26. Oktober 2016

Offene Ganztagsgrundschulen

Kampagne für eine bessere Betreuung

Seit 13 Jahren gibt es die Offenen Ganztagsgrundschulen in NRW. Rund 80 Prozent des Betreuungs- und Bildungsangebots am Nachmittag wird von Sozialverbänden getragen. Schon seit Jahren hapert es an einer auskömmlichen Finanzierung, Qualitätsstandards fehlen. Jetzt plant die Diakonie RWL gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege eine Großkampagne gegen die finanzielle Schieflage.

Kinder in einem Klassenraum

Foto: Petra Warrass/Diakonie Düsseldorf

Eigentlich war die Offene Ganztagsgrundschule (OGS) als Übergangslösung zum verpflichtenden Ganztag an den Schulen in Nordrhein-Westfalen gedacht. Doch 13 Jahre nach ihrer Einführung ist davon keine Rede mehr. Rund 300.000 Plätze für die Betreuung der Grundschulkinder am Nachmittag stehen zur Verfügung, davon sind knapp 290.000 Plätze belegt.

Die hohe Nachfrage ist also weitgehend gedeckt. "Quantitativ ist der Ausbau abgeschlossen", sagt Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfeldes Hilfen für junge Menschen bei der Diakonie RWL. "Aber qualitativ haben wir noch enormen Nachbesserungsbedarf."

Es gibt keine landesweiten Regeln oder Standards zu Kosten, Betreuungsstandards und der Qualifikation des Betreuungspersonals. Mit dem Resultat, dass das Betreuungs- und Bildungsangebot am Nachmittag sehr unterschiedlich aussieht - je nachdem, mit wie viel Geld die freien Träger und Kommunen die Landesförderung aufstocken. So finden in manchen Schulen nachmittags Hausaufgabenbetreuung, individuelle Sprach-, Lese oder Rechenförderung und vielfältige Freizeitaktivitäten wie Schwimmen oder Schach statt. An anderen Grundschulen ist das dagegen kaum möglich, weil geeignete Räumlichkeiten und Spiel- und Lernmaterialien oder schlicht Fachkräfte fehlen.

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Klarer Kurswechsel gefordert

"Schon seit Jahren schreiben wir als Spitzenverband Positionspapiere und fordern von der Landesregierung eine auskömmliche Finanzierung und die Einführung von Qualitätsstandards", erklärt Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL. "Aber es tut sich zu wenig." 

Daher plant die Diakonie nun gemeinsam mit den anderen Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege im Wahljahr 2017 eine große Kampagne gegen die finanzielle Schieflage der OGS. "In unserem Land gibt es viele benachteiligte Kinder", so Siemens-Weibring. "Die Verzahnung von Schule und Jugendhilfe ist ein sehr sinnvolles Konzept, aber es braucht auch eine entsprechende finanzielle Grundlage."

Die Kosten pro OGS-Kind beziffern sich auf rund 3000 Euro im Jahr. Das Land zahlt 994 Euro, der kommunale Pflichtanteil liegt bei 435 Euro. Bleiben noch rund 1500 Euro pro Kind, die häufig von den Sozialverbänden getragen werden, wenn finanzschwache Kommunen sie nicht zahlen. Auf Dauer halte das kein Verband durch, beklagt Jürgen Otto, Geschäftsführer der AWO NRW und Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der AWO NRW, die nun einen "klaren Kurswechsel" fordert. Schließlich werden rund 80 Prozent aller OGS von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege getragen. Etwa 530 Offene Ganztagsgrundschulen befinden sich in Trägerschaft von Diakonie und Evangelischer Kirche.

Portrait

Tim Rietzke

Großer Knackpunkt: das Personal

 "Allein für die auskömmliche Finanzierung des Personals müssten die Pauschalen mindestens 30 Prozent höher ausfallen", rechnet Tim Rietzke vor. "Es gibt durchaus Offene Ganztagsgrundschulen, in denen keine Fachkraft arbeitet." 

Zwar sei in den von der Diakonie getragenen Angeboten im Regelfall zumindest eine Erzieherin in der Leitungsfunktion tätig, aber das alleine reiche für eine gute Betreuung nicht aus. Eine WDR-Umfrage unter Rektoren ergab neulich, dass mehr als die Hälfte der 754 befragten Schulleitungen mit der pädagogischen Qualität der OGS-Betreuer unzufrieden sind.

In ihrer Kampagne streitet die Freie Wohlfahrtspflege auch um die Festlegung von Qualitätsstandards. Dazu gehören Richtlinien zur maximalen Gruppengröße, der Anzahl der Fachkräfte in den Gruppen und auch die Kosten für das Küchenpersonal, Sachkosten und die Overheadkosten der Träger müssten berücksichtigt werden, betont Rietzke.

Als Ziel der Kampagne, die von März bis Juli 2017 stattfinden soll, erhofft sich die Freie Wohlfahrtspflege einen Schulterschluss von freien Trägern, Kommunen und dem Land zum Wohl der Kinder in NRW. "Es kann nicht angehen, dass es in NRW Glückssache für Eltern und Kinder ist, eine gute Offene Ganztagsschule zu finden", kritisiert Helga Siemens-Weibring. "Wenn wir Bildungs- und Chancengleichheit in den entscheidenden Grundschuljahren schaffen wollen, müssen wir die OGS dringend besser ausstatten."

Ihr/e Ansprechpartner/in
Tim Rietzke
Geschäftsfeld Hilfen für junge Menschen
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