11. November 2016

Jugendhilfe

Junge Geflüchtete nicht alleine lassen

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind 2015 und 2016 in großer Zahl nach Deutschland gekommen. Aufnahme und gute Betreuung erfahren sie in den Wohngruppen der Heimerziehung. Bayern will das jetzt ändern und die Standards verschlechtern. Jugendhilfeexperte Tim Rietzke, bei der Diakonie RWL Leiter des Geschäftsfelds "Hilfen für junge Menschen", erläutert, warum junge Flüchtlinge gut betreut werden müssen. Es geht um Integration vom ersten Tag an.

Portrait

Tim Rietzke

Aus Bayern kommt ein politischer Vorstoß, die Standards in der Jugendhilfe abzusenken. Was wollen die Bayern genau und was ist der Hintergrund?

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sollen aus den üblichen Verfahrenswegen der Kinder- und Jugendhilfe herausgenommen werden und eine Sonderbehandlung erfahren. Sie sollen im "Jugendwohnen" untergebracht werden. Das ist eine Leistung der Jugendsozialarbeit. Der Personalschlüssel ist hier viel schlechter. Klar ist, dass so Kosten gespart werden sollen. Das ist der Hintergrund der bayrischen Vorschläge.

Was ist aus fachlicher Sicht zu der Initiative aus Bayern zu sagen?

Im Grunde liefe das auf einen Rechtsbruch hinaus, denn Deutschland hat die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. Das bedeutet: Alle Kinder und Jugendlichen, die in einem Land leben, müssen gleich behandelt werden. Ganz wichtig ist, dass das Clearingverfahren erhalten bleibt. Hier wird genau geschaut, was jugendliche Geflüchtete tatsächlich brauchen. Clearing wird in den Einrichtungen der Jugendhilfe gemacht. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen vielleicht aus intakten Familien in ihren Heimatländern, aber sie haben Schlimmes erlebt. Sie kommen aus Kriegs- und Krisengebieten, manche waren Kindersoldaten, sie haben gefährliche und extrem unsichere Fluchtwege hinter sich.

Wenn die guten Standards der Jugendhilfe erhalten bleiben sollen, kann man nachweisen, dass gute Heimerziehung zu Erfolgen führt? Gibt es Evaluationen?

Junge Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten sind in dieser großen Anzahl ja erst seit dem Sommer und Herbst 2015 zu uns gekommen. Wissenschaftliche Untersuchungen kann es noch gar nicht geben. Bei der Aufnahme haben unsere Einrichtungen richtig gut gearbeitet. Es geht immer um individuelle Hilfeleistungen. Natürlich haben nicht alle Geflüchteten einen extremen Hilfebedarf. Genau das wird im Clearing-Verfahren überprüft. Die individuelle Situation ist entscheidend. Wichtig ist, nicht alle über einen Kamm zu scheren.

Ab 18 Jahren dürfen junge Menschen Auto fahren oder Handyverträge unterschreiben. Kann man die Jugendhilfeleistungen nicht, wie aus Bayern vorgeschlagen wird, auf Minderjährige beschränken?

Auch hier gilt: Der Einzelfall ist entscheidend. Junge Menschen mit ihrer extremen Fluchterfahrung brauchen aber in aller Regel eine angemessene Reifezeit. Das lässt sich in all unseren Einrichtungen beobachten. Insgesamt reichen Jugendhilfeleistungen - und das ist gut begründet - bis zum 27. Lebensjahr. Die Heimerziehung ist eine wichtige Ausgangsstation. Von da aus kommen Ausbildung und Arbeit in den Blick. Wir leisten Integration vom ersten Tag an.


Das Gespräch führte Reinhard van Spankeren.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (18 Stimmen)