9. März 2017

Kampagne Offene Ganztagsschulen

Startklar für landesweite Proteste

Fachkräfte, Eltern und Schüler wollen sich nicht länger mit dem Sparmodell der Offenen Ganztagsschule (OGS) in Nordrhein-Westfalen abfinden. Bis Juli protestieren sie nun überall im Land für eine bessere Nachmittagsbetreuung der Grundschüler. Die Aktionen sind Teil einer Kampagne der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Für die Auftaktveranstaltung kamen am Mittwoch 320 Fachkräfte nach Essen, darunter viele Mitarbeitende der Diakonie.

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Freut sich auf die OGS-Aktionen in Gelsenkirchen: Helmut Mohr

Als die Kampagnen-T-Shirts in Essen auf dem Tisch liegen, zögert Helmut Mohr nicht lange. Er schnappt sich sofort ein Shirt und zieht es über. "Wir haben lange genug gewartet", sagt er. "Jetzt machen wir Druck, damit das Land endlich mehr für die Offenen Ganztagsschulen tut." Mehr – das bedeutet eine Aufstockung der Fördergelder des Landes und einheitliche Standards für die Nachmittagsbetreuung vor Ort.

Helmut Mohr verwaltet für den Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid 15 Offene Ganztagsschulen mit rund 1.000 Grundschülern. Wie wohl alle der 320 Fachkräfte aus ganz NRW, die am Mittwoch nach Essen zur Auftaktveranstaltung der Kampagne gekommen sind, hat er "den Kaffee auf". "In Gelsenkirchen wächst die Zahl der Kinder, die eine Nachmittagsbetreuung brauchen, aber wir haben weder genug Räume noch Personal dafür", sagt Mohr. "Unsere Kommune ist arm. Sie steht mit dem Rücken zur Wand."

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Die Diakonie Ruhr Hellweg macht jedes Jahr ein Defizit mit ihren OGS, sagt Irene Düring

Verbände bleiben auf Kosten sitzen

In der Region rund um Hamm, Soest und Arnsberg sieht es nicht besser aus. Seit Jahren bleibe die Diakonie Ruhr Hellweg auf 50.000 Euro jährlich sitzen, erzählt Irene Düring, die dort den Fachbereich Bildung und Erziehung leitet und für 15 Offene Ganztagsschulen zuständig ist. "Wir wissen nicht mehr, wo wir noch sparen können, ohne die Qualität der Betreuung massiv herunterzufahren", sagt sie. Das größte Problem seien die Tarifsteigerungen bei den Personalkosten. Während eine pädagogische Fachkraft bei Einführung der OGS vor 14 Jahren für 25 Stunden rund 25.000 Euro erhalten habe, seien es jetzt 35.000 Euro.

"Damals sind wir mit viel Begeisterung, aber auch etwas naiv in den Offenen Ganztag gestartet", gibt Irene Düring zu. Alle hätten die Idee der damaligen Landesregierung unterstützt, die Schule am Nachmittag für die Jugendhilfe zu öffnen und damit gerade benachteiligten Kindern mehr Förder- aber auch Freizeitangebote zu bieten. "Aber die Finanzierung war von Anfang an nicht ausreichend."

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Kämpfen Seite an Seite für bessere OGS im Land: Tim Rietzke und Helga Siemens-Weibring

Betreuung von Ort zu Ort verschieden

Die Kosten pro OGS-Kind belaufen sich auf rund 3.000 Euro im Jahr. Das Land zahlt nur 1.000 Euro, die Kommunen müssen 435 Euro dazu geben. Bleiben noch rund 1.500 Euro pro Kind, die häufig von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege gezahlt werden, weil gerade ärmere Städte ihren Ganztag nicht mit zusätzlichen Mitteln besser ausstatten können. Die Folge sind unterschiedliche Standards.

Während sich in manchen Kommunen 160 Kinder drei leer geräumte Klassenzimmer zum Spielen teilen und fast keine pädagogische Fachkraft mehr in der OGS arbeitet, bauen andere Städte ihre Schulen räumlich, aber auch personell für die Nachmittagsbetreuung aus. "Es gibt durchaus Offene Ganztagsschulen, in denen keine Fachkraft mehr arbeitet", beobachtet Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfeldes Hilfen für junge Menschen bei der Diakonie RWL

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Zahlenspiele: Andreas Johnsen, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, erklärte noch einmal die prekäre Situation der OGS 

Von Positionspapieren zum Protest

Eine gute Betreuung dürfe nicht länger reine Glückssache sein, forderte der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege in NRW, Andreas Johnsen. Mit diesem Satz haben die 16 Spitzenverbände, darunter die Diakonie RWL, ihre Kampagne bewusst überschrieben. Immerhin tragen sie 80 Prozent der OGS. In Trägerschaft von Diakonie und Evangelischer Kirche befinden sich etwa 530 Offene Ganztagsschulen.

"Wir haben unzählige Gespräche mit der Landesregierung geführt und Positionspapiere geschrieben, aber nichts hat sich getan", kritisiert Helga Siemens-Weibring von der Diakonie RWL in ihrer Funktion als Vorsitzende des Ausschusses Familie, Jugend und Frauen der Freien Wohlfahrtspflege NRW. "Jetzt machen wir öffentlich Druck für ein neues Landesgesetz, das die Qualität der OGS finanziell, aber auch mit der Festlegung einheitlicher Standards sichert."

Kinder liegen auf einem Spielteppich

Nicht alle Schulen haben eine feste Spieleecke wie diese OGS in Düsseldorf (Foto: Petra Warras)

Kinder an den Aktionen beteiligen

Der Düsseldorfer Wissenschaftler Ulrich Deinert appelliert an die Verbände, an der Kampagne auch die Grundschüler zu beteiligen. Er stellte auf der Veranstaltung eine Studie vor, die er an sechs Düsseldorfer Offenen Ganztagsschulen durchgeführt hatte. "Für Kinder ist die Schule als sozialer Ort enorm wichtig", betont er. "Sie verbringen dort fast den ganzen Tag und wollen ihn mitgestalten. Das passiert noch zu wenig." Deinert kritisiert, dass es an den meisten Schulen keine Ruheräume und gesonderte Zimmer gebe, in denen das Mittagessen stattfinde. "Die Kinder beschweren sich selbst darüber, wie laut es in der OGS ist."

Leute tragen sich in Unterschriftenlisten ein

Für die meisten OGS-Fachkräfte ist klar: Wir machen mit!

Für die Fachkräfte der OGS sind die Ergebnisse der Studie keine Überraschung. Im Gegenteil. "Die schlechten Rahmenbedingungen gehen zu Lasten der Grundschüler", meint Irene Düring. Für sie und den Kollegen Helmut Mohr ist daher klar, dass die Kinder die Aktionen vor Ort mitgestalten und viele T-Shirts mit dem Logo der Kampagne "Gute OGS darf keine Glückssache sein" bemalen werden. "Am 12. Juli fahre ich zur Abschlusskundgebung mit Kindern, Eltern, Lehrern und unseren Fachkräften zum Düsseldorf Landtag", kündigt Helmut Mohr entschlossen an. "Und wir werden richtig laut sein."

Text und Fotos: Sabine Damaschke; Fotos: Isolde Weber/LAG Freie Wohlfahrtspflege

Kampagnenmaterial kann auf der Webseite der Freien Wohlfahrtspflege NRW heruntergeladen und bestellt werden. 

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Tim Rietzke
Geschäftsfeld Hilfen für junge Menschen
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