21. September 2016

Inklusion - Gute Beispiele

Urlaub mit Menschen aus aller Welt

Drei Wochen Ferien in einer Mühle in Deutschland: allein das ist schon Neuland für die zwölf jungen Leute aus aller Welt. Noch aufregender aber ist die Begegnung mit den anderen Feriengästen. Sie leben sonst in betreuten Wohngruppen der Stiftung Hephata. Ein Urlaub, den keiner so schnell vergessen wird.

Vier Personen auf Fahrrädern

Ein Klingeln, ein fröhliches Hallo – und schon stehen die ersten Fahrräder wieder im Hof vor der Mühle, einer umgebauten Jugendherberge. Der 27-jährige Christoph freut sich, dass er zu den ersten Radlern gehört, die von der Tagestour wieder zurückkommen. "Die anderen sind nicht so schnell", ruft er.

Christoph kommt aus einer Wohngruppe der Stiftung Hephata in Kerpen. Er mag den Wettbewerb, das Abenteuer. Deshalb hat er sich sofort angemeldet, als er vom Internationalen Workcamp erfuhr, das die Stiftung Hephata gemeinsam mit den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (ijgd) vom 3. bis 24. September in Kalkar nahe der deutsch-niederländischen Grenze veranstaltet.

Nicht nur für die Stiftung, auch für die neun Menschen mit Handicap ist es das erste Mal, dass sie mit zwölf jungen Leuten aus Japan, Mexiko, Algerien, der Tschechischen Republik, Dänemark, der Türkei und Deutschland ihren Urlaub verbringen. Eine echte Herausforderung, denn der Großteil der Teilnehmer des Internationalen Workcamps spricht kein Deutsch. Die meisten Teilnehmer aus den Hephata-Wohngruppen aber sprechen kein Englisch. 

Portrait

Freundschaft schließen mit jungen Leuten aus aller Welt: Natsumi und Jitka 

Verständigung mit Händen und Füßen

"Ich hatte etwas Angst, dass die Sprachprobleme eine große Hürde sein könnten", erzählt die 21-jährige Japanerin Natsumi. "Das hat mich mehr beunruhigt als die Angst, ich könnte mit den Menschen mit Handicap nicht zurechtkommen. Aber es klappt prima, obwohl ich nur Englisch verstehe." 

Manchmal übersetzen die beiden Campleiterinnen Katharina Sottek und Christina Winter, manchmal schaltet sich Andreas Neugebauer ein, Beauftragter für inklusive Entwicklung der Stiftung Hephata. Meistens aber funktioniert die Verständigung auch ohne Worte.

"Wir reden mit Händen und Füßen", lacht die 24-jährige Jitka aus der Tschechischen Republik. "Es ist hier wirklich unkompliziert. Wie Urlaub. Das hätte ich nicht so erwartet." Jitka studiert Ergotherapie in Prag und hat an schon mehreren Internationalen Workcamps in anderen Ländern teilgenommen. Rund 2000 Workcamps bietet die ijgd jedes Jahr mit ihren Partnerorganisationen in über 50 Ländern an. Sie dienen dem Austausch, sollen aber auch neue kulturelle, sportliche und soziale Erfahrungen möglich machen. 

Natsumi und Marcel mit gekreuzten Händen

Wie geht Karate? Marcel möchte es von Natsumi lernen

Inklusion in anderen Ländern erleben

Jitka hat schon mit Kindern in Spanien und mit Menschen mit Behinderungen in Finnland ihre Ferien verbracht. "In punkto Inklusion sind die Finnen sehr weit", erzählt sie. "Da ist es völlig normal, mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderungen in der Stadt unterwegs zu sein." Sie wolle möglichst viel darüber lernen, wie Inklusion in anderen Ländern funktioniere, betont die Tschechin.

Dazu hat Jitka nun reichlich Gelegenheit. Jede Woche kommt eine andere Gruppe von acht bis neun Menschen mit Handicap der Stiftung Hephata in die Mühle. In der ersten Woche, die unter dem Motto "Abenteuer" steht, wohnen die Campteilnehmer mit Menschen zusammen, die leichtere Behinderungen haben. Fahrrad- und Paddeltouren, Geocaching und Schwimmen stehen auf dem Programm. Die zweite Woche ist dem Thema "Kultur" gewidmet und verläuft mit Ausflügen in Museen und die umliegenden Städte etwas ruhiger. In der dritten Woche geht es dann ganz ruhig zu, wenn Menschen mit Mehrfachbehinderungen in der Mühle zu Gast sind. Sie steht unter dem Motto "Entspannung".

Portrait

Andreas Neugebauer verknüpft Abenteuer, Kultur und Entspannung mit Inklusion 

Karate, Fußball, Lagerfeuer

"Wir haben das Programm bewusst so gestaltet, damit die Campteilnehmer Menschen mit verschiedenen Graden der Behinderung kennenlernen können", sagt Andreas Neugebauer. „Auch Rollstuhlfahrer werden dabei sein, die viel Assistenz benötigen.“

Für Pflegeleistungen sind die jungen Leute zwar nicht zuständig. Das machen Betreuer, die mitkommen. "Aber wir möchten sie ermutigen, freiwillig mitanzupacken", sagt Andreas Neugebauer. In jedem Fall bleibe viel Raum für gemeinsame Aktivitäten, Begegnungen und Gespräche.

Besonders beliebt sind die Abende am Lagerfeuer. "Wir haben zusammen deutsche und internationale Schlager gesungen", erzählt der 30-jährige Marcel, der in einer Wohngruppe in Mönchengladbach lebt. "Es ist toll, so viele Leute aus anderen Ländern kennenzulernen und mehr darüber zu erfahren, wie sie leben." Mit der Japanerin Natsumi hat sich Marcel schon angefreundet und Karate geübt. Mit Abdelmalek aus Algerien tauscht er sich über Fußballvereine aus. 

Zwei junge Männer stehen vor einem Baum mit Dartscheibe

Mit Christoph spielt Abdelmalek gerne Dart

Austausch über alle Grenzen hinweg

Der 24-jährige Germanistikstudent startet im Herbst ein Auslandssemester an der Universität Trier und hat sich schon vorgenommen, mit Marcel in Kontakt zu bleiben. "In Algerien werden Menschen mit Behinderungen versteckt", erzählt er. "Man hat keine Möglichkeit, ihnen einfach so zu begegnen und ist deshalb verunsichert." Im Camp habe er nun erlebt, wie einfach der Austausch sein könne, betont Abdelmalek.

Ein Austausch, in den die bunte Mühlengruppe auch die Nachbarn schon spontan einbezogen hat. Als der Verleih nicht genug Fahrräder für die ganze Truppe hatte, sind einige Teilnehmer des Camps losgezogen und haben einfach Fahrräder bei den Nachbarn ausgeliehen. Als Dankeschön gab es die Einladung zu einem Essen in der Mühle. "Es ist schön, wie freundlich und offen die Leute hier sind", meint der 22-jährige Berat, der in Istanbul Philosophie studiert. "In meiner Heimat leben viele Menschen mit Behinderung sehr einsam. Ich möchte hier lernen, was ich tun kann, damit sich das ändert."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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