2. November 2016

Patenschaften für Geflüchtete

Ehrenamt mit hohem Anspruch

Sie sind Lotsen im Behördendschungel, Kümmerer und Integrationshelfer – Pate für geflüchtete Menschen zu sein, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Um dabei nicht auszubrennen, brauchen Ehrenamtliche von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen professionelle Unterstützung. Wie sie aussehen kann, damit hat sich jetzt eine Tagung der Diakonie RWL beschäftigt.   

Die Suche einer geeigneten Wohnung für "ihre" vierköpfige Familie aus Aserbaidschan kostet Christiane Thomas gerade Nerven. Auch der Besuch eines Integrationskurses steht noch aus, obwohl ihre Familie mit den beiden Kindern im Grundschulalter schon seit fast zwei Jahren in Deutschland ist. Über den Asylantrag haben die Behörden immer noch nicht entschieden. Eigentlich wollte die Sprachkurslehrerin aus Siegburg, die Russisch spricht, nur als ehrenamtliche Sprachpatin aktiv werden. Nun kümmert sie sich auch um die vielen anderen Probleme, mit denen ihre Familie zu kämpfen hat – und fühlt sich dabei manchmal ganz schön alleine. "Ich nehme zwar an Austauschtreffen mit anderen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe teil", erzählt sie auf der Tagung zu ehrenamtlichen Patenschaften in der Diakonie RWL. "Aber Schulungen, Supervisionen oder gar eine schriftliche Vereinbarung kenne ich nicht."

Wie viele andere freiwilligen Helfer hat Christiane Thomas einfach die Ärmel hochgekrempelt und ist im vergangenen Jahr aktiv geworden, als für ihre Flüchtlingsfamilie dringend Hilfe gebraucht wurde. "Die hohe Zahl der Flüchtlinge hat alle erstmal überfordert und viele Träger bei Diakonie und Kirche haben tatkräftig losgelegt, ohne Strukturen für die Ehrenamtsarbeit in der Flüchtlingshilfe zu schaffen", hat Karen Sommer-Loeffen, langjährige Referentin für Ehrenamtsarbeit bei der Diakonie RWL beobachtet. "Patenschaften gehören aber zu den anspruchsvollsten Formen des Ehrenamts und brauchen gute Begleitung, damit sie langfristig erfolgreich sind."

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Carlos Stemmerich

Erwartungen an die Patenschaft klären

Gerade bei Patenschaften treffen oft hohe Erwartungen von beiden Seiten aufeinander. "Geflüchtete denken oft, Ehrenamtliche seien der verlängerte Arm des Staates und würden für ihre Hilfe bezahlt", berichtete Carlos Stemmerich, Ehrenamtskoordinator bei der Diakonie Michaelshoven in Köln. "Daher bedanken sie sich häufig nicht so, wie Ehrenamtliche es erwarten, die viel Zeit und oft auch Geld investieren, um sie zu unterstützen." Für Frustration sorge zudem die völlig andere Zeitstruktur mancher Flüchtlinge. "Viele Ehrenamtliche verstehen nicht, warum die geflüchteten Menschen sich nicht intensiver darum kümmern, die deutsche Sprache zu lernen, wo sie doch den ganzen Tag dafür Zeit haben."

Kulturelle Unterschiede, Heimweh, Traumata – es gibt zahlreiche Gründe, warum geflüchtete Menschen anders agieren und reagieren als ihre Helfer es erwarten. "Daher sollten die unterschiedlichen Erwartungen vor einer Patenschaft geklärt werden", betonte Melanie Harendt von der Diakonie Düsseldorf. Als Ehrenamtskoordinatorin betreut sie derzeit rund 40 Patenschaften. Bevor sie in einem "Matching" Paten und Geflüchtete zusammenbringt, führt sie ein ausführliches Gespräch mit den Ehrenamtlichen und ein weiteres, in dem die freiwilligen Helfer und die geflüchteten Menschen ihre Erwartungen nennen, häufig auch unter Einsatz eines Dolmetschers. Jeder Ehrenamtliche, der bei der Diakonie Düsseldorf in der Flüchtlingshilfe eingesetzt wird, muss vorher eine Schulung besucht haben. 

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Melanie Harendt

Patenschaftsvertrag in der Kritik

Die Patenschaften werden vom Bundesprogramm "Menschen stärken Menschen" gefördert. Die Diakonie Düsseldorf ist einer von rund 80 Trägern, die sich unter dem Dach der Diakonie Deutschland an dem im Januar gestarteten Programm des Bundesfamilienministeriums beteiligen. Derzeit gibt es gut 1.300 Patenschaften, knapp 500 davon im Bereich der Diakonie RWL. Eine halbe Million Euro erhält die Diakonie für den Aufbau der Patenschaften, die Begleitung und Qualifizierung der Paten. "Das ist viel zu wenig" sagt Rainer Hub, der für das Programm bei der Diakonie Deutschland zuständig ist. Nur 200 Euro fließen pro Patenschaft.

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Elke Bikowski

Für großen Unmut unter den Ehrenamtskoordinatoren sorgt zudem die Festbetragsfinanzierung des Programms, die an einen Vertrag zwischen Pate und Flüchtling gekoppelt ist. "Genau diese Unterschrift möchten viele Ehrenamtliche nicht leisten", so Elke Bikowski, Ehrenamtskoordinatorin im Evangelischen Kirchenkreis Minden. "Das ist ihnen zu verbindlich." Auch die geflüchteten Menschen seien sehr irritiert über den Vertrag, "denn sie sehen ihre Paten als Freunde und verstehen überhaupt nicht, warum sie für eine Freundschaft unterschreiben müssen."

Miriam Junker-Ojo, beim Bundesfamilienministerium zuständig für das Programm, betonte, die geflüchteten Menschen müssten den Vertrag gar nicht unterzeichnen. "Es reicht die Unterschrift des Trägers." Außerdem könne er auch als "Patenschaftsnachweis", "Vereinbarung", oder "Urkunde" bezeichnet werden. "Es geht uns nur um einen schriftlichen Nachweis, damit wir das Geld unkompliziert an die Träger weiterleiten können."

Nebeneinander stehend

Miriam Junker-Ojo und Rainer Hub

Rechte und Pflichten der Ehrenamtlichen

Von einem "unkomplizierten Verfahren" könne keine Rede sein, kritisierte Carlos Stemmerich und forderte ein anderes Finanzierungssystem - etwa über Pauschalen. Die Diakonie Michaelshoven ist aus dem Programm wieder ausgestiegen. "Nach der großen Welle der Hilfsbereitschaft müssen wir jetzt eher um Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe werben. Wenn wir bei den Patenschaften direkt mit einem Vertrag kommen, verschrecken wir viele freiwillige Helfer." Schulungen und Austauschtreffen sind für die rund 160 Ehrenamtlichen in Michaelshoven aber auch Pflicht. Carlos Stemmerich bietet zudem Infoabende zum Thema Wohnungssuche, Asylrecht oder Traumata an. Alle Ehrenamtlichen sind unfall- und haftpflichtversichert, die Fahrtkosten werden bis zu einer bestimmten Höhe erstattet.

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Anna Puch

"Paten haben viele Rechte, aber auch Pflichten. Bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe müssen wir sie gut begleiten", betonte Anna Puch vom Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenkreises Trier und Simmern-Trarbach. Auch in Trier sei es schwieriger geworden, freiwillige Helfer für die Flüchtlingsarbeit zu finden. "Wer sich aber für die persönliche Betreuung in einer Patenschaft entscheidet, macht das in der Regel sehr verbindlich."

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit
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