20. Juni 2016

Neuer Arbeitslosenreport NRW

Mehr Jobchancen für Langzeitarbeitslose

Die Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt sich in NRW. Nur jeder 37. Arbeitslose, der Hartz IV bezieht, fand 2015 einen Job. Das belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Die Diakonie RWL fordert daher mehr öffentlich geförderte Beschäftigung. Michael Stelzner und Jessica Weiner von der NEUE ARBEIT der Diakonie Essen berichten über erfolgreiche Projekte.

Portrait

Michael Stelzner (Foto: Diakonie Essen)

Die Wirtschaft boomt, es gibt viele Jobs. Dennoch haben wir in NRW konstant um die 300.000 Langzeitarbeitslose. Warum geht diese Zahl nicht zurück?

Michael Stelzner: Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt haben sich geändert. In den achtziger und neunziger Jahren wurde das Ruhrgebiet zu einer Verwaltungsmetropole umgestaltet. Arbeitsplätze für sehr gering qualifizierte Menschen sind weggebrochen. Im Gegensatz zu Bayern oder Baden-Württemberg haben wir wenig Industrie, in der noch Jobs in einfachen Handwerksbereichen angeboten werden. Wir haben zwar seit 2008 insgesamt eine deutlich bessere konjunkturelle Lage und auch im Ruhrgebiet suchen Arbeitgeber neue Mitarbeiter, aber sie müssen bestimmte Qualifikationen mitbringen, über die viele Langzeitarbeitslose, mit denen wir zu tun haben, nicht verfügen.

Was gehört dazu?

Jessica Weiner: Heutzutage ist es an fast jedem Arbeitsplatz – ob in der Industrie oder im Dienstleistungsbereich - wichtig, mit einem Computer umgehen, gut schreiben, lesen und einigermaßen rechnen zu können. Da hapert es schon. Hinzu kommt, dass diejenigen, die schon lange arbeitslos sind, erstmal stabilisiert werden müssen, bevor sie einen langen Arbeitstag durchstehen können. Es ist kaum möglich, sie nur beruflich zu qualifizieren und dann zu vermitteln. Daher sind arbeitsmarktnahe Beschäftigungsmöglichkeiten für diese Gruppe ideal.

Die NEUE ARBEIT hat am NRW-Landesprogramm "Öffentlich geförderte Beschäftigung" teilgenommen, in dem von 2013 bis 2015 rund 90 Projekte mit 2.000 Stellen in gemeinnützigen und öffentlichen Betrieben gefördert wurden. Die Evaluation der Projekte ist gerade abgeschlossen. Was sind die Ergebnisse? 

Michael Stelzner: Die Teilnehmer, die zum großen Teil länger als fünf Jahre arbeitslos waren, haben sich stark mit ihrer Arbeit identifiziert. Viele fanden aus ihrer Isolation heraus und fühlten sich wieder gesellschaftlich integriert. Die Evaluation des Modellprojektes "Öffentlich geförderte Beschäftigung" zeigte als Ergebnis, dass es kaum "Einsperreffekte" gab, die sonst häufiger bei Beschäftigungsmaßnahmen beobachtet werden. Das heißt, die Teilnehmer der Projekte wurden in den zwei Jahren nicht von der Aufnahme einer nicht geförderten Beschäftigung abgehalten. Rund 50 Prozent der Teilnehmer haben das geschafft. Unser Ziel, sie für den regulären Arbeitsmarkt fit zu machen, ist also gelungen. 

Portrait

Jessica Weiner (Foto. Diakonie Essen)

Jessica Weiner: Das lag vor allem an der guten Kombination von Coaching, Fachanleitung und passgenauer Vermittlung in die Beschäftigung. Es ist eine Art „Dreierbündnis“ zwischen jedem Teilnehmer, seinem Job-Coach und den Fachanleitern, die sie in dem jeweiligen Arbeitsfeld qualifiziert haben, entstanden. Bei uns haben 42 Menschen in zwei Modellprojekten in der Großküche, im Garten- und Landschaftsbau, im mobilen sozialen Dienst und im Energiesparservice gearbeitet. Nach den guten Ergebnissen ist das Landesprogramm nun unbefristet aufgelegt worden. Wir beteiligen uns wieder und bieten jetzt 72 Plätze an. Die Hälfte unserer Teilnehmer ist ungelernt, der Großteil über 50 Jahre alt. 

Wie wird das Programm finanziert?

Michael Stelzner: Wir stellen als gemeinnütziger Projektträger auf zwei Jahre befristete sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern zur Verfügung. Vom Jobcenter erhalten wir einen Lohnkostenzuschuss von bis zu 75 Prozent, die weiteren Lohnkosten sowie Kosten für die Fachanleitungen müssen wir selbst tragen. Die Job-Coaches werden vom Landesprogramm finanziert. Derzeit bietet die NEUE ARBEIT 72 Teilnehmerplätze  in drei Projekten an.

Rechnen Sie damit, dass dieses nun langfristig angelegte Projekt die Langzeitarbeitslosigkeit in NRW tatsächlich deutlich reduzieren kann?

Jessica Weiner: Das wäre natürlich wünschenswert. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, das dieses Programm evaluiert hat, schätzt, dass von einem öffentlich geförderten Arbeitsmarkt bundesweit bis zu 200.000 Menschen profitieren würden, davon an Rhein und Ruhr rund 60.000 Menschen. Alle Langzeitarbeitslosen wird man damit also nicht erreichen können. 

Michael Stelzner: Meiner Ansicht nach brauchen wir längerfristige Angebote öffentlich geförderter Beschäftigung, die nicht nur auf zwei Jahre begrenzt sind. Dazu haben wir von der Diakonie ja schon vor zehn Jahren das Modell des "Passiv-Aktiv-Transfers" vorgestellt. Langzeitarbeitslose erhalten reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, die finanziert werden, indem man alle Transferleistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes in einen Lohnkostenzuschuss umwandelt. Als ich dieses Modell damals vorstellte, bin ich ausgelacht worden. Jetzt diskutieren Politiker ernsthaft darüber. Das nehme ich als hoffnungsvolles Zeichen. 

Michael Stelzner ist Geschäftsführer der NEUE ARBEIT der Diakonie Essen und Leiter des Fachverbandes für berufliche und soziale Integration (FABI) der Diakonie RWL. Jessica Weiner ist Fachbereichsleiterin für arbeitsmarktpolitische Projekte bei der NEUE ARBEIT der Diakonie Essen.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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