19. Januar 2017

Innovationspreis Bahnhofsmission

Mehr als Wärmestube und Reisehilfe

Erzählcafés und kultursensible Spaziergänge – damit will die Bahnhofsmission Düsseldorf auf den Sozialraum Bahnhof aufmerksam machen. Ihr Projekt hat heute den Innovationspreis der Diakonie RWL erhalten. Die Auszeichnung soll die Vielfalt der ehrenamtlichen Arbeit in den Bahnhofsmissionen zeigen. Referentin Karen Sommer-Loeffen hat den Preis vor sechs Jahren ins Leben gerufen.

Portrait

Karen Sommer-Loeffen

Die Düsseldorfer Bahnhofsmission will Menschen für das Quartier rund um den Bahnhof mit geführten Spaziergängen und Erzählcafés die Augen öffnen. Was ist das Ziel dieses ungewöhnlichen Projekts?

Am Hauptbahnhof steigen täglich Reisende und Pendler aus oder um, doch sie nehmen ihn nicht als Sozialraum wahr, in dem viele andere Menschen wohnen und arbeiten. Viele sehen sie ihn eher als heruntergekommenen, angstmachenden Ort. Die Bahnhofsmission Düsseldorf will mit ihren kultursensiblen Spaziergängen zeigen, dass das Quartier ein lebendiges Viertel ist. Sie will mit Vorurteilen aufräumen und in ihren Erzählcafés Räume für einen Austausch geben. So bringt sie Menschen zusammen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben und schafft eine Grundlage für Achtsamkeit und Solidarität.

Der Innovationspreis ist mit 1.600 Euro dotiert. Das ist nicht viel, um damit ein Projekt zu finanzieren.

Das stimmt. Aber der Preis ist auch eher als eine Anerkennung für die kreative Arbeit unserer Bahnhofsmissionen gedacht. Er zeigt der Öffentlichkeit, dass sie täglich für ganz unterschiedliche Menschen da sind. Das reicht vom Manager, dem sein Handy gestohlen wurde, und Reisenden im Rollstuhl, die beim Umsteigen begleitet werden, bis zu Wohnungslosen und mittellosen Menschen aus Süd- und Osteuropa, denen eine Unterkunft und Beratung vermittelt wird.

Die 24 Bahnhofsmissionen, die unser Verband vertritt, sind für alle da, die am Bahnhof Hilfe brauchen. Es ist eine besondere Form der überwiegend ehrenamtlichen sozialen Arbeit, die deshalb auch so gut wie keine Fördermittel erhält und chronisch unterfinanziert ist. Fundraising spielt eine große Rolle. Und da haben die Bahnhofsmissionen viel Fantasie entwickelt, wie sie Spender und ehrenamtliche Helfer finden. Auch das würdigt die Auszeichnung.

Seit drei Jahren unterstützt die Sparda-Bank West den 2011 gestarteten Innovationspreis. Wie kam es zu dieser finanziellen Beteiligung?

Damals haben wir mit der Sparda-Bank West e.G. das "Seitenwechsel"-Projekt gestartet. In zehn Bahnhofsmissionen sind Mitarbeitende der Bank für jeweils drei Tage ehrenamtlich tätig gewesen. Das Projekt ist so gut angekommen, dass die Bank daraufhin beschlossen hat, den Innovationspreis mitzufinanzieren. Im vergangenen Jahr hat sie für die Arbeit der Bahnhofsmissionen sogar 20.000 Euro gespendet. Deshalb können wir diesmal nicht nur das Projekt der Düsseldorfer Bahnhofsmission auszeichnen, sondern weitere Initiativen aus Krefeld, Hamm, Dortmund und Hagen mit jeweils 1.000 Euro fördern.

Stadtspaziergang der Düsseldorfer Bahnhofsmission

Die Macht der Banken als Graffiti - Teilnehmer eines Stadtspaziergangs der Düsseldorfer Bahnhofsmission entdecken ein kreatives Quartier

Sie haben also noch rund 15.000 Euro für die Arbeit der Bahnhofsmissionen zur Verfügung. Was geschieht nun mit dem Geld?

Rund 5.000 Euro erhält die Bahnhofsmission Hamm, die ihre Arbeit komplett umstellen und dafür viele freiwillige Helfer finden muss. Weitere 1.000 Euro bekommt die Bahnhofsmission Essen, die in diesem Jahr ihr 120-jähriges Jubiläum feiert und viele öffentlichkeitswirksame Aktionen plant. Es bleiben also noch rund 9.000 Euro übrig. Ich bin sicher, dass wir keine Schwierigkeiten haben werden, gute Projekte zu finden, die wir unterstützen können.

Die Arbeit der Bahnhofsmission wird allgemein sehr geschätzt. Dennoch hat sie ständig mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Sind Bahnhofsmissionen auch schon mal geschlossen worden?

Ja, das ist schon passiert. Unter den bundesweit 104 Bahnhofsmissionen gibt es einige, die finanziell so schlecht dastehen, dass ihre Schließung im Gespräch ist. Wir haben im vergangenen November aber noch eine ökumenische Bahnhofsmission in Lippe hinzubekommen. Es läuft alles mit knappen, bescheidenen Mitteln, dennoch finden sich immer wieder genug freiwillige Helfer, die gerne bei der Bahnhofsmission arbeiten.

Was reizt die Ehrenamtlichen daran, sich bei der Bahnhofsmission zu engagieren?

Einmal hat es mit dem Sehnsuchtsort Bahnhof zu tun. Es ist ein ganz besonderer Platz, der das Fernweh weckt und an dem Menschen aller sozialen Schichten und Kulturen aufeinander treffen. Daher ist die soziale Arbeit dort sehr vielfältig. Und sie wird wichtiger, denn die Deutsche Bahn fährt ihren Service immer stärker zurück. Statt Personal, das helfen kann, stehen im Bahnhof kompliziert zu bedienende Automaten. Gleichzeitig reisen auch immer mehr ältere und behinderte Menschen. Hinzu kommen Reisende aus dem Ausland, Flüchtlinge und mittellose Arbeitssuchende aus Süd- und Osteuropa. Wir haben also zwei gegenläufige Entwicklungen, die eine Brücke brauchen. Und genau diese Brücke bilden die Mitarbeitenden der Bahnhofsmissionen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. 

Das Teaserfoto zeigt die Preisübergabe. Zu sehen sind die Leiterin der Bahnhofsmission Düsseldorf, Barbara Kempnich (Mitte) mit Mitarbeiter Robert Modliborski (rechts) und Piet Meuer, Filialleiter der Sparda-Bank in Düsseldorf.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit
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