19. September 2016

Kinderrechte in der Erziehungshilfe

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Aus Anlass des deutschen Weltkindertages am Dienstag macht die Diakonie RWL auf die Rechte von Kindern und Jugendlichen in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe aufmerksam. Laut Kinderschutzgesetz müssen ihnen seit 2012 weitgehende Partizipations- und Beschwerdemöglichkeiten angeboten werden. Damit tun sich viele Einrichtungen aber noch schwer, wie Diakonie RWL-Referent Remi Stork beobachtet.

Portrait

Remi Stork

Am Weltkindertag gibt es jedes Jahr viele Veranstaltungen, in denen auf die Kinderrechte verwiesen wird. Kinder und Jugendliche, die in Wohngruppen leben, stehen dabei aber selten im Fokus. Warum ist es Ihnen so wichtig, diese Gruppe stärker in den Blick zu nehmen?

Mehr als 70.000 Kinder und Jugendliche leben aktuell bundesweit in Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe. Mit rund 140 Einrichtungen, die 2.000 Plätze anbieten, sind die Mitglieder der Diakonie RWL die größte Trägergruppe der Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Insofern möchten wir, dass es den Kindern und Jugendlichen dort gut geht, sie sich ernstgenommen fühlen und ihre Rechte kennen.

In den letzten dreißig Jahren hat sich in der Heimerziehung viel verändert. Sie ist humaner geworden und hat die Kinderrechte stärker im Blick. Aber wir wünschen uns, dass die Partizipations- und Beschwerdemöglichkeiten, die 2012 explizit ins Deutsche Kinderschutzgesetz aufgenommen wurden, in der Praxis auch mit Leben gefüllt werden und nicht nur auf dem Papier stehen. Und damit das passiert, müssen die Einrichtungen, aber besonders auch die Politik noch mehr tun.

Wenn internationale Besucher, etwa aus den USA, nach Deutschland kommen, sind sie ganz beeindruckt über die Vielfalt der Angebote an verschiedenen Wohngruppen. Dennoch hat die Heimerziehung in Deutschland immer noch einen schlechten Ruf. Woran liegt das?

Der schlechte Ruf liegt in der Geschichte der deutschen Heimerziehung begründet, die über Jahrhunderte kein Schutz-, sondern ein Strafort war. Das ist in den Köpfen vieler Eltern noch stark verankert. Erwachsene sagen heute immer noch zu ihren Kindern: "Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim." Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass viele Wohngruppen sehr abgeschottet von ihrer Umwelt leben. Einerseits ist das verständlich, denn die Kinder und Jugendlichen brauchen nach all den negativen Erfahrungen, die sie in ihren Familien und ihrer unmittelbaren Umgebung gemacht haben, Schutz. Andererseits können die alten Vorurteile nur dann aufgehoben werden, wenn die Wohngruppen sich öffnen und die Öffentlichkeit mehr darüber erfährt, wie es dort zugeht.

Seit vier Jahren ist das Bundeskinderschutzgesetz in Kraft, das für Kinder und Jugendliche, die in Heimen leben, deutlich mehr Mitbestimmungsrechte und die Einrichtung von Beschwerdestellen vorsieht. Wie hat das Gesetz die stationäre Erziehungshilfe bislang verändert?

Leider gibt es noch keine umfassende Studie darüber. Aber als Diakonie RWL haben wir unsere Mitglieder dazu befragt und feststellen können, dass der allergrößte Teil der Einrichtungen sich intensiv mit dem Thema Partizipation auseinandersetzt. Viele haben mit den Kindern und Jugendlichen ein „Kinderrechtebuch“ entwickelt, in dem sie die Rechte genau und verständlich aufschlüsseln, etwa das Recht auf Privatsphäre, Eigentum oder schulische Unterstützung.

Dennoch sind viele Einrichtungen von einer umfassenden Partizipation noch ein Stück entfernt. Das Kindeswohl steht häufig über dem Kindeswillen. Manche Erzieher glauben selbst am besten zu wissen, was für die Kinder und Jugendlichen gut ist. Es gibt ein umfangreiches Regelwerk, dem sich die Kinder letztlich unterzuordnen haben. Eine aktuelle Studie hat gerade erst gezeigt, dass viele das Leben in einer Wohngruppe als "sehr eng" empfinden und sich teilweise eingesperrt fühlen wie "im Knast".

Unter dem Stichwort "Partizipation" haben Sie einige Einrichtungen in Modellprojekten begleitet. Wie wurden Kinderrechte dort praktisch umgesetzt?

Zunächst sind Kinderrechtekatalogen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt worden. Dabei ging es nicht nur darum, die Rechte verständlich aufzuschreiben, sondern auch Wege zu finden, wie alle darüber ständig im Gespräch bleiben. Es ist natürlich anstrengend, immer wieder auszuhandeln, dass zum Beispiel ein Recht auf Privatsphäre besteht, aber sich bestimmte Jugendliche nicht in ihr Zimmer einschließen dürfen, weil sie sich selbst Gewalt antun könnten. Außerdem haben wir mit den Einrichtungen Beschwerdeverfahren ausgearbeitet, die in der Praxis auch funktionieren. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

Wie verändert sich die Situation in den Wohngruppen, wenn Kinder und Jugendliche stärker an Entscheidungen beteiligt werden?

Alle Einrichtungen haben bisher die Erfahrung gemacht, dass in der Erziehung einiges einfacher wird, wenn Kinder und Jugendliche stärker mitentscheiden. Dann übernehmen sie automatisch mehr Verantwortung in der Wohngruppe. Das konnten wir übrigens auch bei den Beschwerdeverfahren feststellen. Es funktioniert nur, wenn Kinder und Jugendliche eingebunden sind. Wenn Erzieher oder andere Erwachsene alleinige Adressaten für Beschwerden waren, haben sich die Kinder und Jugendlichen kaum an diese Stellen gewandt. Sie hatten Angst, dass ihnen eine Beschwerde Nachteile bringen würde oder haben nicht daran geglaubt, damit überhaupt ernst genommen zu werden.

Was erwarten Sie von der Politik, damit die Rechte von Kindern und Jugendlichen in der stationären Erziehungshilfe stärker berücksichtigt werden?

Von allen 186 Jugendämtern, die wir in NRW haben, gibt es nur bei einem einzigen eine Beschwerdestelle für die Kinder und Jugendlichen – und die ist nicht unabhängig. Wir wünschen uns, dass für große Konflikte wie etwa dem notwendigen Wechsel in eine andere Wohngruppe oder der vorzeitigen Beendigung von Hilfen durch das Jugendamt ein Beschwerdesystem in Form von unabhängigen Ombudsstellen eingerichtet wird. Das gibt es zum Beispiel flächendeckend in Österreich. Diese Ombudsstellen könnten bei einem Kinderrechtsbeauftragten des Landes angesiedelt sein. Diese Funktion gab es mal in NRW, sie ist aber vor einigen Jahren wieder abgeschafft worden. Auch das ist eine Forderung zum Weltkindertag: den Kinderrechtsbeauftragten wieder einzuführen.

Teaserfoto: Küche einer Mädchenwohngruppe des Neukirchener Erziehungsvereins/Foto: Robert van Beek

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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