Dienstag, 28. Juli 2015

„Kirche und Diakonie besser vernetzen“

Neues Werkstattbuch für Gemeindediakonie

Früher war Diakonie ohne Kirchengemeinde nicht denkbar. Heute haben sich beide vielfach auseinander gelebt. Dabei wäre eine engere Zusammenarbeit sinnvoll, damit Hilfen vor Ort auch ankommen und besser vernetzt werden können. Was dafür nötig ist, wo die originären Chancen gemeindlicher Diakonie liegen und wie Diakonie und Kirchengemeinde erfolgreich gemeinsam handeln, ist Thema des neuen Werkstattbuches für Gemeindediakonie. 

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Ein Artikel zum Thema:
Diakonische Identität
Neue Buchvorstellung "Nah dran" von Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer und Pfarrerin Barbara Montag

Prof. Dr. Gerhard K. Schäfer und Pfarrerin Barbara Montag

Zu den Herausgebern gehören Barbara Montag von der Diakonie RWL und Professor Gerhard K. Schäfer von der Evangelischen Fachhochschule Bochum sowie Superintendent Joachim Deterding für die Ruhrgebietssuperintendenten-Konferenz. Mit zwei der Theologen sprach Sabine Damaschke. -

Das Werkstattbuch trägt den Titel „Nah dran“. Wie sind Sie auf dieses Motto gekommen?

Barbara Montag: Kirchengemeinden haben eine räumliche Nähe zu den Menschen. Sie sind besonders „nah dran“ an den Problemen, die es vor Ort gibt, sind in Hör-, Sicht- und Rufweite der Menschen, die Unterstützung benötigen. Sie sind Teil ihres Sozialraums und insofern dazu prädestiniert, diesen Sozialraum mitzugestalten.

Gerhard Schäfer: Wir müssen hier allerdings zwischen struktureller und tatsächlicher Nähe unterscheiden. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass Gemeinden diese Nähe zu den Menschen auch tatsächlich nutzen, um inklusive Sozialräume zu gestalten. Viele fühlen sich im Schatten der hochprofessionellen Diakonie und müssen erstmal aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, um zu begreifen, dass sie wichtige Akteure einer Gestaltung des Sozialen sein können, die auf eine gute Vernetzung der Hilfsangebote in den Stadtteilen setzt und auf die Mitwirkung von Ehrenamtlichen. Ein Modell, das die Politik zunehmend entdeckt und fördert.

Warum haben Sie das Ruhrgebiet in den Blick genommen, wenn es um das Zusammenspiel von Kirche und Diakonie geht?

Gerhard Schäfer: Das Ruhrgebiet ist ein hoch interessanter Sozialraum für Wissenschaftler. Entwicklungen, die wir hier in Bezug auf Migration, Armut, den demografischen Wandel, eine soziale Polarisierung und religiöse Polarisierung haben, lassen sich auf andere Regionen Deutschlands übertragen. In diesem Ballungsraum haben sich durch den Strukturwandel soziale Veränderungen vollzogen, die auch auf andere Regionen zukommen können. Insofern kristallisieren sich im Ruhrgebiet die Kernherausforderungen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sowie für Kirche und ihre Diakonie heraus.

Barbara Montag: Die Idee zu diesem Buch kam aber nicht nur von den Wissenschaftlern, sondern von der Konferenz der Superintendenten des Ruhrgebiets. Sie sind an die Evangelische Fachhochschule Bochum herangetreten, um Daten und Fakten über die Entwicklung der Diakonie in den Gemeinden an die Hand zu bekommen, die sie auch in Verhandlungen mit der Lokalpolitik zu Themen des Sozialraums nutzen können.

Insofern basiert das Werkstattbuch auf einer Umfrage unter 215 Kirchengemeinden in den 19 Ruhrgebiets-Kirchenkreisen der rheinischen und westfälischen Kirche. Dabei kam heraus, dass Kirchengemeinden vor allem in folgenden Bereichen diakonisch aktiv sind: Besuchsdienste vor allem für ältere Menschen, Angebote für Familien und Kinder, Gottesdienste zu diakonischen Themen und Partnerschaftsprojekte mit Entwicklungsländern. Ein erstaunliches Ergebnis für Sie?

Barbara Montag: Ja, wir fanden es beeindruckend, dass es in den Kirchengemeinden durchschnittlich 18 verschiedene gemeindediakonische Aktivitäten gibt, die von rund 30 Ehrenamtlichen kontinuierlich wahrgenommen und oft auch koordiniert werden. Wobei die Gemeinden aber die wenigsten Tätigkeitsfelder unter dem Begriff „Diakonie“ fassen. Für uns belegt diese Vielfalt, dass die These, Diakonie sei aus den Gemeinden ausgewandert, nicht stimmt.

Allerdings engagieren sich nur relativ wenige Kirchengemeinden in den Handlungsfeldern Arbeitslosigkeit, Personen mit Migrationshintergrund und Wohnungslosigkeit. Woran liegt das?

Gerhard Schäfer: Das Engagement für diese Gruppen, die von Armut betroffen sind, überlassen viele Gemeinden der institutionalisierten Diakonie und fühlen sich an dieser Stelle nicht zuständig. Dabei wäre gerade hier die Zusammenarbeit verschiedener Akteure im Sozialraum, sprich von Profis der Diakonie mit Ehrenamtlichen aus den Gemeinden, im Sinne eines differenzierten Hilfebündnisses sinnvoll. Die Gemeinden müssen sich meiner Ansicht nach die Frage gefallen lassen, ob sie den Kontakt zu den Armen überhaupt wollen. In vielen Gemeinden gibt es nur punktuelle Begegnungen, aber kein echtes Miteinander.

Sie haben festgestellt, dass es durchaus den Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden und Diakonischen Werken gibt, man sich aber zeitweise auch als Konkurrenten sieht. 

Barbara Montag: Dort, wo Gemeinden sich diakonisch professionalisiert haben, etwa in bestimmten Projekten, und für diese öffentliche Gelder beantragen, befinden sie sich in Konkurrenz zur institutionalisierten Diakonie. In der Regel aber fühlen sich viele Gemeinden mit ihrem Engagement eher im Schatten der „Sozialprofis“. Eine gute Zusammenarbeit gelingt einerseits dort, wo gemeinsam an bestimmten Themen gearbeitet wird, etwa in einem konkreten Projekt. Gemeinden engagieren sich hier oft mit ihren Ehrenamtlichen und stellen ihnen Räume zur Verfügung. Andererseits entstehen Kooperationen durch Druck von außen. Zum Beispiel, wenn die Kommunalpolitik einen Ansprechpartner fordert oder sich die Arbeit vor Ort durch neue Gesetze so ändert, dass Gemeinden professionelle soziale Akteure brauchen. Das war im Fall des Kinderbildungsgesetzes so.

Gerhard Schäfer: In unserem Buch nennen wir zahlreiche Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit vor Ort. Dazu gehören etwa Stadtteilprojekte für ältere Menschen, für Migranten oder auch behinderte Menschen. Wichtig ist dabei, dass die Diakonie ihre Fachlichkeit dezidiert und partnerschaftlich einbringt. Die Kirchengemeinde wiederum braucht ein Konzept, das vom Presbyterium mitgetragen und mit eigenen Ressourcen unterstützt wird.

Kirchengemeinden verlieren zunehmend Mitglieder, diakonische Einrichtungen durch die Konkurrenz auf dem Sozialmarkt zunehmend Klienten. Wie profitieren beide von einer besseren Zusammenarbeit vor Ort?

Gerhard Schäfer: Die institutionalisierte Diakonie braucht die Kirche vor Ort, um Hilfe so zu gestalten, dass die Menschen in ihren Lebensräumen erreicht werden. Dazu braucht sie die lokalen und ehrenamtlichen Strukturen der Kirchengemeinden. Diese wiederum profitieren von der Professionalität der Diakonie, die die sozialen Herausforderungen genau kennt und auch öffentlich formulieren kann. Viele kirchenferne Menschen lassen sich für die Mitarbeit in sozialen Projekten gewinnen oder sie spenden dafür. Auf diese Weise kommen sie auch mit Kirche wieder in Berührung. Wenn Gemeinden sich nicht stärker um ein diakonisches Profil bemühen, ist die Gefahr groß, dass sie weiter an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren.

Barbara Montag: Wir sollten bedenken, dass Diakonie und Kirche heutzutage nicht die einzigen Akteure im Sozialraum sind. Es gibt hier eine starke Konkurrenz. Mein Motto für die Zukunft lautet deshalb „gemeinsam evangelisch stark“. Mit unserem Werkstattbuch möchten wir gerne einen Beitrag für die Diskussion um die Zukunft von Kirche und Diakonie anstoßen und Impulse für eine engere Zusammenarbeit geben.

Literaturhinweis:

Gerhard K. Schäfer, Joachim Detering, Barbara Montag, Christian Zwingmann (Hg): Nah dran, Werkstattbuch für Gemeindediakonie, Neukirchener Verlagsgesellschaft 2015, 455 Seiten, 28,99 Euro. Das Buch kann beim Verlag bestellt werden.