14. August 2015

Sommergespräch mit Barbara Plessmann

Urlaub im Bio-Gemüsebeet

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie RWL gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung, Spaß und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. Jede Woche stellen wir nun im Gespräch ein gutes Beispiel diakonischer Hilfen vor. Statt Geld für eine Reise auszugeben, erfüllen sich in Aachen manche Bürger den Sommertraum vom eigenen Garten. Bei den „Öcher Ökogärten“ können sie eine Parzelle mieten. Barbara Plessmann leitet das Projekt für Hobbygärtner bei der „Via Integration“ der Diakonie Aachen.

Barbara Plessmann

Barbara Plessmann

Ihr Integrationsunternehmen bereitet die Parzellen im April für die Hobbygärtner vor, diese übernehmen sie dann in der Sommerzeit. Was gibt es derzeit zu ernten?

Jetzt kann man mit einem bunten Korb voller Gemüse aus seinem kleinen Garten kommen. Es gibt Salat, Spitzkohl, Möhren, Radieschen. In unseren Folienhäusern wachsen Tomaten, Zucchini und verschiedene Kräuter. Wer Kürbisse gepflanzt hat, kann sie in gut drei Wochen ernten. Zur Zeit sehe ich hier auf unserem Gelände eigentlich nur glückliche Gesichter, denn dieser Monat ist eine wunderbare Zeit für die Hobbygärtner.

Wer pachtet bei Ihnen die Freilandparzellen?

Wir haben hier viele ältere alleinstehende Frauen, ältere Paare, aber auch Familien mit kleinen Kindern. Studenten und Handwerker mit Ganzkörpertätowierung sind ebenfalls dabei. Es ist eine ganz bunte Mischung unterschiedlicher Alters- und Gesellschaftsschichten. Was alle eint, ist nicht nur das Interesse an Bioprodukten, sondern auch an inklusiver Vielfalt. Wir sind ja ein Integrationsunternehmen. Von unseren 50 Mitarbeitern haben 37 ein sogenanntes Handicap. Deshalb fühlen sich bei uns auch viele Familien mit behinderten Kindern sehr wohl. Einige Parzellen geben wir auch kostenfrei ab, etwa an die Aachener Lebenshilfe, an eine Gruppe minderjähriger Flüchtlinge aus Afrika, Afghanistan und Syrien oder an die Internationale Förderklasse einer Aachener Hauptschule. Ich sage immer, unsere Gärten sind gelebte Inklusion.

Harte Arbeit für Ökogärtner: Unkrautjäten

Sie haben Ihr Projekt „Öcher Ökogärten“ genannt. Wie ist dieser Name zustande gekommen?

„Öcher“ ist der plattdeutsche Name für Aachen. Und bei „Ökogärten“ ist klar, dass wir uns hier nach den Bioland-Richtlinien zum Ökologischen Landbau richten. Das bedeutet, der Einsatz von leichtlöslichem Mineraldünger, chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Pestiziden jeglicher Art ist verboten. Für unsere Hobbygärtner ist es besonders im Mai nicht so leicht, auf Insektenvernichtungsmittel zu verzichten, wenn die Blattläuse über das Gemüse herfallen. Aber da gibt es andere, umweltverträgliche Methoden, sie wieder loszuwerden. Bei uns wird auch ökologisch mit Wasser umgegangen. Man muss nicht immer gießen. Wer die Erde regelmäßig aufhackt, versorgt seine Pflanzen mit genug Nährstoffen.

Klingt umweltschonend und gesund, aber auch anstrengend.

Das Biogärtnern ist zum Teil harte Arbeit, aber dafür wird man mit gesundem und leckerem Gemüse belohnt. Es macht richtig Freude, es zu kochen und zu essen. Wir geben den Pächtern nicht nur regelmäßig Tipps fürs Pflanzen, Pflegen und Ernten des Gemüses, sondern ermuntern sie auch, altbewährte Konservierungsmethoden und neue Kochrezepte auszuprobieren. Die Ernte fällt ja reichlich aus und es passt nicht alles in die Tiefkühltruhe.

Gewächshaus

Zuhause für anspruchsvolleres Gemüse: Das Gewächshaus

Die Mietpreise für die Parzellen berechnen Sie in „Ökotalern“. Warum?

Unsere Ökogärten liegen auf dem wunderschönen mittelalterlichen Wehrhof Gut Hebscheid im Süden von Aachen. Die Idee, auf dem 11 Hektar großen Gelände  Parzellen für Hobbygärtner zu vermieten, hatten wir vor sechs Jahren. Eine Freilandparzelle hat eine Länge von 13,5 Metern und 2 Metern Breite und ist in neun Beete aufgeteilt. Der Saisonbetrag - also von Mai bis November - für diese Größe beträgt 150 Euro. Eine Parzelle im Gewächshaus ist etwas teurer. Dann bieten wir noch Beratungs- und Dienstleistungen an wie das Gießen im Urlaub oder Unkrautjäten. Wir berechnen das alles in Ökotalern, weil wir hier auf einem mittelalterlichen Wehrhof sitzen. Die Idee stammt übrigens aus einem Langzeitarbeitslosenprojekt, das für uns die Taler aus Holz geschnitzt hat.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ökogärten für eine bestimmte Zeit zu vermieten? Gab es dafür Vorbilder?

Das Hobbygärtnern ist in den letzten Jahren stark in Mode gekommen. Vor zwölf Jahren haben wir als Integrationsunternehmen mit unserer Biogärtnerei angefangen. Im Laufe der Jahre sind ein Liefer- und Cateringservice sowie ein eigenes Restaurant dazu gekommen. Da lag es nahe, auch für Hobbygärtner ein Angebot zu machen. Im ersten Jahr haben wir 22 Parzellen vermietet, dieses Jahr sind es 115. Es spricht sich herum, dass wir hier ein sehr schönes Stück Land haben, einen guten Service bieten und bei uns eine familiäre, freundliche Atmosphäre herrscht.

Erntekorb

Glücksbringer Erntekorb

Sehen Sie die „Öcher-Ökogärten“ auch als soziales Projekt?

In gewisser Weise schon. Wir sichern damit die Arbeitsplätze in unserem Integrationsunternehmen, das sich mittlerweile zu 90 Prozent selbst trägt und Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Arbeit und Lebensperspektive bietet. Außerdem trägt es meiner Ansicht nach zur Gesundheit der Menschen bei, die sich hier ein Stückchen Garten mieten. Nicht nur, weil sie sich mit dem Biogemüse gesünder ernähren, sondern weil die Arbeit in der freien Natur mit netten Menschen in direkter Nachbarschaft Körper und Seele gut tun. Es verändert die Leute. Ich habe schon viele erlebt, die Schweres durchmachen mussten und nun gelassener und fröhlicher sind.

Sie sind studierte Biologin und Gärtnermeisterin. Ist der Beruf für Sie eigentlich auch Hobby?

Auf jeden Fall. Ich habe mir hier selbst eine kleine Parzelle angelegt, weil mir das Pflanzen und Ernten so viel Freude macht. Ich bin jeden Tag richtig stolz und glücklich, wenn ich mit meinem eigenen Korb voller Gemüse vom Gelände nach Hause gehe.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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