taschen, Hocker und Kerzenleuchter sehen darin besonders edel aus.

Manchmal trifft die Designerin auf dem Nachhauseweg auch eine ihrer Näherinnen vor dem Container. "Die Frauen, die in unserem Atelier arbeiten, sind stolz darauf, dass wir ihre Produkte bald in einem eigenen Shop verkaufen", sagt sie. 

Ausstellung Holzprodukte

Auf Messen sind die Holzprodukte der Neuen Arbeit gut angekommen 

Die Ware kann jetzt auch online bestellt werden. Mit der Produktion hochwertiger Artikel für zahlungskräftigere Kunden betritt die Neue Arbeit Essen Neuland. Bislang wurden die Artikel, die in ihren Werkstätten entstanden sind, in Sozialkaufhäusern, auf Basaren der Essener Kirchengemeinden oder in Kindergärten angeboten.

"Wir haben vieles für die Tonne gebaut", gibt Sven Stornebel, Abteilungsleiter der neuen Kreativwerkstatt, zu. Sie soll nun hochwertige Produkte unter dem Titel "Kronenkreuz" entwickeln und vermarkten, die bei der Neuen Arbeit entstehen. 

Frau hält zwei Stofftiere hoch

Julia Paschen ist stolz auf "ihre" Designer-Frösche

Hohe Erwartungen, schwieriger Markt

Über 200 Langzeitarbeitslose qualifiziert die Beschäftigungsgesellschaft, die Mitglied der Diakonie RWL ist, in verschiedenen Arbeitsfeldern, unter anderem im Nähatelier. "Wenn sich unsere Produkte gut verkaufen, können wir damit bessere Stoffe und Maschinen bestellen", freut sich Julia Paschen.

"Das wiederum ermöglicht die Herstellung hochwertigerer Designerstücke, die gut für die Bewerbungsmappen unserer Näherinnen sind. Letztlich könnten sogar neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstehen."

Gruppenfoto

Die Arbeitsgruppe auf ihrem jüngsten Treffen in Velbert

Die Erwartungen sind hoch, aber der Markt ist schwierig. Deshalb hat sich jetzt unter dem Dach der Diakonie RWL eine "Arbeitsgruppe diakonischer Vertrieb" gegründet, dem Beschäftigungsunternehmen aus Aachen, Duisburg, Essen, Köln, Velbert und Wuppertal angehören.

In regelmäßig stattfindenden Workshops überlegen sie, wie sie eine gemeinsame Wort-Bild-Marke entwickeln können, unter der die Produkte auf Messen, in Heimatdesign- und Upcycling-Läden sowie einem eigenen Onlineshop verkauft werden.

Gruppenbild

Matthias Jacobstroer (r.) und Markus Osthoff mit ihrem Verkaufsschlager, der Feuerschale 

Ganz im Trend: Upycycling

Die GESA Wuppertal bietet ihre Artikel unter der Marke "Heldentaten" bereits im Internet an. Seit August 2014 werden sie von benachteiligten Jugendlichen in der "Heldentaten-Produktionsschule" hergestellt. Viele Produkte entstehen aus Elektroschrott, etwa die Feuerschale für den Garten. Sie besteht aus einer Waschmaschinentrommel mit drei abgekanteten, zinkfarbenen lackierten Beinen.

Zum Verkaufsschlager entwickelt sich auch ein Kratzbaum für die Katze, der aus einer mit einem Sisalteppich überzogenen Waschmaschinentrommel gefertigt ist. "Mit unseren Heldentaten-Produkten machen wir derzeit einen Umsatz von rund 10.000 Euro im Jahr", berichtet Geschäftsführer Matthias Jacobstroer. "Wir möchten diesen Umsatz aber gerne im Monat erreichen."

Ausstellung von Holzartikeln

Liebevoll designed und hergestellt: Palettenmöbel der low-tech 

Auch die low-tech, eine gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft in Aachen und Düren, hat sich auf Upcycling-Produkte spezialisiert. Sie verkauft Gürtel aus Fahrradschlaufen, Sitzkisten aus Paletten, textile Pflanzvasen oder originelle Vogelhäuschen aus Metall. Auf vielen Artikeln stehen die Namen derjenigen, die das Produkt hergestellt haben. "Für die Teilnehmer unserer Qualifizierungsprogramme ist das eine wichtige Wertschätzung", betont Projektleiter Michael Omsels. "Hinter jedem Produkt steckt ein Mensch mit einer besonderen Geschichte."

Mann zeigt jungem Mädchen, wie Autoteil lackiert wird

Frank Hammes (r.) leitet Jugendliche in der Lackiererei an 

Werbung mit Geschichten machen

Und diese Geschichten, darin ist sich die Arbeitsgruppe einig, müssen erzählt werden. "Der Käufer soll wissen, dass er nicht nur ein schönes und hochwertiges Produkt erwirbt, sondern damit auch sozial benachteiligten Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen hilft", betont Frank Hammes vom Jugendwerk Köln. Der gelernte Fahrzeuglackierer schult junge Männer ab 16 Jahren in der eigenen Kfz-Werkstatt des diakonischen Jugendhilfeträgers. Einige sind Schulverweigerer oder -abbrecher, andere haben Vorstrafen.

Oldtimer in der Werkstatt

Gute Pflege für einen Oldtimer - dafür will die Werkstatt des Jugendwerks Köln überregional bekannt sein

"Bei uns geht es sehr viel um Motivation und Erziehung", sagt Hammes. "Kurze, schnelle Erfolgserlebnisse wie die Pflege eines schönen Oldtimers sind wichtig. Damit identifizieren sich die Jungs enorm." Doch auch in der Metallbearbeitung gibt es diese Erfolgserlebnisse, wenn originelle Arbeitsstücke wie ein "Metallvogel" entstehen.

Das Jugendwerk Köln betreut in acht verschiedenen Programmen und Lehrgängen etwa 450 Jugendliche. Dabei sucht Geschäftsführerin Annette Nowinski immer wieder neue Arbeitsfelder, für die sich die jungen Menschen begeistern können.

Drei junge Leute in Imkeranzügen

Altes Handwerk, neu entdeckt: Jugendliche mögen die Imkerei 

Von Bienenvölkern und Kindergitarren

Zu den jüngsten Projekten zählt die Imkerei, in der sechs Jugendliche beschäftigt sind. Der Honig wird in der Kirchengemeinde, auf deren Grundstück die Bienenvölker stehen, angeboten. "Es wäre schön, wenn wir diesen Bereich weiter ausbauen und den Honig überregional verkaufen könnten, denn die Arbeit mit den Bienen macht den Jugendlichen sehr viel Spaß und motiviert sie, Verantwortung zu übernehmen", sagt Annette Nowinski.

Portraitfoto

Michael Richard-Sommer mit der Kindergitarre 

In der Tischlerei des Diakoniewerks Duisburg, die junge Menschen zum Holzbearbeiter ausbildet oder umschult, geht es dagegen musikalisch zu. Das neueste Produkt ist eine Kindergitarre mit schmalem Bund und nur drei Saiten. "Viele Kinder möchten gerne Gitarre lernen, aber sie können das Instrument nicht greifen", erklärt Michael Richard-Sommer vom Fachbereich Arbeit und Ausbildung.

Er hofft nun, eine Marktlücke entdeckt zu haben, die auch überregional funktioniert. Duisburger Kindergärten seien bereits an der besonderen Gitarre interessiert, erzählt er. Nun braucht es noch ein Liederheft. Das soll in Zusammenarbeit mit der örtlichen Musik- und Kunsthochschule entstehen. "Und dann kann es endlich losgehen mit dem Verkauf."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Sabine Damaschke, Neue Arbeit Essen, low tech Aachen, Jugendwerk Köln

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