28. Juli 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag im "grünen Bereich"

Als Landschaftsarchitekt war Matthias Nickel schon in Afrika und Saudi-Arabien unterwegs. Er hat am Bau von Staudämmen und Brunnen mitgearbeitet und riesige Gärten angelegt. Jetzt leitet er den Hephata-Gartenshop, die "grüne Werkstatt" der Evangelischen Stiftung Hephata. Vom Teamgeist und der Einsatzfreude seiner über 130 Mitarbeiter mit Behinderungen ist er begeistert.

Matthias Nickel am Schreibtisch im Büro

Matthias Nickel in seinem "grünen Büro"

Mein Arbeitstag beginnt meist gegen 7.30 Uhr. Mein Büro befindet sich auf dem Gelände der Stiftung Hephata in Mönchengladbach mit Blick auf die Baumschule, die zu unserer "grünen Werkstatt" gehört. Ich fühle mich erst richtig wohl, wenn ich von vielen Pflanzen umgeben bin.

Daher ist mein Büro voll davon. Darunter sind auch exotische Pflanzen, die ich von meinen Auslandsaufenthalten mitgebracht habe. Meine besonderen Solitärpflanzen sind der Bananenbaum aus Nigeria und die Aloe aus Riad.

Bevor ich 2009 Betriebsstättenleiter bei Hephata wurde, habe ich über acht Jahre in Guinea, Benin, Nigeria und Saudi-Arabien als Landschaftsarchitekt in verschiedenen Projekten gearbeitet. Das war eine interessante und abenteuerliche Zeit. Auf meinem Schreibtisch habe ich ein Foto der paradiesischen Landschaft des Fouta Djallons in Guinea und auf dem Fensterbord habe ich eine kostbare Vase, die mir Zisterzienserinnen aus einem Kloster in Benin zum Abschied geschenkt hatten. In mir schlummert immer noch das Fernweh, aber ich bin jetzt 46 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Jungs, die sieben und neun Jahre alt sind. Da kann und möchte ich nicht mehr monatelang im Ausland unterwegs sein.

Verantwortung für viele kleine Teams 

Wenn der Computer hochgefahren ist, checke ich zunächst meine E-Mails. Abrechnungen, Kundenanfragen und Krankmeldungen liegen auf meinem Schreibtisch. Da unser hausinterner Postdienst um zehn Uhr die Post zur Zentrale fährt, muss ich alles, was schriftlich raus soll, bis zu diesem Zeitpunkt bearbeitet haben. Jeden Morgen steht auch die kurze Lagebesprechung der Tagesbaustellen mit den Kollegen an. In der "grünen Werkstatt" haben wir 30 grüne Fachkräfte fest angestellt, die täglich als Gruppenleiter mit kleinen Teams von vier bis fünf Mitarbeitern unterwegs sind. Insgesamt arbeiten bei uns über 130 Mitarbeiter mit Behinderungen, meist sind es geistige oder psychische Beeinträchtigungen. Für sie ist es sehr wichtig, einem bestimmten Team und einem Gruppenleiter zugeteilt zu sein. Das gibt ihnen Sicherheit.

Matthias Nickel kniet am Boden und nimmt von einem Mitarbeiter einen Pflasterstein entgegen

Besuch auf der Baustelle: Matthias Nickel packt auch mal mit an

Neben einem Gartencenter, in dem wir Pflanzen verkaufen und einer Berufs- und Bildungsstätte, in der Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Ausbildung machen, betreiben wir eine Baumschule, einen Gartenservice, einen Garten- und Landschaftsbau sowie eine Friedhofsgärtnerei. Ich bin für den kompletten Gartenservicebereich verantwortlich, ein anderer Kollege für den Handel.

Jeden Tag fahren unsere Teams zu verschiedenen Einsatzstellen. Das können Privatgärten, Firmengelände oder auch Parks sein. Die meisten Kunden, die unseren Gartenservice in Anspruch nehmen, buchen uns etwa einmal im Monat für die Pflege und den Schnitt der Grünanlagen. Andere wollen, dass wir auf ihrem Gelände Gärten oder auch Parks neu anlegen. Das bedeutet, unsere Mitarbeiter sind auf ganz unterschiedlichen Baustellen in der Region beschäftigt.

Mein Job ist es, die Verträge mit den Kunden zu machen, die Einsatzplanung mit den Teams abzustimmen, die Bestellungen von Saatgut und Pflanzen im Blick zu behalten und natürlich die Rechnungen zu stellen. Ich arbeite viel mit Exeltabellen, damit ich den Überblick nicht verliere. Manchmal kann es bei uns auch hektisch werden, wenn ein Kunde kurzfristig sein Außengelände tip top haben möchte, weil hoher Besuch, etwa von den Firmenchefs oder Kontrolleuren, ansteht. Dann müssen die Kollegen flexibel sein und müssen dort mithelfen wo Not am Mann ist. Schwierig kann es dann werden, wenn sich gleichzeitig mehrere Mitarbeiter krank melden, aber die Arbeit auf der Baustelle fertig werden muss.

Matthias Nickel steht mit seinem Mitarbeiter in einem Blumenbeet

Pflanzenkenner unter sich: Matthias Nickel mit Mitarbeiter Andreas Bulbrink

Als ich von 2006 bis 2008 als Landschaftsarchitekt für das Projekt "Tinapa Business Resort" in Calabar in Nigeria gearbeitet habe, mussten wir regelmäßig Nächte durcharbeiten, wenn sich hoher Staatsbesuch ankündigte. Dann haben wir sogar mit einem Autokran Palmen durch die Gegend gefahren und für ein paar Stunden eingepflanzt, damit unser Landschaftsprojekt auch exotisch genug aussah.

Wir haben italienischen Marmor bestellt und einheimische Pflanzen aus dem Regenwald geholt, die wir in den großen Parks und Gärten anpflanzten. Das stand in hartem Kontrast zu der Armut, die ich außerhalb Calabars in den Dörfern gesehen habe. Bei den Projekten in Riad spielte Geld überhaupt keine Rolle. Da wurde uns acht internationalen Landschaftsarchitekten einfach nur gesagt, wir sollten "was Neues" machen und es soll "like nature" aussehen.

Als Garten- und Landschaftsarchitekt hat es mich natürlich gereizt, schöne und interessante Parks und Gärten zu gestalten, aber mir war auch immer der soziale Aspekt meiner Arbeit wichtig. Ich möchte etwas bewegen und positive Veränderungen anstoßen. Das habe ich zum Beispiel mit verschiedenen Bewässerungs- und Umweltprojekten in Afrika getan. In Deutschland fühle ich mich deshalb beim Hephata-Gartenshop am richtigen Platz. Menschen mit Behinderungen nicht auszugrenzen, sondern ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, ist mir wichtig. Das mag auch damit zu tun haben, dass ich in Heilbronn mit einer Schwester aufgewachsen bin, die das Downsyndrom hat.

Matthias Nickel und sein Mitarbeiter stehen mit Schaufeln in der Hand vor einem Lader

Anpacken, mithelfen - das macht Matthias Nickel am meisten Spaß

Pflanzen als schöpferischer Akt

Kunden fragen mich manchmal, ob unsere Mitarbeiter die Gärten fachgerecht schneiden können und nichts kaputt machen. Natürlich können sie das! Sie lieben ihre Arbeit, denn sie ist ein schöpferischer Akt. Unter ihren Händen entsteht und wächst etwas. Dafür ertragen sie tapfer Regen, Kälte und Dreck. Die Kunden sind meistens begeistert davon, mit wie viel Engagement und Freundlichkeit unsere Mitarbeiter ihre Grünanlagen pflegen und empfehlen uns weiter. Das ist für mich ein wichtiger Beitrag zur Inklusion. 

Leider muss ich viel im Büro regeln und sitze oft – wenn ich nicht gerade telefoniere, maile oder schreibe – in Besprechungen. Die schönsten Arbeitstage sind solche, an denen ich meine grüne Hose anziehe und auf den Baustellen mitarbeite. Es freut unsere Leute, wenn der Chef gemeinsam mit ihnen im Boden wühlt. Regelmäßig fahre ich auch raus zu den Teams des Gartenservices, um mir anzusehen, wie die Arbeit vor Ort vorankommt.

Mein Arbeitstag endet meistens zwischen 17.30 und 18 Uhr. Ich muss noch zwanzig Kilometer nach Hause fahren, in mein Dorf an der niederländischen Grenze. Diese Zeit genieße ich, um abzuschalten. Wer denkt, ich hätte jetzt genug von Gärten und Blumen, der irrt. Auch zuhause besitze ich einen Garten, in dem ich Gemüse anbaue. Das tue ich am liebsten gemeinsam mit meinen beiden Jungs. Sie sind genauso gerne draußen wie ich.

Protokoll: Sabine Damaschke

Fotos: André Klusen

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Sabine Damaschke
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