17. November 2014

Kinder- und Jugendhilfe

Volljährig und abgeschnitten von allen Hilfen

Junge Erwachsene, die teilweise über viele Jahre erzieherische Hilfen in stationärer oder ambulanter Form erhalten haben, werden im Durchschnitt mit 18 Jahren in die eigenständige und unbegleitete Lebensführung entlassen. Dann sind sie in der Regel von jeglicher weitergehender Hilfe abgeschnitten.  Doch die meisten jungen Erwachsenen brauchen mehr Zeit, um selbstständig ihr Leben gestalten zu können. So das Ergebnis einer Fachtgagung der Diakonie RWL in Dortmund.

Die Phase der Ablösung vom Elternhaus und der Verselbstständigung dauert heute etwa bis zum 26. Lebensjahr. Insbesondere für Bildungs- und Ausbildungsprozesse bestehe der Bedarf der familialen Unterstützung. Bis dahin sind häufig Pendelbewegungen zwischen gelingender, selbstständiger Lebensführung und der Unterstützung durch das Elternhaus zu beobachten.

Das Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt „Ablösung und Integration: Übergänge in die Zeit nach dem Heim“, das Professor Dr. Peter Hansbauer von der Fachhochschule Münster in Kooperation mit dem Fachverband durchführt, zeigt, dass Übergänge im Leben der jungen Menschen fremdbestimmt sind und nicht zu ihrer inneren Bedarfslage passen. Er empfiehlt Schlüsselkompetenzen wie Eigeninitiative und Verantwortungsübernahme zu fördern. Dazu sei es nötig, Räume des Ausprobierens zu schaffen. Die Stärkung von Sozialbezügen in der persönlichen Umgebung der Jugendlichen, trage wesentlich zu einer positiven Entwicklung der jungen Volljährigen auch nach der erzieherischen Hilfe bei. Die Vorbereitung auf die Entlassung beginnt bereits am Tag der Aufnahme. Er regte darüber hinaus an, Wege zu finden, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach der Phase der Heimerziehung Rückkehroptionen anzubieten. Dies könne ein freies Gästezimmer, eine Einliegerwohnung in der Einrichtung oder auch ein Gutschein für ambulante Leistungen in bestimmten Bedarfssituationen sein.

Insgesamt, so bestätigte auch Professor Dr. Wolfgang Schröer, habe sich der Zeitpunkt der Verselbstständigung aus der Hilfe zur Erziehung nach vorn verlagert. Es sei eine Entgrenzung und Verdichtung von Jugend festzustellen. Die Bildungsprozesse von sogenannten „Care Leavers“ zeigen, dass Bildungsgrade häufig im jungen Erwachsenenalter stattfinden.

Prof. Dr. Wolfgang Schröer stellte drei Thesen auf:

In der Diskussion um „Care Leaving“ ist ein grundlegender Wechsel von einer Kultur der Beendigung hin zu einer Kultur des Wiedersehens notwendig:  Im Übergang sollten die „Beziehungen“ zu den jungen Menschen auf den unterschiedlichen Ebenen wie Jugendamt oder Einrichtung verändert – transformiert –, aber nicht beendet werden.

„Independency is a quality of Interdependency.“ Unabhängigkeit zeigt sich in der Qualität der Abhängigkeiten. Verselbstständigung entscheidet sich entsprechend darin, wie die Qualität der Unterstützungsnetzwerke gestaltet ist.

„25 is the new 18.“ Die Hilfe und Hilfeplanung sollte in eine Begleitung bis zum 25sten Lebensjahr überführt werden. Jungen Menschen, die durch stationäre Hilfen zur Erziehung betreut wurden, sollten – soweit sie es wünschen – bis zu diesem Alter regelmäßig niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote gemacht werden.

Die Finanzierung der erzieherischen Hilfen muss aus Sicht des Verbands bis zur tatsächlichen emotionalen wie sozialen Festigung der jungen Menschen fortgeführt bzw. Übergänge gezielt begleitet werden. Die Stabiliät der jungen Menschen ist die Basis für langfristige Bildungserfolge oder Erwerbstätigkeit, was aus fachlicher und auch aus volkswirtschaftlicher Sicht die hohen Kosten für Maßnahmen der Hilfe zur Erziehung rechtfertigt. Zu früh beendete Hilfen führen dazu, dass junge Menschen am Übergang in die Eigenständigkeit scheitern und sich ungelöste Probleme verfestigen.

Verschlankte Gremienstruktur des Fachverbandes für Erzieherische Hilfen RWL

In der Mitgliederversammlung stellte der Vorstand des Fachverbands seine Aktivitäten des Geschäftsjahres 2014 vor. Der im November 2013 gewählte Vorstand hat sich intensiv mit der Struktur des Fachverbandes auseinandergesetzt und sich für eine Weiterentwicklung und damit für eine veränderte und verschlankte Gremienstruktur des Ev. Fachverbands für Erzieherische Hilfen RWL entschieden. Damit können die geringeren zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen der Geschäftsstelle ausgeglichen werden. Diese Entscheidung wurde im Rahmen der Aussprache – teilweise kritisch – gewürdigt und anerkannt.

Fachpolitisch setzten sich die Mitglieder verschiedener Gremien mit der Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung auseinander. In den neu eingeführten Projektgruppen werden nun die Themen Inklusion und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bearbeitet. Der Schwerpunkt Partizipation wurde in Fachveranstaltungen bearbeitet. Seit April 2014 wird ein Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt zur Partizipation von Eltern in erzieherischen Hilfen in Kooperation mit der Fachhochschule Münster durchgeführt.

Des Weiteren beschlossen die Mitglieder – mit einer Enthaltung – einstimmig die Satzungsänderung zur Abschaffung landesteiliger Regelungen. Die daran angepasste Wahlordnung wurde ebenfalls einstimmig befürwortet. Die Satzung wird mit Veröffentlichung im Kirchlichen Amtsblatt der Evangelischen Kirche von Westfalen in Kraft treten.

Die Zusammensetzung des Fachverbandsvorstandes verändert sich kurzfristig. Manfred Dröge, Ev. Jugendhilfe Schweicheln, steht ab sofort für die Mitarbeit im Vorstand des Evangelischen Fachverbandes für Erzieherische Hilfen RWL zur Verfügung. Er tritt die Nachfolge von Jutta Beukenberg, Eylarduswerk, an, die sich nach fünf Jahren aus privaten Gründen aus der Vorstandsarbeit verabschiedet.

Die nächste Jahrestagung und Mitgliederversammlung findet am 3. November 2015 in der Geschäftsstelle Düsseldorf statt.

Ansprechpartnerin bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe:

Tanja Buck, Referentin Erzieherische Hilfen
Geschäftsführung Evangelischer Fachverband Erzieherische Hilfen RWL
Koordination Übergangsmanagement bei den Jugendarrestanstalten in Nordrhein-Westfalen
Telefon: +49 211 63 98-291 / Telefax: +49 211 6398-299
t.buck@diakonie-rwl.de / www.diakonie-rwl.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
Brot für die Welt
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