9. Februar 2017

Wohlfahrtsverbände stellen Wahlprüfsteine vor

Forderungen für ein soziales NRW

Am 14. Mai stimmen die Menschen in Nordrhein-Westfalen darüber ab, wer in den nächsten fünf Jahren die Regierungsverantwortung für das einwohnerstärkste Bundesland übernimmt. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände hat jetzt Wahlprüfsteine zusammengestellt: Forderungen für ein soziales NRW. Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann erläutert im Interview diakonische Schwerpunkte.

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

Was sollten Wähler aus Sicht der Diakonie berücksichtigen, wenn sie sich für eine Partei entscheiden?

Die Wirtschaft boomt, aber die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Armut und Ausgrenzung sind mit den sozialstaatlichen Grundsätzen nicht vereinbar. Daher zieht sich die Armutsbekämpfung wie ein roter Faden durch unsere Positionen und Forderungen. Für uns als Diakonie sind Solidarität und Mitmenschlichkeit, aber auch das Füreinander der Generationen prägende Werte unserer Gesellschaft, für die wir eintreten. Dabei haben wir die Schwachen in unserer Gesellschaft besonders im Blick: Langzeitarbeitslose, Wohnungslose, Suchtkranke, Alleinerziehende oder Menschen mit prekärem Einkommen.

Der jüngste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bestätigt, dass die Armut sich in Deutschland verfestigt. Die Schuldnerquote in NRW steigt seit Jahren und liegt mittlerweile bei 11 Prozent. Fast jede fünfte Familie in NRW ist eine alleinerziehende Familie, die ein deutlich höheres Armutsrisiko hat. Es ist für sie schwieriger, Job und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen und bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Wo müssen wir ansetzen, wenn wir die Armut in NRW bekämpfen wollen?

Wir brauchen mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit sowie die Förderung von Hilfe zur Selbsthilfe. Mit unseren Angeboten wie Schuldnerberatung, Kindertagesstätten, Familienzentren, Suchtberatung, Jugendsozialarbeit oder Arbeitslosenzentren versuchen wir insbesondere Kinder, Jugendliche und Familien frühzeitig zu stärken, damit sie wieder eigenverantwortlich handeln können. Gerade bei diesen Regelangeboten erleben wir, dass immer mehr Menschen in unsere Beratungsstellen kommen. Doch diese wichtigen Hilfsangebote, die Armut bekämpfen, sind schon seit Jahren unterfinanziert.

Ein Beispiel für Frühe Hilfen, um Familien in Armutslagen zu erreichen, sind die Kindertagesstätten, die unter der unzureichenden Förderung durch das Kinderbildungsgesetz leiden. Auch die vielen niedrigschwelligen Hilfsangebote der Offenen Ganztagsschule sind nicht ausreichend finanziert. Wir fordern gemeinsam mit den anderen Wohlfahrtsverbänden mehr Nachhaltigkeit auf dem sozialen Sektor. NRW hinkt da auch im Vergleich mit anderen Bundesländern hinterher.

Rechtspopulismus besorgt in NRW viele, auch Diakonie und Kirche. Was muss getan werden?

In Deutschland bildet sich eine neue rechte Bewegung, die Fremdenfeindlichkeit mit antidemokratischen Ressentiments verbindet und auch in der Mitte der Gesellschaft Anklang findet. Das beobachten wir mit großer Sorge. Ehrenamtliche, die in der Flüchtlingsarbeit mitarbeiten, müssen sich zunehmend für ihr Engagement rechtfertigen. Gleichzeitig erleben wir in unseren Kirchengemeinden viele gelungene Beispiele der Solidarität. Menschen, die sich einsetzen für Schwächere und füreinander da sind.

Aufgrund unseres christlichen und demokratischen Grundverständnisses als Diakonie wollen wir eine Gesellschaft, in der niemand ausgegrenzt wird oder sich abgehängt fühlt. Wir treten für ein Miteinander ein, in dem nicht jeder versucht, das Seine zu bewahren. Wir brauchen ein soziales NRW. Armutsbekämpfung muss deshalb ein wesentliches Merkmal sozialstaatlichen Handelns sein.

Das Gespräch führte Sabine Portmann

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
Brot für die Welt
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