6. Juli 2016

Inklusion – Gute Beispiele

Deutschlands erste inklusive Burger

Im "Godesburger" wird Vielfalt groß geschrieben. Das gilt nicht nur für die diversen Hamburger auf der Tageskarte, sondern auch für die Mitarbeitenden. Im inklusiven Bonner Burger-Restaurant arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung erfolgreich zusammen. Dafür hat das Projekt des Bonner Vereins für gemeindenahe Psychiatrie, ein Mitglied der Diakonie RWL, gerade den Inklusionspreis NRW erhalten.

Portrait

Davut Dere-Knapp arbeitet gern in der Küche

Keiner kann so schnell Kartoffeln schälen wie Davut Dere-Knapp. Wenn er sich im Restaurant "Godesburger" im Bonner Stadtteil Bad Godesberg durch ganze Berge von Knollen arbeitet, fliegen die Schalen nur so. Dabei schaut der Koch immer wieder aufmerksam auf, um mitzubekommen, was um ihn herum vorgeht. Denn Dere-Knapp ist taubstumm. Danach gefragt, wie die Verständigung mit den Kollegen klappt, reckt der 42-Jährige beide Daumen in die Höhe und zieht dann mit den Zeigefingern seine Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben. Will heißen: "Es klappt prima."

"Die Kommunikation läuft über Zeichensprache", erklärt Restaurantleiterin Sabine Widera. Dere-Knapp formt mit den Händen eine nach oben ansteigende Treppe. "Und es wird immer besser", übersetzt seine Chefin. Die gelernte Köchin arbeitet täglich mit Menschen zusammen, die unterschiedliche Handicaps haben. Fünf der neun Mitarbeiter der Küchencrew des "Godesburger" haben Lernbehinderungen, sind psychisch krank oder autistisch. Dere-Knapp ist der einzige taubstumme Mitarbeiter. Unterstützt wird das Team von sechs Studentinnen, die auf Minijob-Basis arbeiten und die Bedienung der Gäste übernehmen.

Gerhard Wolf und Sabine Widera stehen mit einem Menueschild vor dem Eingang des Restaurants

Herzliche Willkommen! - Geschäftsführer Gerhard Wolf mit Restaurantleiterin Sabine Widera

Ausgezeichnetes Konzept

Mit dem "Godesburger" hat die PRIMA Gemeinnützige Einrichtungen Bonn GmbH des Bonner Vereins für gemeindenahe Psychiatrie vor knapp zwei Jahren Deutschlands erstes inklusives Fastfood-Restaurant eröffnet. Ein ehrgeiziges Projekt, für das der Verein, der Mitglied bei der Diakonie RWL ist, am vergangenen Wochenende den Fachpreis "Arbeit und Qualifizierung" des Inklusionspreises NRW erhielt. Die Auszeichnung soll gelungene Beispiele inklusiver Praxis bekanntmachen und zum Nachahmen anregen. Insgesamt acht Projekte zwischen Aachen und Oberhausen wurden vom nordrhein-westfälischen Sozialministerium geehrt.

Bevor es im September 2014 startete, hatte es eine sorgfältige Marktanalyse gegeben. Die Entscheidung für ein Burger-Restaurant sei aus zwei Gründen gefallen, erklärt Geschäftsführer Gerhard Wolf. Ein solches Restaurant gab es in der näheren Umgebung noch nicht. Außerdem habe man nach einem unkomplizierten Gastronomie-Konzept gesucht, das sich gut mit behinderten Arbeitnehmern umsetzen ließ. Das laut Wolf bundesweit einmalige Projekt wurde von der Stadt Bonn gefördert. Die hatte in ihrem behindertenpolitischen Teilhabeplan ein Leuchtturmprojekt für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung vorgesehen.

Noch arbeitet das Restaurant nicht kostendeckend. "Aber wir sind da auf einem sehr guten Weg", betont Wolf. Die Nachfrage ist auf jeden Fall da. Rund 100 Gäste bewirtet das Restaurant täglich. Viele davon sind Besucher des gegenüber liegenden großen Kino-Centers, die nach der Vorstellung noch schnell etwas essen wollen.

Burger mit Pommes auf dem Tisch

Hmmm, lecker: Burger-Menue

Hohe Motivation und niedriger Krankenstand

Mit seinem Team ist der Geschäftsführer sehr zufrieden. "Zwar sind die Mitarbeiter mit Behinderungen in manchen Bereichen langsamer", gibt er zu. Dafür seien sie aber überdurchschnittlich motiviert. "Sie arbeiten gerne und sind stolz darauf", beobachtet Wolf. Das Vorurteil vieler Arbeitgeber, Menschen mit Handicap seien häufiger krank, kann Wolf nicht bestätigen. "Bei uns ist der Krankenstand niedriger als in anderen gastronomischen Betrieben." Das hat einen Grund: im "Godesburger" werden die Mitarbeiter dank flexibler Arbeitszeitmodelle nur so stark beansprucht, wie sie es leisten können.

Oft kämen Menschen mit Behinderung in Betrieben nicht zurecht, weil keine Rücksicht auf ihre Besonderheiten genommen werde, so Wolf. "Man muss sich auf die einzelnen Leute einstellen", ergänzt Restaurantleiterin Sabine Widera. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern hat damit kein Problem. "Die Mitarbeiter sind hier auch ein bisschen wie meine Kinder. Jeder hat eben seine Eigenheiten." Wenn man aber bestimmte Dinge beachte, könnten sie viel leisten.

Starke Leistung dank angepasster Arbeitsabläufe

Wichtig sei zum Beispiel, dass die Arbeitsabläufe immer gleich seien, sagt Widera. Darauf müssen sich die Schichtleiter einstellen, die jeweils mit zwei behinderten Kräften gemeinsam in der Küche arbeiten. Auch die Kommunikation läuft im "Godesburger" etwas anders ab als in den meisten Restaurantküchen. "Mit Ironie können die meisten Behinderten zum Beispiel nichts anfangen", erklärt die Restaurantleiterin. Und harsche, knappe Befehle verschreckten sie eher. Widera spürt sofort, wenn bei einem ihrer Mitarbeiter etwas nicht stimmt, etwa weil der Ton in der Hektik doch einmal etwas rauer war. "Dann räumen wir das sofort aus", sagt sie.

Portrait

Anneliese Freytag mit Koch Davut Dere-Knapp

"Hier wird immer sofort alles in Ordnung gebracht", bestätigt Anneliese Freytag. Die 23jährige Praktikantin, die eine Lernbehinderung hat, arbeitete schon in mehreren Küchen. Im "Godesburger" fühlt sie sich zu ersten Mal wohl. Ab September wird sie die erste Auszubildende des Restaurants sein.

Gute Produkte statt Mitleidsschiene

Dass es sich um ein inklusives Restaurant handelt, bekommen viele Gäste gar nicht mit, wenn sie einen saftigen Rindfleisch-Burger mit hausgemachtem Chili-Cheese-Topping, einen vegetarischen Dinkel-Burger, eine Kartoffelwaffel oder einen Salat bestellen. "Wir wollen auch gar nicht auf der Mitleidsschiene fahren, sondern gute Produkte abliefern", betont Wolf. Deshalb ist im "Godesburger" bis auf Majonäse und Ketchup alles hausgemacht. Auch die Pommes, die aus frischen Kartoffeln geschnitten werden.

Viele Gäste kommen vor allem wegen des guten Essens gerne wieder. So wie der junge Mann, der an diesem Nachmittag mit Frau und Kind in den hellen, holzvertäfelten Gastraum schlendert. Er hat zwar mitbekommen, dass der "Godesburger" ein inklusives Restaurant ist. "Aber ich finde es vor allem gut, dass die hier regionale Produkte verwenden", sagt er. "Außerdem schmeckt es."

Text und Fotos: Claudia Rometsch

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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