31. Juli 2015

Sommergespräch mit Freiwilligendienste-Chef Jürgen Thor

Das Leben in seiner Vielfalt erleben

Sommerzeit ist Reisezeit. In der Diakonie RWL gibt es viele Einrichtungen und Angebote, die für Erholung, Spaß und Gemeinschaft in der Ferienzeit sorgen. Jede Woche stellen wir nun im Gespräch ein gutes Beispiel diakonischer Hilfen vor. Dazu gehört auch der Freiwilligendienst. Für die Teilnehmer bedeutet er nicht nur ein Jahr soziale Arbeit in den Einrichtungen der Diakonie. Unter dem Motto „Leben erleben“ gehören Reisen unbedingt dazu, meint Jürgen Thor, einer der beiden Geschäftsbereichsleiter Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL.

Gruppe sitzt zusammen

Austausch im Freien

Die Diakonie RWL vermittelt in den Freiwilligendiensten nicht nur Einsatzstellen für die Freiwilligen, sondern begleitet sie auch ein Jahr lang mit Seminaren, Bildungstagen und sogar Erlebnisreisen. Ist das eine Art Entschädigung für die harte Arbeit, die so manch einer in Krankenhäusern, Kitas oder Behinderteneinrichtungen geleistet hat?

Wir verstehen unsere Sommerexkursionen, die derzeit als Abschluss der Seminartage stattfinden, durchaus als eine kleine Belohnung für unsere Freiwilligen. Es ist aber kein klassischer Urlaub, sondern diese Reisen, die unter dem Motto „Über den Tellerrand hinaus“ stattfinden, sollen unseren Freiwilligen Begegnungen mit anderen Kulturen und Menschen vermitteln. Das geschieht beispielsweise, wenn wir nach Budapest oder Danzig reisen, in den Niederlanden Freiwillige treffen, die sich in der Gedenkstättenarbeit engagieren oder integrative Segeltörns, Reiter- und Bikerfreizeiten veranstalten, in denen die Freiwilligen gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen unterwegs sind.

Wasserfall

Wandern in Rumänien

Sie betreuen junge Menschen schon Ihr ganzes Berufsleben und haben die Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL aufgebaut. Wie erleben Sie die Jugendlichen insbesondere auf den Freizeiten?

Jugendliche machen heute im Freizeitbereich weniger Gruppenerfahrungen als noch vor zwanzig Jahren. Das hängt vor allem mit der Schule und dem Nachmittagsunterricht zusammen. Auch das Austesten eigener Grenzen findet meiner Beobachtung nach seltener statt. Unsere Kanufahrten oder Wandertouren, zum Beispiel auf dem Jakobsweg, sind daher eine Chance, sich selbst, aber auch eine Gruppe anders zu erleben, mit Schwäche umzugehen, Rücksicht zu nehmen. Dadurch entwickeln die Freiwilligen wichtige Kompetenzen für Teamarbeit, die ja gerade in den sozialen Berufen eine zentrale Rolle spielen.

In den kommenden vier Wochen starten wieder viele Jugendliche in ihr Freiwilliges Soziales Jahr oder ihren Bundesfreiwilligendienst. Mit rund 1.800 Teilnehmern gehört die Diakonie RWL zu den größten Anbietern in den Freiwilligendiensten. Woran liegt das?

Es hat sich herumgesprochen, dass es bei uns ein breit gefächertes Angebot an sozialen Diensten gibt, und Diakonie ist auch stark vor Ort vertreten. Denn das steht bei den jungen Leuten, die mit gut 95 Prozent den Großteil unserer Freiwilligen ausmachen, an oberster Stelle. Die meisten möchten in ihrer Umgebung ein freiwilliges soziales Jahr machen. Die Konfession oder das Profil des Trägers spielt für sie keine große Rolle. Nur gut die Hälfte unserer Freiwilligen ist evangelisch. Vielen müssen wir erstmal vermitteln, was Kirche und Diakonie überhaupt ist.

Welche Arbeitsfelder der Diakonie sind besonders beliebt und mit welchen tun sich Jugendliche eher schwer?

Ein sehr großer Teil möchte gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, zum Beispiel in einer Offenen Ganztagsgrundschule oder in der Begleitung behinderter Kinder. Andere wollen im Krankenhaus austesten, ob ihnen der Beruf des Pflegers oder Arztes liegt. Weniger beliebt ist dagegen die Altenhilfe. Doch wer sich auf die Betreuung alter Menschen einlässt, ist meistens positiv überrascht, wieviel Freude auch diese Arbeit machen kann. Das gilt übrigens auch für die Betreuung von Menschen mit Behinderungen. Deren Offenheit und Herzlichkeit beeindruckt viele junge Menschen. Am Ende ihres Freiwilligendienstes ist für gut 40 Prozent unserer Teilnehmer klar, dass sie eine Ausbildung oder ein Studium im Sozial-, Gesundheits- oder Bildungsbereich machen wollen.

Besuch im KZ Auschwitz

Immer mehr Jugendliche gehen für ein freiwilliges soziales Jahr ins Ausland. Aber es kommen auch junge Leute aus dem Ausland zu uns. Wie gestalten Sie diese interkulturelle Zusammenarbeit?

Es gibt ein zunehmendes Interesse ausländischer Jugendlicher insbesondere aus Osteuropa, Südamerika und Asien am Freiwilligendienst in Deutschland. Derzeit sind bei uns aber nur ein bis zwei Prozent der Freiwilligen sogenannte „Incomer“. Wir erhalten aber deutlich mehr Bewerbungen als wir Freiwillige aufnehmen können, denn sie brauchen eine Unterkunft, was häufig ein Problem ist, weil viele Einrichtungen der Diakonie keine Wohnheime mehr betreiben. Die pädagogische Betreuung ist natürlich auch intensiver, denn die Jugendlichen müssen mit der deutschen Kultur und Bürokratie vertraut gemacht werden. Die deutsche Sprache sollten sie übrigens schon auf dem B1-Niveau beherrschen, wenn sie zu uns kommen. Für unsere Gruppen und Einrichtungen sind die Begegnungen mit Jugendlichen aus anderen Ländern eine große Bereicherung. Es wäre schön, wenn wir künftig mehr Plätze anbieten könnten, dafür brauchen wir aber mehr Unterstützung vom Bund. Darüber verhandeln wir gerade.

Haben eigentlich auch Flüchtlinge die Möglichkeit, hier ein freiwilliges soziales Jahr zu machen?

Bisher noch nicht, aber wir planen gerade die ersten Modellprojekte, in denen wir Erfahrungen mit jungen Flüchtlingen sammeln möchten. Viele sind ja hier zum Nichtstun verurteilt, dabei könnten sie in der sozialen Arbeit gut eingesetzt werden, wenn sie die deutsche Sprache schon etwas beherrschen. Doch die juristischen Rahmenbedingungen müssen neu abgesteckt werden. So sollten Flüchtlinge vor einer Abschiebung sicher sein, wenn sie einen Freiwilligendienst machen. In eine ähnliche Richtung gehen ja auch die derzeitigen Forderungen der Wirtschaft für ein Praktikum oder eine Ausbildung. 

Mehr als 95 Prozent der Freiwilligen sind zwischen 16 und 26 Jahren alt. Nur knapp fünf Prozent machen im Bundesfreiwilligendienst für Menschen über 27 Jahre mit. Woran liegt das?

Es hat sicherlich mit der finanziellen Absicherung zu tun. Freiwillige erhalten ein monatliches Entgelt von 380 Euro. Das ist zu wenig für Menschen, die alleine ihre Miete und ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Wer es sich finanziell leisten kann, für den bietet der Freiwilligendienst aber eine gute Möglichkeit zu testen, ob aus der sozialen Tätigkeit auch ein Beruf werden kann. Wir haben einige Teilnehmer, die nach ihrem Jahr als Betreuer in Altenheimen oder als Assistenten für behinderte Kinder in Schulen eine feste Anstellung bekommen haben. Andere kamen aus der Arbeitslosigkeit und sind dorthin leider auch wieder zurückgegangen. Aber auch sie haben von der Erfahrung profitiert, etwas für sozial benachteiligte, kranke oder hilfsbedürftige Menschen zu tun. Sie fühlten sich wertgeschätzt und ermutigt, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Jürgen Thor ist gemeinsam mit Michael Brausch Leiter des Geschäftsbereichs Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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