29. September 2016

Vorstand Christian Heine-Göttelmann zum Thema Armut

"Mittel müssen umverteilt werden"

Was nehmen wir von der wachsenden Armut wahr? Wo liegen die Ursachen? Und was können wir in Kirche und Politik dagegen tun? Mit diesen Fragen befasste sich Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, in seinem Referat im Rahmen des Abends der Diakonie in Haus Marck (Tecklenburg).

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

"In einem reichen Land wie dem unseren dürfte Armut doch eigentlich kein Thema sein", meinte Superintendent André Ost in seiner Begrüßung. "Wir nehmen trotz Weltwirtschaftskrise eine gute Konjunkturlage wahr". Der Bundesfinanzminister halte die schwarze Null trotz der vielen sozialen Herausforderungen, etwa durch die Flüchtlingssituation. Und doch ist Armut ein Thema. In der letzten Woche wurde vermeldet, dass in NRW im Jahr 2015 jeder sechste Einwohner von Einkommensarmut betroffen war.

 "Armut ist kein Schicksal" betonte Christian Heine-Göttelmann in seinem Vortrag. Oft sei in der gesellschaftlichen Debatte zu beobachten, dass Armut romantisiert und verklärt werde. Frage man jedoch Menschen, die von Armut betroffen seien, gehe es ihnen darum, mit Würde behandelt zu werden, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu haben und aus der Isolation herauszuwachsen. In diesem Zusammenhang kritisierte er, die Kirche habe ein "innerkirchliches Wahrnehmungsdefizit". "Es tut uns gut, genauer hinzusehen", betonte er und führte aus: "Ich möchte Sie dazu motivieren, sich gesellschaftlich zu engagieren." In Matthäus 25 heiße es: "Es wird nicht danach gefragt, was glaubst du, sondern, was hast du getan?" Armut sei ein Produkt menschlichen Handelns. Sie sei nicht selbst verschuldet, sondern Teil des Systems. "Fakt ist auch, dass die Investitionen im Sozialbereich auf Dauer von den Kommunen nicht geleistet werden können". Dies seien Bürden der nächsten Generationen.

Armutsprävention beginnt bei Kindern

Viele Studien zeigen laut Heine-Göttelmann, dass die größten Armuts-Risikofaktoren darin bestehen, alleinerziehend  und erwerbslos zu sein, ein geringes Bildungsniveau zu haben oder ein Geflüchteter zu sein. Auch für Familien mit mehr als drei Kindern bestehe heute ein Armutsrisiko. "Inwieweit sind wir Teil einer Gesellschaft, die nicht nach Veränderung drängt?" fragte er die Zuhörer. In diesem Zusammenhang sei beispielsweise festzustellen, dass Suppenküchen systemrelevant geworden sind. In Wattenscheid gebe die Tafel täglich 15 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige aus. Die Politik verlasse sich auf diese Angebote. Dies täusche über die Realitäten hinweg.

Heine-Göttelmann plädierte für eine Grundsicherung und sprach sich dafür aus, den Sozialstaat nicht weiter zu reduzieren. Die Mittel müssten umverteilt werden. "Die Prävention beginnt bei den Kindern – in Regelsystemen", unterstrich er. Ein weiterer Schlüssel sei die dauerhaft öffentlich geförderte Beschäftigung und die Förderung des sozialen Wohnungsbaus. Es gehe um Lösungsorientierung statt Verfahrensorientierung. "Kirche und Diakonie haben den Auftrag, den von Armut betroffenen Menschen die Würde wiederzugeben", machte er deutlich.

"Die greifbare Armut wird uns in Lengerich bewusst, wenn wir vormittags die langen Menschenschlangen vor der Lengericher Tafel sehen", berichtete Stefan Zimmermann, geschäftsführender Vorstand der Diakonie im Kirchenkreis Tecklenburg. Er stellte drei Arbeitsfelder vor, die sich um Menschen kümmern, die in Armut leben: das Sozialkaufhaus des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SkF) in Ibbenbüren, das BuT-Lotsen-Projekt (Bildungs- und Teilhabeprojekt der Bundesregierung) des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Tecklenburg und der Ökumenische Verein "Salzstreuer e.V.". Das BuT-Lotsen-Projekt betreut Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Der Verein "Salzstreuer" in Rheine leistet schnelle, unbürokratische und konkrete Hilfe für Menschen in Notlagen und unterstützt Ratsuchende bei Behördengängen.

Text: Christine Fernkorn, Ev. Kirchenkreis Tecklenburg

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