24. Juni 2016

Finanzierung sozialer Arbeit

Diakonie RWL-Vorstand erläutert umstrittenes Zitat

Ein Zitat schlägt Wellen. Im Rahmen der Fusion zum Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe hatte Christian Heine-Göttelmann, Theologischer Vorstand der Diakonie RWL, erklärt, man könne von der Politik nicht erwarten, dass sie der Diakonie immer mehr Geld für Menschen mit Hilfebedarf gibt. Auf Nachfrage erläutert der leitende Diakonie-Theologe seine Position.

Portrait

Christian Heine-Göttelmann

Sie haben eine zugespitzte Ansage gemacht, die für Diskussionsstoff sorgt. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich will die Aussage verstanden wissen als eine Aufforderung an uns selbst, einen Beitrag dazu zu leisten, der anerkennt, dass unsere Systeme an ihre Grenzen stoßen. Natürlich braucht die soziale Arbeit mehr Finanzausstattung. Ich bin dennoch überzeugt, dass man hier auch nach neuen intelligenten Lösungen schauen muss, den steigenden Hilfebedarf und die nicht proportional steigenden Ressourcen zusammenzudenken. Und dazu leisten wir als Wohlfahrtsverbände schon immer einen bedeutenden Beitrag. Denn unsere Einrichtungen sind durch ihre langjährige Erfahrung, ihre Spezialisierungen, ihre Verankerung in den Sozialräumlichkeiten - vor allem den Kirchengemeinden - und durch ihre Netzwerke in den örtlichen sozialen Systemen und im Zusammenspiel mit anderen Akteuren des Sozialraums Experten für Lösungen im Bereich komplexer Problemlagen.

Das Aufbrechen eines Denkens in der Systematik der Sozialgesetzbücher, die Hilfebedarfe etwa entweder für Jugendhilfe oder für Behindertenhilfe vorsahen, gehört zu ihrem täglichen Geschäft. Es gibt schon immer Menschen mit Hilfebedarfen, die einzelne Finanzierungssysteme überschreiten. Für die Versorgung eines Menschen in der Wahrnehmung seiner Person als Einheit haben sich gerade die kirchlichen Verbände im Sinne der Gotteskindschaft schon immer eingesetzt. Niemand ist nur die Summe seiner Problemlagen.

Wie hat sich die sozialpolitische Landschaft entwickelt?

Die Anzahl der Menschen mit Hilfebedarf ist in den letzten Jahren gestiegen. Zum einen, weil die Wahrnehmung der Problemlagen differenzierter geworden ist. Als Beispiel nenne ich die Demenzversorgung in der Pflege. Zum anderen, weil Menschen mit Hilfebedarf durch die gestiegene medizinische Versorgung eine höhere Lebenserwartung haben. Das zeigt sich besonders deutlich in der Behindertenhilfe. Beide Entwicklungen in Verbindung mit der seit Jahren laufenden Ambulantisierung der Versorgungsstrukturen und der ausschließlich individuellen Hilfebedarfsplanung führen zu steigenden Kosten in der Fürsorgelandschaft. Die Sozialausgaben sind faktisch zum größten Haushaltsposten der Kommunen und des Landes geworden. Viele Kostenträger halten sich hier nur mit Kassenkrediten über Wasser.

Was bedeutet das für uns als Diakonie?

Solche Entwicklungen fallen nicht vom Himmel, sondern sind zum Teil Auswirkungen der Gesetzgebung. Und natürlich ist es die Pflicht des Gesetzgebers, dann auch für entsprechende Finanzierung zu sorgen. Es ist ein Skandal, dass dies nicht in ausreichendem Maße geschieht und die Verwaltungen, zum Beispiel Landschaftsverbände, dann nur durch Verzögerungstaktik und Umsetzungsinterpretationen letztendlich die Träger der sozialen Arbeit mit einem unkalkulierbaren Finanzierungsrisiko im Regen stehen lassen. Hier muss auf Dauer das Geld ins System, das dem Bedarf der Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, auch gerecht wird.

Worum geht es in sozialethisch-diakonischer Perspektive?

Eine Politik, die durch die Öffnung des Sozialen als eines Marktgeschehens mehr Effektivität will und wenig Raum und Zeit für menschliche Begegnung in der Pflege oder an anderen Orten schafft, ist in diesem Sinne immer auch ein Stein des Anstoßes. Deutlich wurde gerade in der Bewältigung der Flüchtlingsströme, wie sehr unsere Gesellschaft auf Ressourcen angewiesen ist, die nicht nur auf Effektivität setzen, sondern Kräfte frei setzen können, die unter Alltagsbetrieb eben auch mit bedacht werden müssen. Auch ehrenamtliche Arbeit gibt es nicht für Null. Und trotzdem müssen auch unsere eigenen Strukturen dauernd auf das hin überprüft werden, was dem eigentlichen Ziel unserer Arbeit dient: Menschen teilhaben zu lassen an der Menschlichkeit Gottes, die Gemeinschaft stiftet und Lebendigkeit ermöglicht.

Und die Fusion?

Wir meinen, durch unsere Fusion der gliedkirchlichen Werke unsere Arbeit effektiver gestalten zu können. Und schlagkräftiger zu werden in der politischen Vertretung und Mitgestaltung der Rahmenbedingungen sozialer Arbeit. Die Fusion erlaubt uns, zielgerichteter im Hinblick auf die Bedarfe unserer Mitglieder und schlanker in den eigenen Prozessen zu werden. Damit leisten wir unseren Beitrag, Kostenstrukturen gering zu halten.

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