1. Juni 2016

Interview mit Diakonie Michaelshoven

"Es gibt das Recht auf Schulbesuch"

In den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe in NRW leben viele Schüler mit hohem sonderpädagogischem Förderbedarf. Weil Fachkräfte in den Schulen fehlen, besuchen immer mehr von ihnen nur unregelmäßig den Unterricht. Eine Entwicklung, die auch Kinder und Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Entwicklung betrifft, wie Einrichtungsleiter Henning Spelleken von der Diakonie Michaelshoven erzählt.

Portrait

Henning Spelleken

Herr Spelleken, rund ein Drittel der Schüler, die in diakonischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe leben und sonderpädagogischen Förderbedarf haben, gehen bis zu maximal 15 Stunden in der Woche zur Schule und werden oft bis zu vier Wochen vom Unterricht ausgeschlossen. Wie ist die Situation in Ihren Wohngruppen?

Wir betreuen bei der Diakonie Michaelshoven 56 Kinder und Jugendliche, die in sieben Wohngruppen für junge Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung leben. Wir erleben es selten, dass Kinder und Jugendliche aufgrund ihres individuellen Hilfebedarfs vom Unterricht ausgeschlossen werden. Das kommt laut der Umfrage öfter bei Kindern und Jugendlichen mit sozialen und emotionalen Schwierigkeiten vor. Wenn unsere jungen Menschen längere Zeit nicht zur Schule gehen können, liegt es eher daran, dass ihre individuellen Schulbegleiter erkrankt sind – und an vielen Schulen sieht man sich nicht in der Lage, die Kinder und Jugendlichen trotzdem am Unterricht teilnehmen zu lassen. Zudem sind wir zunehmend von einer Kurzzeitbeschulung betroffen. In jeder Wohngruppe habe ich mindestens zwei Kinder, die nur ein paar Stunden pro Woche die Schule besuchen.

Wie begründen die Schulen diese verkürzte Schulzeit?

Da gibt es verschiedene Gründe, die ins Feld geführt werden. Es heißt etwa, dass die Kinder und Jugendlichen sich nicht so lange konzentrieren können oder die Tendenz haben, wegzulaufen und man es aus personellen Gründen nicht schafft, die Aufsichtspflicht zu erfüllen. Auch das Argument, die Kinder und Jugendlichen würden sich zu herausfordernd gegenüber den Lehrern verhalten oder der pflegerische Bedarf kann nicht ausreichend gewährleistet werden.

Ist es denn nicht Aufgabe der Förderschulen, alle Kinder regelmäßig zu unterrichten?

Das sollte so sein und war bis vor fünf Jahren nach meiner Erfahrung auch noch so. Doch inzwischen werden im Zuge der Inklusion zunehmend Sonderpädagogen aus den Förderschulen in die Regelschulen abgezogen. Gleichzeitig haben die erheblichen Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern und Jugendlichen zugenommen. Der erhöhte Hilfebedarf erfordert somit auch einen veränderten Personalschlüssel. Die schulische Inklusion ist und bleibt eine Mogelpackung, wenn nicht endlich mehr Geld in Hand genommen und mehr Fachkräfte dafür eingestellt sowie passgenaue Konzepte erarbeitet werden.

Wie nehmen es die Kinder und Jugendlichen auf, wenn sie nur eingeschränkt oder gar nicht am Unterricht teilnehmen?

Sie können sich so nicht sozial und emotional weiterentwickeln. Der Schulbesuch ist wichtig für sie, weil sie damit am gesellschaftlichen und sozialen Leben außerhalb der Einrichtung teilnehmen. Sie wollen ja etwas erleben und lernen, worüber sie sich den Erziehern und anderen Kindern und Jugendlichen mitteilen können. Viele reagieren teilweise aggressiv und verhaltensauffällig, wenn sie längere Zeit gar nicht oder nur kurz in die Schule gehen dürfen. Sie fragen sich, warum sie nicht wie die anderen Kinder und Jugendlichen aus den Wohngruppen am Unterricht teilnehmen können. 

Was bedeutet das für die Einrichtungen?

Unsere Wohngruppen haben interne Förderangebote, so dass die Kinder und Jugendlichen eine Tagesstruktur erfahren können. Dies kann nur eine Übergangslösung sein und den Schulbesuch niemals ersetzen. Aber das ist nicht vergleichbar mit der Normalität, in einen Schulbus zu steigen und schon dadurch Kontakt zu anderen Schülern zu bekommen. In Deutschland besteht mit der Schulpflicht auch ein Recht auf den Schulbesuch, das für alle Kinder und Jugendlichen gilt. Es ist ein nicht zu akzeptierender Zustand, dass dies ausgerechnet im Zuge der Inklusion nicht umgesetzt wird.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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