28. September 2015

Rechtsbetreuung

Hinter jeder Akte steckt ein Schicksal

Es ist eine besondere Form der sozialen Arbeit: Schon lange kümmern sich bei der Diakonie RWL Betreuungsvereine um Menschen, die ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können. Obwohl deren Zahl stark zugenommen hat, finanziert der Staat diese Arbeit nur unzureichend - und gefährdet damit die Existenz der Betreuungsvereine. Was sie für ihre Klienten leisten, zeigt das Beispiel des Rechtsbetreuers Dennis Dick in Bochum.

Dennis Dick im Gespräch mit Maximilian.

Jeden Freitag ist für Maximilian Müller (Name geändert) Zahltag. Dann kommt der ehemalige Student der Politikwissenschaften ins Büro des Sozialarbeiters Dennis Dick im evangelischen Betreuungsverein Bochum und holt sich sein Taschengeld ab. Mit 34 Jahren wollte er eigentlich eigenes Geld verdienen, eine Familie haben, Karriere an der Uni machen. Doch es ist anders gekommen. Eine Psychose hat den begabten Studenten aus der Bahn geworfen. Sein Studium hat er nicht abgeschlossen, Maximilian lebt von Hartz IV und hat 10.000 Euro Schulden. Die Vollmacht über sein Konto hat er an Dennis Dick abgegeben. Freiwillig, vor eineinhalb Jahren.

Ein Betreuer, der hilft, aber auch ärgert

„Als ich wegen meiner Schulden in ein sechsjähriges Insolvenzverfahren gehen musste, habe ich die gesetzliche Betreuung beantragt“, berichtet Maximilian, um grinsend hinzuzufügen: „Dennis Dick hat mir seitdem sehr geholfen, mich aber zeitweise auch ganz schön geärgert.“ Zum Beispiel mit seiner Taschengeld-Idee. Nachdem Maximilian in einer seiner depressiven Phasen innerhalb von drei Tagen ein Drittel seiner Bezüge ausgegeben hatte, ließ Dennis Dick das Konto sperren. „Erst war ich darüber total verärgert, aber jetzt bin ich froh, denn ich lerne wieder zu sparen“, gibt Maximilian zu.

Mit Erfolg. Neulich konnte er sich sogar von dem Geld, das sein Betreuer für ihn zurücklegt, einen neuen Laptop kaufen. Im Internet schaltet er sich jetzt regelmäßig in politische Debatten ein und berät eine Partei in Fragen der Außenpolitik. „Maximilian ist auf einem guten Weg“, meint sein 32-jähriger Betreuer. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ohne mich zurechtkommen wird, wenn mein Auftrag im April 2018 endet.“

Viel Schreib- und Aktenarbeit

Portrait Martin Hamburger

Dr. Martin Hamburger

Nicht alle seiner insgesamt 38 geführten Betreuungen stimmen den Sozialarbeiter so positiv. „Bei alten, demenzkranken Menschen, die sonst niemanden mehr haben, ist klar, dass ich sie bis zum Tode betreuen werde“, erzählt er. Andere psychisch kranke Klienten sind deutlich instabiler als Maximilian. Wer nicht zu ihm kommen kann, den besucht er auch zuhause oder im Heim. Mindestens einmal im Monat hat er Kontakt zu seinen Klienten. Den Großteil seiner Zeit verbringt der gesetzliche Betreuer allerdings im Büro. Er bearbeitet Anträge, telefoniert mit Behörden, Banken und Ärzten. Er kümmert sich um Versicherungen, Mieten, Renten, Heim- oder Klinikaufenthalte.Dennis Dick ist einer von insgesamt 300 hauptamtlichen Mitarbeitern der rund 60 Betreuungsvereine, die unter dem Dach der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe arbeiten. Neben den Betreuungsvereinen gibt es noch private sowie ehrenamtliche Berufsbetreuer, die in Deutschland für 1,3 Millionen Menschen die rechtlichen Angelegenheiten regeln. Tendenz steigend. Die staatliche Finanzierung für diese Arbeit ist aber seit Jahren knapp bemessen.  „Das Geld reicht nicht, wenn wir die Menschen angemessen betreuen wollen“, sagt der Wuppertaler Diakoniedirektor Martin Hamburger, der auch Vorsitzender des Fachverbands der Betreuungsvereine bei der Diakonie RWL ist, im Interview. Damit die Vereine überleben könnten, müssten die Betreuer schon heute rund 40 Betreuungen übernehmen, so Hamburger.

„Es ist viel Schreib- und Aktenarbeit“, gibt auch Dennis Dick zu. „Aber ich kann mir keinen spannenderen Job als Sozialarbeiter vorstellen“, betont Dennis Dick. „Bei mir fließen sämtliche Aspekte der sozialen Arbeit zusammen.“ Mit dieser Einstellung war er an der Hochschule allerdings ziemlich alleine. Aus seinem gesamten Jahrgang der Studierenden, die an der Evangelischen Fachhochschule Bochum für soziale Arbeit eingeschrieben waren, interessierte nur er sich für den Beruf des gesetzlichen Betreuers. „Meine Kommilitonen hielten diesen Job für langweilige Schreibtischarbeit.“

Menschen wieder gesellschaftsfähig machen

Viel Arbeit, aber ein Traumjob: Dennis Dick in seinem Büro.

Nach dem Praxissemester bei einem Berufsbetreuer in Herten war für Dennis Dick schließlich ganz klar, dass er in diesem Arbeitsfeld tätig werden wollte. In seiner Freizeit fing er an, Gesetzestexte zu lesen und sich über das deutsche Finanz- und Rechtswesen zu informieren. Vorlesungen oder Seminare zu diesem Arbeitsfeld gab es an der Hochschule kaum. Kurz nach seinem Abschluss bekam Dennis Dick die Stelle als Vereinsbetreuer beim evangelischen Betreuungsverein Bochum der Diakonie Ruhr. In dem zehnköpfigen Team ist er mit seinen 32 Jahren der jüngste Betreuer.

Berufs- und Lebenserfahrung bringt der Vater einer kleinen Tochter allerdings aus seinem früheren Job als Maschinen- und Systemtechniker bei Opel sowie diversen Nebentätigkeiten mit. „Ich weiß, was es heißt, seine Stelle zu verlieren“, erzählt er. Schließlich gehörte Dennis Dick zu den ersten Mitarbeitern, denen 2005 betriebsbedingt gekündigt wurde. Im Zivildienst hatte er schon demenzkranke Menschen betreut und sich im CVJM sozial engagiert. Da lag es für ihn nahe, vom Handwerk in die soziale Arbeit zu wechseln und ein entsprechendes Studium zu beginnen. „Für diesen Job ist es von Vorteil, dass ich Sozialarbeiter bin“, ist Dennis Dick überzeugt. „Ich entscheide hier nicht nur nach Aktenlage, sondern möchte dazu beitragen, dass die Menschen, die ich hier betreue, wieder gesellschaftsfähig werden.“

Wohl und Wille des Betreuten steht im Fokus

Im Fall von Maximilian heißt das für den gesetzlichen Betreuer, dass er ihm dabei hilft, den sparsamen Umgang mit Geld wieder zu lernen, sich an Absprachen zu halten, seine Wohnung aufzuräumen und auch die Körperpflege nicht zu vernachlässigen. „Das Wohl und der Willen des betreuten Menschen stehen für mich im Mittelpunkt“, betont Dennis Dick. „Ich habe eine Fürsorgepflicht, darf aber die Würde des Menschen nicht verletzen, indem ich über seinen Kopf hinweg Entscheidungen treffe.“

Dennis Dick versteht sich als Anwalt seiner Klienten, nicht als Vormund. „Die wenigsten betreuten Menschen haben die Situation, in der sie sich befinden, selbst verschuldet“, meint er. „Hinter jeder Akte steckt ein Schicksal, welches vorurteilsfrei von mir anzunehmen ist.“

Sabine Damaschke

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