5. Januar 2017

Inklusion – Gute Beispiele

Stark auf dem Rücken des Pferdes

Akrobatik auf einem Pferderücken – Das sieht nicht nur schön aus, es macht Kinder und Jugendliche auch stark. Das Voltieren fördert die Beweglichkeit, Sprachkompetenz und das Selbstvertrauen. An der Hans-Helmich-Schule in Mettmann wird es deshalb unterrichtet. Die Förderschüler gewinnen sogar Turniere - und zwar gemeinsam mit Jugendlichen allgemeinbildender Schulen. Als besonderes Talent gilt Janine.

Junges Mädchen turnt auf einem weißen Pferd

Naturtalent: Janine auf dem Voltigierpferd

Zwischen den Kinder und Jugendlichen, die laut redend und gestikulierend auf den Düsseldorfer Reiterhof kommen, fällt Janine kaum auf. Mit gesengtem Kopf und hängenden Schultern läuft das 15-jährige Mädchen still neben den anderen sechs Schülern der Hans-Helmich-Schule zum Aufenthaltsraum.

Erst wird gefrühstückt, dann die Reiterkleidung angezogen, die beiden Pferde Gáska und Lija gesattelt, und dann geht es los mit dem therapeutischen Reiten und Voltigieren.

Seit einem Jahr gehört Janine zur Schülergruppe, die jeden Mittwoch mit Sonderpädagogin Heike Wedler von der privaten Förderschule der Stiftung Hephata in Mettmann zum Reit- und Pony-Club Düsseldorf fährt, um auf dem Reiterhof einen ganz anderen Unterricht zu erleben. Heide Wedler streicht Janine besorgt über die Wange. Vielleicht brütet Janine eine Erkältung aus, vielleicht gab es Ärger zuhause. Die Schülerin erzählt nicht viel. Doch dann geht die Tür des Aufenthaltsraumes auf und ihre Großeltern stehen da. Sie wollen beim Training zuschauen. 

Janine mit ihren Großeltern 

An der Herausforderung wachsen

In das müde und schlapp wirkende Mädchen kommt plötzlich Bewegung. Sie läuft auf die Großeltern zu, umarmt sie, strahlt und drängt zum Aufbruch in die Reithalle. Jetzt möchte sie zeigen, was sie kann.

"Janine braucht viel Liebe und Zuneigung", sagt Großmutter Lucie Hänell. "Sie hat in ihrem Leben schon so viel durchmachen müssen, schwere Operationen, die Scheidung ihrer Eltern. Wir sind für sie ein fester Halt."

Als Janine das Voltigierpferd Lija, eine hellfalbe Norweger-Stute, begrüßt, scheint sie zu wachsen. Selbst für eine Jugendliche mit Trisomie 21 ist das Mädchen sehr klein und zart, noch nicht einmal 1,50 Meter groß. Sie muss sich strecken, um Lijas Pferdehals klopfen und streicheln zu können. Dann führt sie das Tier in die Reithalle. Dort macht Heike Wedler eine lange Longe an Lijas Voltigiergurt fest.

Gruppenbild

Begeisterte Reitlehrerin: Rektorin Martina von Hagke-Cox 

Auch das andere Therapiepferd, Gàska, ein windfarbener Isländer, trabt in die Halle. Die Rektorin der Hans-Helmich-Schule, Martina von Hagke-Kox, ist regelmäßig dabei, um das therapeutische Reiten zu unterstützen. Die beiden 18-jährigen Schüler Lena und Benjamin trainieren mit ihr, während Heike Wedler mit Janine, Leonie, Michelle, Helena und Clarissa das Voltigieren übt.

Ein Glücksfall für die Schule

Die Sonderpädagogin führt die Stute an der Longe im Kreis. Jeweils zwei der 11- bis 15-jährigen Mädchen turnen auf Lija. Die anderen machen unter der Leitung von Wedlers Tochter Mara Dehnübungen auf dem Boden und Voltigierübungen auf einem Holzpferd. Die 19-jährige Psychologiestudentin voltigiert, genau wie ihre Schwester, schon seit zehn Jahren. 

Junges Mädchen hält kleines Fotoalbum in der Hand

Mit Hilfe der Bilder in einer Fotomappe prägt sich Janine ihre Kür ein

Durch ihre beiden Töchter hat Heike Wedler den Reitsport auch für sich und ihre Schüler entdeckt. Sie kaufte Lija und Gàska und machte eine Ausbildung zur therapeutischen Reit- und Voltigierlehrerin.

Ein Glücksfall für die Schule, denn so müssen über Spenden nur noch die Ausgaben für die Teilnahme an Turnieren, die Teamtrikots und die Anlagennutzung finanziert werden.

"Die Kinder und Jugendlichen freuen sich über alles, was ihnen gelingt und turnen ohne den üblichen Leistungsdruck", erzählt Mara. "Es macht mir deshalb mehr Spaß, mit ihnen zu voltigieren als mit Kindern ohne Handicap." Auf dem Reiterhof unterstützt sie ihre Mutter regelmäßig beim Training und nimmt an den inklusiven Voltigiergruppen teil, die Heike Wedler für Turniere mit Jugendlichen des Reitvereins und ihren Schülern zusammenstellt.

Konzentration und Kreativität im Reitstall

"Ich muss Janine immer wieder ermutigen, sich an Neues heranzutrauen", sagt Heike Wedler. "Aber es gelingt ihr meist sehr schnell und dann denkt sie sich neue Elemente für eine Kür aus." Konzentration, Durchhaltevermögen, Kreativität – für den Reitsport bringt die Schülerin alles mit. Anders als im Unterricht. "Rechnen, Lesen, Schreiben fällt ihr schwer", erzählt die Sonderpädagogin. Im Unterricht ist Janine oft still und zurückgezogen. Im Reitstall geht sie aus sich heraus. "Juchu", ruft sie freudestrahlend, als es ihr gelungen ist, auf der trabenden Lija Turnübungen mit einem Reifen zu machen. 

Ein Mädchen striegelt einen weißen Pferderücken

In Lijas Nähe wird Janine selbstbewusst

Seit ihre Enkeltochter voltigiere, sei sie viel selbstbewusster geworden, bestätigt Großvater Peter Hänell. "Sie traut sich jetzt auch mal, Nein zu sagen." Er habe immer schon an Janine geglaubt, betont er. Auch in Zeiten, als sie nach diversen Herz-, Magen- und Speiseröhren-Operationen schwach und klein im Klinikbett gelegen habe und die Ärzte nicht daran geglaubt hätten, dass dieses Kind sich jemals gut bewegen könne.

Türöffner in eine andere Welt

Voller Stolz berichten die Großeltern über die Special Olympics in Hannover, die weltgrößten Spiele für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Janine nahm daran im Juni 2016 mit ihrer Inklusionsgruppe teil. Im "Unified-Gruppenvoltigieren" holte ihr Team den zweiten Platz, im Einzelvoltigieren machte Janine den vierten Platz. Ein tolles Ergebnis für eine Schülerin, die erst seit einem Jahr voltigiert.

Portrait

Engagierte Trainerin und Lehrerin: Heike Wedler 

Für die kommenden Special Olympics 2018 möchte Heike Wedler ihre Gruppe wieder qualifizieren. "Der Reitsport ermöglicht es ihnen, Teil einer Welt zu sein, die ihnen sonst verschlossen bleibt", meint die Sonderpädagogin. Die Turniere, das Training mit Jugendlichen anderer Schulen – all das ist für Heike Wedler "Inklusion im besten Sinne".

Text: Sabine Damaschke

Fotos: Udo Leist/Stiftung Hephata

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