25. November 2015

Kitafinanzierung in Bochum

Sparen, bis es nicht mehr geht

Die Finanzierung der Kindertagesstätten steht in NRW auf wackeligen Füßen. Neues Personal, neue Spielgeräte oder Möbel – Daran ist meist nicht zu denken. Wie die Kitas trotzdem mit viel Kreativität für Kinder und Eltern da sind, zeigt ein Beispiel aus Bochum.

Porträtfoto von Michael Both

Michael Both

Michael Both kennt alle Finessen der Kitafinanzierung. Ob Gruppen- oder Kindpauschalen, Investitionsmittel oder Verwaltungskosten – der 55-jährige Geschäftsführer der Kindergartengemeinschaft des Evangelischen Kirchenkreises Bochum macht den Job seit sieben Jahren. Zahlenspiele gehörten nicht unbedingt zu seinem erlernten Beruf als Pädagoge. Heute sind sie sein tägliches Geschäft. Insbesondere, seit das Land Nordrhein-Westfalen das Kinderbildungsgesetz, kurz KiBiz genannt, eingeführt hat. Da ist Erfindungsreichtum gefragt. Doch selbst einem Zahlenjongleur wie Michael Both gehen langsam die Ideen aus, wie er noch sparen kann.

„Unsere Personalkosten können mit den Landesmitteln nicht mehr gedeckt werden“, erzählt er. Noch wird das vom Träger soweit wie möglich ausgeglichen. Aber das geschieht auf Kosten anderer Investitionen, die eigentlich auch nötig wären. Zum Beispiel für einen verbesserten Schallschutz oder energetische Maßnahmen an den Gebäuden. „An ein neues Außengelände ist schon gar nicht mehr zu denken“, sagt Michael Both.

Stühle aus den 70er Jahren

Spielgeräte, neue Möbel – all das kann nicht mehr bezahlt werden. Es sei denn, der Förderverein der Kita springt ein oder man findet andere Sponsoren. „In manchen Einrichtungen sind die Stühle von 1974“, berichtet Both. Auch wenn sie noch funktionierten, ihre Tage seien doch gezählt. „Von einer vorausschauenden Finanzierung sind wir leider weit entfernt.“
Die ganzen Sparmaßnahmen bei den sogenannten Sachkosten reichen nach Angaben des Geschäftsführers aber längst nicht aus, um die 43 Kitas am Leben zu erhalten. Es muss auch am Personal gespart werden. So ist an eine komplette Freistellung der Kita-Leiterinnen für ihre vielen Verwaltungstätigkeiten nicht zu denken. Sieben bis maximal 19 Stunden haben sie in der Woche, um Essen zu bestellen, Lösungen zu finden, wenn die Reinigungskraft krank ist, die Sprachförderung der Kinder zu organisieren, Gespräche mit besorgten Eltern zu führen, die Bildung in der Kita zu dokumentieren oder die Brandschutzübung zu planen.

Kinder auf Schaukel

Foto: www.freiewohlfahrtspflege-nrw.de

Noch kein Konzept für Flüchtlingskinder

Lauter Aufgaben sind in den letzten Jahren dazu gekommen, um die Qualität der Kitas, in der nicht nur Betreuung, sondern auch Bildung einen hohen Stellenwert einnimmt, zu heben. „Aber vom Kinderbildungsgesetz wird das nicht refinanziert“. Auch die praktische Ausbildung der Erzieherinnen, die in den evangelischen Kitas stattfindet, sei finanziell gefährdet, berichtet Both. „Wenn da nicht mehr Geld ins System kommt, müssen wir aus Kostengründen langfristig aussteigen.“ Aber die jungen Menschen im Jahrespraktikum auf den Beruf vorzubereiten, sei natürlich eine Aufgabe, „die uns sehr am Herzen liegt.“

Zumal der Fachkräftemangel vor Ort bereits zu spüren ist. „Neueinstellungen im laufenden Kindergartenjahr sind schwierig, weil der Markt ziemlich leer ist“, so die Erfahrung von Both. Mittlerweile kommt auch die Betreuung der Flüchtlingskinder als neue Aufgabe für die Kitas hinzu. Konzepte, wie sie in die Kindertagesstätten integriert werden können, fehlen noch. Derzeit wird improvisiert. „Wir machen das mit unserer christlichen Menschenliebe, aber das ist ja auch die Basis für ganz viel“, sagt der Padägoge. An Erfahrung mit interkultureller Arbeit mangelt es nicht. Im Ruhrgebiet ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund hoch. Es gibt evangelische Kitas in Bochum, in denen laut Both nur noch zwanzig Prozent der Kinder evangelisch sind.

„Wir brauchen die Erzieherinnen“

Der Zustrom an Flüchtlingskindern und die zunehmende Betreuung von Kindern unter drei Jahren erfordert eigentlich dringend eine Personalaufstockung. „Wir brauchen die Erzieherinnen und sie müssen nach Tarif bezahlt werden,“ betont der Geschäftsführer. Schließlich ist der Evangelische Kirchenkreis in Bochum ein anerkannter Arbeitgeber. Diesen Ruf darf er nach Ansicht Bothes nicht verspielen.
Der Kindergartengemeinschaft, die es in Bochum gibt, hilft die Einrichtungen zu sichern. Ältere erfahrene Erzieherinnen seien im Tarif teurer als jüngere. Im Verbund könne man die unterschiedlichen Kosten ausgleichen, erklärt der Pädagoge.

Wertschätzung für das Personal

 „Aber wir machen hier nicht nur Management, wir stehen auch für eine bestimmte Kultur“, erzählt der Geschäftsführer. Both und sein Team haben stets ein offenes Ohr für die Mitarbeiter, wenn es Probleme gibt. Denn die Überlastungsanzeigen des pädagogischen Personals in den Kitas nehmen zu. „Wir müssen als Träger gegensteuern, Orientierung geben und den Mitarbeiterinnen den Rücken freihalten.“ Für Both hat das etwas mit Wertschätzung zu tun. Also stärkt er die Teams, versetzt die Erzieherinnen und Erzieher nicht wie Marionetten von einer Kita in die andere und bezahlt auch mal ein Coaching.

„Für die kleinen Kinder ist es besonders wichtig, dass sie sich in der Kita wohlfühlen und dass es ihnen dort gut geht, aber wir erleben in der Praxis, dass sie auf ein erschöpftes System treffen“, beobachtet Both. Er appelliert daher an die Landesregierung, das System der Kita-Finanzierung neu zu stricken. Noch hat der Pädagoge die Hoffnung nicht aufgegeben, dass statt des rigorosen Sparens wieder ein kreatives Gestalten möglich ist.

Sabine Portmann

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