5. September 2016

Inklusion – Gute Beispiele

Gemeinsam säen und ernten

In Bielefelds erstem barrierefreien Kleingarten wachsen Erbsen, Tomaten und neue Kontakte. Menschen mit und ohne Behinderung gärtnern dort gemeinsam, säen, ernten und genießen die Natur. Ende August war die offizielle Eröffnung des inklusiven Treffpunkts Laubengarten - ein Angebot des Freizeit- und Kulturzentrums "Neue Schmiede" der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. 

Angelika Schneider hält eine Schale Himbeeren hoch

"Die Himbeeren sind reif! Die müssen wir unbedingt ernten. Und bei den Erdbeeren müssen die Ableger abgeschnitten werden. Macht ihr das?" Gerhard Vollbrecht und Renate Horstmann nicken. Rund ein Dutzend Hobbygärtner sind an diesem Nachmittag zum "Treffpunkt Laubengarten" gekommen. Zuerst gibt es eine Lagebesprechung am Gartentisch: die Aufgaben werden verteilt, dann legen alle los.

"Wir wollen ja auch etwas schaffen", sagt Gerhard Vollbrecht und fängt an, die Ranken am Hochbeet zu stutzen. Angelika Schneider ist derweil mit ihrem Rollator an der Himbeerhecke angekommen und pflückt die prallroten Früchte in eine Schale. Wie das duftet! Die gehbehinderte Frau liebt es, draußen in der Natur zu sein. Früher habe sie als Floristin im Bethel-Blumengarten gearbeitet, erzählt die 56-Jährige. Dass sie im Laubengarten jetzt wieder in der Erde buddeln kann und mit Pflanzen zu tun hat, sei wunderbar. "Ein Garten - das ist für mich das Schlaraffenland." 

Gerhard Vollbrecht steht neben Angelika Schneider mit Rollator

Gerhard Vollbrecht und Angelika Schneider lieben die Natur

Gesellschaftliche Teilhabe in der Freizeit

Gerhard Vollbrecht geht es ähnlich. Der 74-Jährige hat Epilepsie und wohnt in einem Bethel-Wohnheim. "Ich gucke auf Asphalt, habe keinen Garten und keinen Balkon." Dabei sei ein bisschen Grün für ihn ein Lebenselixier. Im Laubengarten tankt er auf und genießt es sogar, das Unkraut zu zupfen.

"Genau diese Normalität wollen wir ermöglichen", sagt Projektkoordinatorin Birgit Wolf. "Man fährt in den Garten, arbeitet ein bisschen und trinkt dann zusammen Kaffee." Die Mitarbeiterin des Freizeit- und Kulturzentrums "Neue Schmiede" in Bethel weiß, dass dieser scheinbar normale Zugang zur Natur vielen Menschen mit Handicap verwehrt ist. Ausflüge scheitern oft an holprigen Wegen oder fehlenden barrierefreien Toiletten.

"Dabei sind gerade ältere Bethel-Bewohner oft sehr naturverbunden. Viele von ihnen sind auf dem Land groß geworden oder haben in einem Bethel-Betrieb im Gartenbau oder der Landwirtschaft gearbeitet." So entstand die Idee mit dem Laubengarten: Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen sollten die Möglichkeit bekommen, Mitglied in einer Kleingartengemeinschaft zu sein, zu pflanzen und zu ernten - kurz, gesellschaftliche Teilhabe in der Freizeit zu erleben. 

Birgit Wolf kniet vor einem Beet

Projektkoordinatorin Birgit Wolf

Erster barrierefreier Laubengarten in Bielefeld

2014 ging das inklusive Projekt an den Start, das von der Addy von Holtzbrink-Stiftung gefördert wird. Dazu kamen viele helfende Hände, sagt Birgit Wolf. Denn die Parzelle, die die Gartengruppe Bethel übernehmen konnte, war ziemlich verwildert. Das Gartenhaus musste komplett renoviert und Hochbeete neu angelegt werden. Eine Baufirma half 2015, die Wege und Terrasse behindertengerecht zu pflastern.

In diesem Sommer wurde nun auch die barrierefreie Sanitäranlage fertig, finanziert mit Spenden, Fördermitteln des Landes und durch die Aktion Mensch. Nach Recherchen der "Neuen Schmiede" ist der Treffpunkt damit der erste barrierefreie Laubengarten in Bielefeld. Ende August 2016 wurde die Eröffnung offiziell gefeiert.

Gruppenbild

Verdiente Pause nach getaner Arbeit

Fahrdienst bringt Teilnehmer in den Kleingarten

Alle 14 Tage trifft sich die Gartengruppe Bethel nun im "Laubengarten", der auch von anderen Bethel-Gruppen genutzt werden kann.

Der Fahrdienst der "Neuen  Schmiede" bringt die Teilnehmer aus Bethel im Bielefelder Stadtbezirk Gadderbaum in die rund drei Kilometer entfernt liegende Kleingartenanlage "Am Steinbrink". Hinzu kommen etwa sechs ehrenamtliche Helfer, überwiegend Engagierte im Rentenalter.

"An unserer Altersstruktur müssen wir noch etwas arbeiten", sagt Monika Scheffler lachend. Hauptsache aber sei, dass sich alle wohlfühlen. "Die Menschen freuen sich einfach riesig, wenn sie etwas machen können, was sonst nicht für sie möglich ist", ergänzt Werner Neumann, einer der Ehrenamtlichen.

Monika Scheffler und Karsten Junker vor dem Radieschen-Beet

Gartenglück und kleine Ernte

Gemeinsam gärtnern verbindet und macht glücklich, das wird an diesem Nachmittag deutlich. Voller Stolz begutachten die Laubengärtner ihre Ernte, auch wenn die in diesem Jahr etwas kleiner ausfällt. "Die Schnecken waren schlimm", sagt Renate Horstmann. Aber für einen Imbiss reicht es allemal.

Karsten Junker, ein in sich gekehrt wirkender Mann, hat ein paar Handvoll Radieschen aus der Erde gezogen. "Da machen wir heute Radieschenbrote. Kennt ihr das noch von früher?", fragt Monika Scheffler in die Runde. Und zum Nachtisch gibt es, na klar, Himbeeren. Die gemeinsame Mahlzeit nach getaner Arbeit gehört im Laubengarten einfach dazu.

Und wer mag, kann sich auch etwas für zu Hause mitnehmen. Ein paar Äpfel zum Beispiel, die werden jetzt langsam reif, oder ein paar Blumen. Karsten Junker hat Malven gepflückt. Die kommen in seinem Zimmer in Bethel in die Vase und erinnern ihn an den nächsten Treff im Laubengarten.

Text und Fotos: Silke Tornede

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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