17. Januar 2017

Freiwilligendienst in Nicaragua

Armut, Lebensfreude und Machokultur

Seit August leben Anna und Finn in Nicaragua. Sie gehören zu den fünf Pionieren des neuen Auslandsfreiwilligendienstes der Diakonie RWL. Nach einem halben Jahr in sozialen südamerikanischen Projekten ziehen Anna und Finn eine erste Bilanz. Dabei ist klar: so wie sie Deutschland verlassen haben, werden sie nicht zurückkommen.

Gruppenfoto

Auf zu vielen neuen Erfahrungen: Anna (Mitte) mit Finn und Lea (l.) sowie Lara und Fleur (r.)

Ein fremdes Kribbeln auf der Haut, das Gewimmel zahlreicher bunt gekleideter Menschen vor Augen und das Rauschen der Palmen im Ohr – Mit allen Sinnen hat Anna staunend ihr neues Zuhause wahrgenommen, als sie im August in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, ankam.

Nur eines funktionierte zu Beginn überhaupt nicht: das Sprechen. "Als ich bei meiner Familie ankam, habe ich kein Wort herausbekommen", erzählt die 19-jährige Freiwillige. "Doch jetzt sagen mir nicaraguanische, aber auch mexikanische und kolumbianische Freunde, ich hätte schon einen guten Nica-Akzent", freut sie sich.

Wellblechhütten an der Straße

In ihrer Gastfamilie und Einsatzstelle, aber auch auf den Straßen Nicaraguas fühlt sich Anna mittlerweile zuhause. Dabei ist vieles anders als in Deutschland. Es sei einfach unausweichlich, die Armut in diesem Land nicht zu bemerken, zu spüren oder zu hören, sagt sie.

Jeden Tag, wenn Anna aus dem bewachten Villenviertel, in dem ihre Gastfamilie lebt, mit dem Bus zur Arbeit fährt, sieht sie die Wellblechhütten am Straßenrand, bettelnde Menschen, die an die Scheiben der Autos im Stau klopfen oder sich in den Bus drängen. Einmal hat ein junger Mann um Geld für eine Operation gebeten und dann sein T-Shirt hochgehoben. "Alles, was man sah, war ein alter Plastikbeutel mit gelber Flüssigkeit."

Portrait

Bunt und kindgerecht: Anna in der Einrichtung "Los Pipitos"

Entschlossen, zu helfen und zu teilen

Die ständige Konfrontation mit bitterer Armut hat in Anna nicht nur Mitleid, sondern auch Entschlossenheit geweckt. "Dass ich völlig unverdient das Privileg hatte, als Tochter zweier Ärzte in Deutschland zur Welt zu kommen, sehe ich nicht nur als Glück an, sondern viel eher als ein Zeichen, dass ich helfen und teilen kann." 

Dies tut Anna im 1987 gegründeten Verband "Los Pipitos". Er hat insgesamt mehr als 200 Mitarbeiter, die sich für die Gleichstellung von behinderten Menschen in Nicaragua engagieren. 

Ein Kind malt ein buntes Bild

In der Kunstwerkstatt arbeitet Anna viel mit taubstummen Kindern

Anna betreut Kinder und Jugendliche in der Kunstwerkstatt und gibt ihnen auch Schwimmunterricht. Dabei ließ man sie schnell "einfach machen", was, wie sie schmunzelnd zugibt, aufgrund ihrer mangelnden Spanischkenntnisse zu manchen Missverständnissen führte. "Doch bei 'Los Pipitos' wurde das stets mit einem Lachen, einer Umarmung oder geduldigen Erklärung der Kollegen entgegengenommen."

Ein Mädchen sitzt, umgeben von anderen Kindern, am Boden und lächelt

Lernen macht Spaß: Unterricht in der "Asociación Familia Pare Fabretto"

Gefragt als Englisch- und Informatiktrainer

Diese Herzlichkeit und Gelassenheit der Nicaraguaner fasziniert auch Finn. Er arbeitet in der „Asociación Familia Padre Fabretto“ in Managua. Die Organisation wurde 1991 von Pater Fabretto gegründet, um Waisenkindern ein Zuhause zu geben.

Heute kümmern sich die Mitarbeiter in kleinen Bildungszentren, die über die Millionenstadt verteilt sind, auch um arme Kinder und Jugendliche. Sie bieten Hausaufgabenbetreuung, Musik-, Englisch- und Tanzunterricht an und organisieren ein gesundes Mittagessen für rund 100 Schulen. 

Drei Kinder sitzen vor dem Computer

Computerkurs in Nicaragua

Finn bringt Jugendlichen in einem Kurs den Umgang mit Computern bei und gibt Englischunterricht. Die Arbeit macht ihm viel Spaß, aber manchmal ärgert er sich etwas über die vielen Pausen, die die Kollegen und Schüler einlegen. "Mir wäre es lieber, die Dinge schnell und gründlich zu erledigen", sagt der 19-Jährige Freiwillige. 

Portrait

Finn vor seiner idyllisch gelegenen WG (Foto: privat)

Gemeinsam mit Fleur, die ebenfalls in der "Asociación Familia Padre Fabretto" arbeitet, lebt er in einer Wohngemeinschaft der Organisation. Die Zimmer sind bescheiden, eine Waschmaschine gibt es nicht. Aber zum Haus gehört ein riesiger Garten, in dem Limonen, Orangen und Sternfrüchte angepflanzt werden. In den großen Palmen vorm Haus stiebizen Eichhörnchen die Kokusnüsse. 

Konservative Familien in einer Machokultur

Zwar sei eine Gastfamilie für das Einleben in eine andere Kultur sehr hilfreich, meint Finn, aber er genießt es auch, Entscheidungen alleine treffen zu können. Bei Anna sowie Lea und Lara, die in der "Asociación Quincho Barrilete" Kinder und Jugendliche betreuen, die Opfer von Gewalt und Vernachlässigung geworden sind, sieht das etwas anders aus. 

Gruppenfoto

Besuch in der Einsatzstelle: Mariella, Nina Lübbermann, Anna und Sebastian May (v.l.)

"Die Familien sind besonders im Hinblick auf die Freiheiten junger Mädchen sehr viel konservativer als deutsche Eltern und achten meist strenger darauf, mit wem sie unterwegs sind und wann sie abends wieder zuhause sein sollen", beobachtet Sebastian May. Gemeinsam mit seiner Kollegin Nina Lübbermann ist er für den neuen Freiwilligendienst der Diakonie RWL im Ausland zuständig. 

Die Sorge der Familien hat allerdings einen konkreten Grund, dem Anna jeden Tag begegnet: die Männer in Nicaragua verhalten sich gegenüber jungen Frauen, die alleine unterwegs sind, oft respektlos. Ständig wird ihr hinterhergepfiffen und gehupt, wenn sie auf dem Weg zu ihrer Einsatzstelle ist. "Nur wenige Nica erheben sich gegen die vielen Kommentare der Männer auf der Straße", ärgert sie sich. "Niemand regt sich darüber auf."

Vulkan Nicaragua

Viel Armut, aber auch wunderschöne Landschaften: Vulkane in Nicaragua

Auslandsjahr macht selbstbewusster und mutiger

Trotz Machokultur und bitterer Armut gehört Nicaragua zu den sichersten Ländern Südamerikas. Dies war ein Grund, dort den neuen Auslandsfreiwilligendienst zu starten. Ein weiterer waren die guten Kontakte zu Mariella, einer Mitarbeiterin des Sozialministeriums in Managua, die bei der Diakonie RWL einen Freiwilligendienst gemacht hatte.

Finanziell unterstützt wird der neue Auslandsfreiwilligendienst vom Bundesprogramm "weltwärts". Es schreibt vor, dass im ersten Jahr nur fünf Freiwillige ausgesendet werden dürfen. Sebastian May hofft nun, dass die Diakonie RWL nach den bisher guten Erfahrungen der Freiwilligen 2017 weitere junge Leute ins Ausland schicken kann.

Ein junger Mann sitzt am Tisch und schaut in den Garten

Finn ist selbstständiger und selbstbewusster geworden

Dass sie verändert nach Deutschland zurückkehren werden, wissen Anna und Finn schon jetzt. "Ich denke ganz anders über Entscheidungen nach, auch diejenigen, die ich in der Vergangenheit getroffen habe", meint Anna und Finn ergänzt: "Ich habe an Selbstbewusstsein zugelegt."

 Text: Sabine Damaschke, Fotos: Anna Scheulen, Finn Hermeling, Hermann Köhler

Weitere Informationen und einen Blog über den Freiwilligendienst in Nicaragua gibt es hier.

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