5. November 2015

Film zu Partizipation in Wohngruppen

"Faires Streiten" in der Heimerziehung

Ein gemeinsamer Film des Evangelischen Fachverbands für Erzieherische Hilfen der Diakonie RWL und des Evangelischen Kinderheims Recklinghausen zeigt, wie Mitsprache von Kindern und Jugendlichen im Heim gelingen kann. Dazu gehören regelmäßige Gesprächsrunden mit einem externen Moderator. Ergebnisse werden nur im Konsens getroffen. Diakonie RWL-Referent Remi Stork, Referent erläutert das Anliegen des Filmes.

Porträtfoto von Dr. Remi Stork

Dr. Remi Stork

Warum ist Partizipation in Kinder- und Jugendwohngruppen so wichtig?

Mitsprache und Mitbestimmung haben als Folge des Runden Tisches Heimerziehung deutlich an Bedeutung gewonnen. Der Runde Tisch Heimerziehung hat sich mit den Missbrauchsfällen in den 50er und 60er Jahren befasst und Maßnahmen ergriffen, wie in Zukunft verhindert werden kann, dass Kindern und Jugendlichen in Heimen Übles geschieht, ohne dass jemand einschreitet. So muss heute zum Beispiel ein Mitbestimmungskonzept vorliegen, wenn man eine Betriebserlaubnis für ein Heim bekommen möchte. Für uns als Pädagogen ist Partizipation natürlich schon länger ein Anliegen. Kinderrechte müssen gestärkt werden.

Wie funktioniert Mitsprache und Mitbestimmung in der Heimerziehung konkret?

Mitbestimmung im Heim setzt an auf drei Ebenen: im individuellen Alltag, in der Gruppe und in der Gesamteinrichtung. Im Alltag sollen Jugendliche mitbestimmen dürfen bei der Freizeitgestaltung, beim Essen, wie das Zimmer aussieht, wann man die Eltern anrufen darf, wann die Hausaufgaben gemacht werden oder wie der Rhythmus des Tages aussieht. Alles Kleinigkeiten, die aber wichtig sind und die man aushandeln muss. Dabei müssen die Bedürfnisse des Einzelnen berücksichtigt werden. Auf der Ebene der Gruppe geht es darum, was gemeinsam gemacht wird, Ausflüge, Urlaube, aber auch welche Gruppenregeln gelten sollen und wie Konflikte gelöst werden. Auf der Ebene der Gesamteinrichtung geht es um übergreifende Regeln und Rahmenbedingungen sowie Aktivitäten mit allen Wohngruppen. Dafür gibt es mittlerweile in vielen Einrichtungen einen Heimrat. Auf all diesen Ebenen muss es für Kinder und Jugendliche Möglichkeiten geben, sich zu beteiligen, mitzubestimmen und Einfluss zu nehmen.

Was lernt man in dem Film und warum ist die Rolle des Moderators so wichtig?

Die Praxis hat gezeigt, dass besonders die Mitbestimmung auf der Gruppenebene schwierig ist und viele Erzieher, Kinder und Jugendliche mit den Gesprächen, die auf Gruppenebene geführt wurden, nicht zufrieden waren. Häufig herrschte hier das Gefühl, dass auf dieser Ebene nichts entschieden werden kann. Wir stellen in dem Film ein Modell vor, wie Gespräche auf dieser Ebene gelingen können. Das Modell basiert auf dem Modell der „Gerechten Gemeinschaften“ des Entwicklungspsychologen Lawrence Kohlberg. Bei diesen Gruppensitzungen ist es zwingend, dass alle Erzieher, Kinder und Jugendlichen teilnehmen. Das ist in der Praxis oft ein Problem, denn wenn jemand fehlt, können oft keine Entscheidungen getroffen werden und das macht unzufrieden. Moderiert wird die Versammlung von einem externen Moderator, damit alle Beteiligten sich ganz dem „Fairen Streiten“ widmen können. Die Ergebnisse werden ausschließlich im Konsens getroffen, um Minderheiten davor zu schützen, überstimmt zu werden. Der Film zeigt zwei Gruppensitzungen, erklärt die Methode und verdeutlicht die Potenziale demokratischer Erziehung in Wohngruppen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Beschlüsse, die man gemeinsam trifft, viel länger halten und alle Beteiligten deutlich zufriedener sind.

Bei der Methode werden Ergebnisse im Konsens getroffen. Wie schaffen Sie das und schafft man das immer?

Ja, wir haben die Erfahrung gemacht, dass es bei Sachthemen immer gelungen ist, einen Konsens zu finden. Schwierig kann sein, wenn jemand aus Prinzip blockiert, aber das ist selten. Die meisten Konflikte in der Heimerziehung kreisen heute um das Thema Medien oder Handynutzung. Wichtig ist gemeinsam auszuhandeln, welche fairen Konsequenzen folgen. Und das wird dann bei der nächsten Sitzung reflektiert. Zum Beispiel: In einem Fall haben die Jugendlichen sich beschwert, die Erzieher wären zu streng, denn abends wurden die Handys eingesammelt. Die Sorge der Erzieher war, dass die Jugendlichen nachts sich permanent mit dem Handy beschäftigen und morgens in der Schule müde sind. Als Konsequenz hat man dann gemeinsam ausgehandelt, wenn jemand morgens müde ist, wird das Handy wieder eingesammelt. Diese Regel hat funktioniert.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Der Film kann kostenlos bei der Diakonie RWL bestellt werden:

Petra Hippauf: p.hippauf@diakonie-rwl.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
Brot für die Welt
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