31. August 2016

Sommerportrait Soziale Berufe

Ein Tag in der Mädchenwohngruppe

Sie ist die "gute Seele" der Wohngruppe Oase des Neukirchener Erziehungsvereins. Jutta Haag kocht und putzt für die Mädchen, die einige Jahre dort leben. Schon seit 25 Jahren arbeitet die Hauswirtschafterin im Erziehungsverein – und bemüht sich darum, dass die Kinder und Jugendlichen dort ein neues Zuhause finden.

Jutta Haas und Angie Jansen sitzen auf dem Sofa und reden

Jutta Haag mit Gespräch mit Erzieherin Angie Jansen

In unserem Haus "Oase" wohnen sechs Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren. Wenn ich morgens um acht Uhr komme, sind fast alle schon in der Schule. Mein erster Weg führt mich zur Erzieherin, die Nachtbereitschaft hatte. Mit ihr trinke ich einen Kaffee.

Wenn es Stress mit den Mädchen gab, etwa weil sie Streit hatten oder ein Teenager abends nicht zurück in die Wohngruppe gekommen ist, erfahre ich das als erste. Im Fachjargon heißt das "Entweichung". Bisher habe ich es übrigens noch nie erlebt, dass ein Mädchen nicht wieder aufgetaucht ist. Deshalb bin ich da etwas gelassener.

In unserer Wohngruppe arbeiten fünf Erzieherinnen und ein Erzieher im Wechseldienst. Sie sind im Schnitt zwischen 20 und 30 Jahre alt und könnten meine Kinder sein. Viele bleiben nur ein paar Jahre, dann wechseln sie die Stelle oder beginnen ein Studium. Ich dagegen bin eine feste Konstante im Haus Oase. Seit der Eröffnung vor 16 Jahren arbeite ich dort als Hauswirtschafterin. Insgesamt bin ich schon 25 Jahre im Neukirchener Erziehungsverein. Vorher war ich Industrienäherin.

Mädchen müssen sich an Regeln halten

Mit meinen 58 Jahren bin ich die "Oma" der Wohngruppe. Kein Mädchen nennt mich so, aber ich glaube, für einige bin ich das. Großmütter sind meistens nicht so streng. Sie verwöhnen die Enkelkinder auch mal. Ich möchte, dass sich die Mädchen, die ja alle schon ein schweres Leben hinter sich haben, in der Wohngruppe zuhause fühlen. Und dazu gehört für mich einfach, dass ich sie auch ein bisschen verwöhne.

Jutta Haag mit Staubsauger

Aufräumen, staubsaugen, putzen

Gegen 9 Uhr räume ich die Küche auf und mache unten sauber. Unser Haus hat drei Etagen. Im Erdgeschoß befinden sich Küche, Wohnzimmer, Gästetoilette, ein Büro und ein Kreativraum, in dem die Erzieher mit den Mädchen basteln und malen können. In der zweiten Etage sind die Räume der Mädchen und ein Nachtbereitschaftszimmer für die Erzieher.

In der dritten Etage haben wir ein Appartement mit zwei großen und einem kleinen Zimmer, Küche und Bad. Dort wohnen die Mädchen, die schon sehr selbstständig sind. Sie versorgen sich selbst. Alle Jugendlichen würden gerne dort oben wohnen, aber dieses Privileg müssen sie sich erarbeiten. In der Wohngruppe gibt es klare Regeln und Aufgaben. Die Mädchen müssen erst zeigen, dass sie damit klar kommen, bevor sie im Appartement leben dürfen.

Vertrauliche Gespräche in der Küche

Zweimal in der Woche gehe ich auch durch die Zimmer der Mädchen und kontrolliere, ob sie aufgeräumt sind und das Bad geputzt ist. Manchmal fragen mich die Mädchen, ob ich ihnen beim Aufräumen helfen kann oder für sie die Wäsche mache. Das tue ich dann hin und wieder, obwohl ich es natürlich nicht machen soll. Aber was schadet es? Ich habe mit 17 Jahren auch nicht selbst meine Wäsche gewaschen und war kein ordentlicher Teenie. Das habe ich erst später gelernt.

Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Daher weiß ich recht gut, wie anstrengend es sein kann, mit so vielen Leuten unter einem Dach zu leben. Wenn ich den Mädchen mal eine ihrer vielen Aufgaben abnehme, schadet das nicht. Im Gegenteil. Sie freuen sich und helfen mir dann auch gerne in der Küche. 

Jutta Haag mit Kathi beim Zwiebelschneiden

Kathi hilft Jutta Haag gerne in der Küche

Um 11.30 Uhr fange ich an, das Mittagessen vorzubereiten. Wenn die Jugendlichen Ferien haben oder schon aus der Schule zurück sind, kommen sie in die Küche, helfen mir und erzählen aus der Schule. Manchmal vertrauen sie mir sogar an, in wen sie verliebt sind. Es gibt Jugendliche, die sich mir gegenüber mehr öffnen als gegenüber den Erziehern.

Wir hatten zum Beispiel ein Mädchen, das mit niemandem sprach, nur mit mir, wenn wir gemeinsam in der Küche arbeiteten. Den Erziehern habe ich das gesagt und auch erzählt, was sie mag und was nicht. Das hat ihnen dann geholfen, einen Zugang zu dem Mädchen zu bekommen. Sie lebt inzwischen wieder bei ihrer Mutter.

Zuhören und Streit schlichten

Um 12.30 Uhr muss das Essen auf dem Tisch stehen. Ich koche das, was die Jugendlichen sich ausgesucht haben. In der Regel sind es einfache Gerichte wie Spaghetti Bolognese, Lasagne, Pfannkuchen, Frikadellen oder Bratwurst. Manchmal gibt’s auch ausländische Gerichte, wenn unsere muslimischen Mädchen sich ein Rezept aus ihrem Herkunftsland wünschen. Das zu kochen macht mir Spaß, denn ich probiere gerne neues Essen aus.

Meine Arbeitszeit endet eigentlich um 13 Uhr, aber meistens bleibe ich etwas länger. Ich setze mich noch mit an den Mittagstisch. Dienstags und donnerstags fange ich erst um 11 Uhr in der Wohngruppe an, bleibe aber bis 16.30 Uhr. Da mache ich es dann umgekehrt: erst kochen und danach aufräumen und putzen. Oft setzen sich die Mädchen an diesen Tagen zu mir in die Küche, wenn sie ihre Hausaufgaben machen. Sie kommen auch manchmal an, wenn sie sich über die Erzieher ärgern. Dabei geht es häufig um die Handyregeln. 

Kathi sitzt am Küchentisch mit einem Buch, Jutta Haag steht hinter ihr

Einfach gemütlicher: Hausaufgaben in der Küche

Auch wenn sie Streit untereinander haben, erzählen die Mädchen davon. Gerade Jugendliche, die neu in der Wohngruppe sind, provozieren gerne, grenzen sich ab oder sind aufmüpfig. Nach ein bis zwei Monaten geht es meistens besser. Dann haben sie sich eingelebt und nicht mehr so großes Heimweh.

Trotz ihres schwierigen Verhaltens möchten die neuen Mädchen aber von den anderen akzeptiert und geliebt werden. Ich versuche, den Jugendlichen das klar zu machen, indem ich von mir erzähle.

Kleine Geschenke und Umarmungen

Ich habe eine Venenfehlbildung und daher rote Flecken im Gesicht, die sich im Winter sogar lila färben. Das sieht nicht schön aus, aber die Mädchen mögen mich trotzdem. Sie lassen sich davon nicht abschrecken. Im Gegenteil. Manche sagen sogar, dass es einfach zu mir gehört. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin. Öfter fragen die Mädchen mich auch: "Jutta, warum machst du das alles eigentlich? Putzen und Kochen ist doch kein toller Job!" Dann antworte ich: "Ich mache es gerne, weil ich Euch dann sehe."

Portrait

Jutta Haag vor ihrer Geschenkesammlung 

Dass jemand etwas für sie tut, weil er sie einfach mag, ist für viele Mädchen neu. Ihre Dankbarkeit darüber zeigen sie mir mit kleinen Geschenken. Sie basteln oder malen etwas für mich und schicken mir Postkarten aus dem Urlaub. Das alles hängt in meiner Küche im Haus Oase.

Manche nehmen mich auch in den Arm. Das ist ein großer Vertrauensbeweis, denn mit Nähe haben einige Mädchen schon schlechte Erfahrungen gemacht. Manchmal denke ich, sie sind für mich tatsächlich wie Enkelkinder. Ich möchte ihnen das Gefühl geben, dass auch sie geliebt sind und aus ihrem Leben etwas machen können.

Protokoll: Sabine Damaschke

Fotos: Robert van Beek/Neukirchener Erziehungsverein

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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