23. September 2015

Freiwillige in der Flüchtlingshilfe

„Ohne gute Begleitung geht es nicht“

In der Flüchtlingsarbeit werden dringend freiwillige Helfer gebraucht. Genau die möchte man nun auch unter den Bundesfreiwilligen finden. Dafür richtet der Bund im kommenden Jahr weitere 10.000 Plätze ein. Eine gute Idee, meint die Diakonie RWL. Doch der Spitzenverband vermisst noch ein verbindliches Konzept für die künftigen „Flüchtlings-Bufdis“. Wie das aussehen sollte, erklärt Jürgen Thor, Leiter der Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL.

Musik für Kinder

Foto: Kylie Hinde / AusAID

Herr Thor, wie viele von den rund 10.000 neuen Plätzen werden im Bereich der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe angeboten?

Wir rechnen damit, dass wir für das kommende Jahr rund 200 zusätzliche Freiwilligenplätze einrichten werden. Derzeit haben wir im Bundesfreiwilligen-Programm für junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren wie auch für die Bufdis, die über 27 Jahre alt sind, knapp 1.000 Plätze. Wir begleiten unsere Freiwilligen, die ein Jahr lang in den diakonischen Einrichtungen tätig sind, in Seminaren, aber auch Einzelberatungen. Dafür haben wir derzeit rund 40 hauptamtliche pädagogische Mitarbeitende.

Der Bund hat insgesamt 42 Millionen Euro für die Aufstockung der Plätze versprochen. Reicht das?

Das reicht aus mehreren Gründen nicht. Die 42 Millionen Euro entsprechen etwa dem monatlichen Entgelt von 350 Euro, das jeder der 10.000 Freiwilligen erhält. Nicht eingerechnet sind die rund 600 Euro, die eine Einrichtung pro Freiwilligem für Bildungskosten, Sozialversicherung und Verwaltungsaufwand aufbringen muss. Das bedeutet: es ist nur ein Drittel der Stellen refinanziert. Wenn das so bleibt, befürchten wir, dass viele diakonische Einrichtungen, aber auch Kirchengemeinden, die die Bufdis gut in ihrer Flüchtlingsarbeit einsetzen könnten, einen Rückzieher machen. Hinzu kommt, dass die Freiwilligen eine gute pädagogische Begleitung brauchen. Auch das kostet natürlich.

Wie sollte diese Begleitung denn aussehen?

Dazu gehört auf jeden Fall das Thema „interkulturelles Lernen“, das wir auch jetzt schon anbieten. Dabei sensibilisieren wir unsere Seminarteilnehmenden für wesentliche Kulturunterschiede, etwa den Stellenwert von Familie in anderen Kulturen oder den Umgang mit alten Menschen. Von unseren sogenannten „Incomern“ - also jungen Menschen aus Osteuropa, Südamerika oder Asien, die bei uns als Freiwillige arbeiten - wissen wir, dass sie oft nicht verstehen, wie man alte Menschen in Senioren- und Pflegeheime „abschieben“ kann. Wir müssen aber auch Grundkenntnisse zum Asylrecht vermitteln. Besonders wichtig finde ich es, die Freiwilligen auf den Umgang mit Traumata vorzubereiten. Mindestens 30 Prozent der Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind von Krieg und Flucht traumatisiert. Das kann insbesondere die jungen Menschen unter 26 Jahren in der Flüchtlingsarbeit überfordern. Sie sollten daher von uns intensiv begleitet werden.

Halten Sie ältere Freiwillige für geeigneter?

Das muss nicht so sein. Aber ich denke schon, dass Lebenserfahrung und das Erleben von Brüchen in der eigenen Geschichte von Vorteil im Umgang mit Flüchtlingen sein kann. Bisher sind ja nur rund fünf Prozent unserer Freiwilligen älter als 27 Jahre, aber wenn der Fokus auf der Flüchtlingsarbeit liegt, kann sich das ändern. Ich kenne viele Rentner, die sich gerne für eine begrenzte Zeit in diesem Bereich engagieren möchten. Der Bundesfreiwilligendienst kann für diese Gruppe sehr attraktiv sein, weil er ihnen eine professionelle Begleitung in einem bekannten Programm bietet.

Auf die 10.000 neuen Plätze sollen sich auch Flüchtlinge bewerben können. Halten Sie das für eine gute Idee?

Der Freiwilligendienst bietet gerade jungen Menschen eine gute Möglichkeit, sich beruflich zu orientieren und zu testen, ob sie etwa in der Altenpflege oder für die Arbeit mit Kindern geeignet sind. Insofern macht es Sinn, ihn für Flüchtlinge zu öffnen. Doch auch ältere Flüchtlinge, die zum Beispiel als Ärzte oder Lehrer in ihren Heimatländern gearbeitet haben, könnten den Freiwilligendienst nutzen, um verwandte Arbeitsfelder etwa in der Pflege oder in den Kitas zu testen, für die sie qualifiziert sind, aber keine so umfangreiche Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse benötigen.

Könnte man die Flüchtlinge nicht auch gut in der Flüchtlingsarbeit einsetzen?

Unbedingt. Allerdings ist es auch dort unerlässlich, dass sie Grundkenntnisse der deutschen Sprache beherrschen. Wir erwarten mindestens mittlere Sprachkenntnisse auf dem B1-Niveau. Sonst ist ein sinnvoller Einsatz in einer diakonischen Einrichtung oder Kirchengemeinde nicht möglich. Zu überlegen ist allerdings, ob man in den Bundesfreiwilligendienst nicht auch Sprachkurse miteinbaut oder vorschaltet. In jedem Fall sollten wir die Einsatzmöglichkeiten der Flüchtlinge im Freiwilligendienst ausweiten. Sie könnten beim Austeilen der Mahlzeiten in den Flüchtlingsunterkünften helfen, die Kinder dort betreuen oder auch zur Schule begleiten.

Was erwarten Sie jetzt von der Bundesregierung?

Wir erwarten die konkrete Ausgestaltung des Programms, an der wir gerne mitwirken. Für eine sinnvolle und nachhaltige Umsetzung der zusätzlichen Plätze sollte ein mittelfristiger Zeitraum von drei bis fünf Jahren zur Verfügung stehen, damit man allen Ansprüchen gerecht werden kann. Es macht auch Sinn, weil die Integration der Flüchtlinge sicherlich länger als ein Jahr braucht. Der Start des neuen Programms könnte Mitte 2016 erfolgen, in Einzelfällen auch vorher. Doch wir brauchen Zeit, um Konzepte zu entwickeln und pädagogisches Personal einzustellen und zu qualifizieren. Auch wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble es nicht gerne hört: Für all das brauchen wir mehr Geld.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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