Donnerstag, 24. Oktober 2013

Darf im Kindergarten gekuschelt werden?

Handlungshilfe unterstützt Kitas im Umgang mit gewalttätigem, sexualisiertem und übergriffigem Verhalten

Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe hat eine Handlungshilfe zum Umgang mit gewalttätigem, sexualisiertem oder übergriffigem Verhalten durch Mitarbeitende von Kindertagesstätten herausgegeben. Was ist eigentlich genau damit gemeint und welche Grenzverletzungen gibt es? Was ist zu tun, wenn das Kind nicht gewickelt werden möchte? Darf im Kindergarten auch mal gekuschelt werden? Sind Küsschen in Einrichtungen eigentlich ok? Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld und Jörg Walther, Referenten bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, erklären im Interview, warum die Auseinandersetzung mit dem Thema so wichtig ist.

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Ein Artikel zum Thema:
Kinder und Kitas

Wann spricht man von gewalttätigem, übergriffigem oder sexualisiertem Verhalten?
Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld: Nach Günther Deegener ist sexuelle Gewalt eine Grenzverletzung und meint jedes Verhalten, das sexuell motiviert ist und gegen den Willen von Kindern stattfindet bzw. bei dem Kinder aufgrund psychischer, körperlicher, sprachlicher oder kognitiver Unterlegenheit nicht zustimmen können. Dabei nutzt der Täter seine Machtposition und zwingt das Kind zur Geheimhaltung. Es gibt natürlich auch Grenzfälle, z. B. Fehlverhalten, das unbeabsichtigt passiert, wenn zum Beispiel Kinder auf den Schoß genommen oder gekuschelt werden. Das kann gerade für kleine Kinder ein wichtiger Körperkontakt sein, allerdings eben nur wenn er vom Kind gewollt ist. Dies erfordert von den Mitarbeitenden eine sensible Wahrnehmung für die Bedürfnisse des Kindes. Wann möchte das Kind in den Arm genommen werden, und wann meine ich als Erzieherin, dass das Kind auf den Arm genommen werden will? Stimmt mein Eindruck wirklich mit den Wünschen des Kindes überein? Klar ist aber auch, Küsschen haben in Einrichtungen eigentlich nichts zu suchen, das gehört in die Familie.

Jörg Walther Porträt

Jörg Walther

Jörg Walther: Es kann aber auch eine Grenzverletzung sein, wenn man ein Kind fester am Arm fasst, weil es zum Beispiel nicht in die Turnhalle möchte. Gewalttätiges und übergriffiges Verhalten ist ein häufig schwierig zu bestimmender Graubereich. Wenn zum Beispiel ein Kind nicht gewickelt werden möchte, wickelt man dann das Kind gegen seinen Willen oder lässt man es und ist dann möglicherweise mit dem Vorwurf der Eltern konfrontiert? Das muss man im Gespräch mit den Eltern klären.

Was heißt Prävention vor sexuellem Missbrauch konkret?

Jörg Walther: Für uns ist es entscheidend, dass über all diese Grenzbereiche und Graubereiche im Team der Mitarbeitenden gesprochen wird. Wir brauchen ein Konzept für eine Evangelische Sexualpädagogik. Viele Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen sind durch die Tabuisierung dieses Themas nicht mehr sprachfähig. Wir brauchen aber eine Sprache, mit der wir mit den Eltern über diese Grenzbereiche sprechen können. Gemeinsam mit dem Rheinischen Verband haben wir deshalb eine Handlungshilfe herausgegeben, die unterstützen soll, übergriffiges, sexualisiertes und gewalttätiges Verhalten zu definieren und zu benennen und die Hilfsangebote aufzeigt, damit wir bei dem Thema wieder eine Sprache finden und mit den Eltern ins Gespräch kommen. Es ist keine Lösung, Körperkontakt grundsätzlich in Einrichtungen zu vermeiden. Gerade die vielen kleinen Kinder, die jetzt neu in unsere Einrichtungen kommen, brauchen natürlich Körperkontakt. Doktorspiele gehören zur Entwicklung dazu und sind weiterhin erlaubt. Auch die Wickelsituation ist ja nicht nur Wickeln, sondern hier wird Bindung aufgebaut. Durch Blickkontakt wird Beziehung aufgebaut. Die Pflegesituation hat auch was mit Anfassen zu tun.
Für männliche Erzieher ist es besonders schwierig, denn sie stehen eher unter Verdacht und unter Beobachtung. Wir wünschen uns ja mehr Männer in erzieherischen Berufen, aber die Praxis ist für sie nicht einfach, besonders dann, wenn nicht offen über das Thema geredet wird.

Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld Portrait

Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld

Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld: Es braucht in den Einrichtungen eine Auseinandersetzung mit dem Thema übergriffiges und/oder sexualisiertes Verhalten. Regeln für den Umgang mit den Kindern müssen gemeinsam aufgestellt werden, sonst werden sie nicht gelebt. Man kann ganz konkret schon beim Vorstellungsgespräch von Eltern darauf hinweisen, dass Prävention vor sexualisiertem Verhalten ein wichtiges Thema in der Einrichtung ist. Das Ansprechen des Themas schreckt potenzielle Täter und Täterinnen ab, so unsere Erfahrung. Beim Thema Gewalt ist es aus unserer Sicht immer wichtig, eigenes Verhalten zu reflektieren und von der Vorwurfshaltung in den Dialog zu kommen. Ohne dieses Verhalten entschuldigen zu wollen, sollte daher bei gewalttätigem Verhalten von Mitarbeitenden genau hingesehen werden. Wie kommt es zu diesem Verhalten, ist jemand z.B. psychisch sehr gestresst? In vielen Einrichtungen gibt es einen hohen Krankenstand und der zeitliche Druck ist groß. Hier muss gerade in den Graubereichen eines Fehlverhaltens gewissenhaft überlegt werden, wie der Person geholfen werden kann und welche Fortbildungsmöglichkeiten es gibt.

Wir möchten heute Kinder in den Einrichtungen beteiligen. Das ist leicht gesagt, wenn man das konkret auf die alltägliche Arbeit bezieht, kann es jedoch schwieriger werden. Wie gehe ich damit um, wenn das Kind etwas anderes will als ich. Wenn alle in die Turnhalle sollen und einer will nicht mit, was mache ich dann? Darf der dann in eine andere Gruppe? Muss der mit, oder versuchen wir es morgen noch einmal?

Mit Frau Prof. Mechthild Wolff gesprochen müssen Kindertagesstätten Orte der Achtsamkeit sein, sowohl für die Kinder als auch für das ganze Team (Mitarbeitenden, Leitungen und Träger). Eine solche Kultur lässt sich aber nicht verordnen, sie entsteht nur durch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung sowohl im Team als auch bei der eigenen Person. Hierzu dienen die Reflexionsfragen in unserer Handreichung.

Auf welche Anzeichen sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kirche und Diakonie achten?

Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld: Wenn sich das Verhalten eines Kinder verändert, dann sollte man hellhörig werden. Wenn ein aufgewecktes Kind plötzlich still wird oder ein stilles Kind plötzlich im Mittelpunkt stehen möchte, dann muss man nachspüren, woher das kommt. Dieses Verhalten muss aber nicht unbedingt durch erlebte Grenzverletzungen verursacht sein, es kann auch z.B. auf häusliche Probleme hinweisen, z.B. weil  die Eltern sich scheiden lassen oder der Opa gestorben ist. Der Leitfaden der Diakonie RWL bietet hier eine Checkliste, die hilfreich sein kann. Auch können Kinderzeichnungen auf bestimmte Erlebnisse hinweisen.

Wie kann eine angemessene Reaktion aussehen, die neben dem Wohl der Kinder auch die Fürsorge und Verantwortung für die Mitarbeitenden im Blick hat? 

Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld: Bei gewalttätigem Verhalten muss man Erzieherinnen und Erzieher aus der Situation herausnehmen und die Einrichtungsleitung sollte analysieren, welche Entlastung notwendig ist und welche Fortbildungsmöglichkeiten es gibt. Bei Verdacht auf sexuellem Missbrauch darf man die verdächtige Person auf keinen Fall mehr alleine lassen. Ob man das Verhalten ansprechen soll oder nicht, wird im Übrigen unterschiedlich beurteilt.

Welche Hilfestellungen gibt es bei sexualisiertem oder übergriffigem Verhalten in Einrichtungen?

Jörg Walther: Wir empfehlen hier eine unabhängige Beratung. Man muss den Eindruck vermeiden, man wolle etwas unter den Teppich kehren. Bei einem konkreten Verdacht müssen Träger und Leitung begleitet werden. Danach ist eine externe Supervision notwendig.

Wie kann betroffenen Kindern und Jugendlichen geholfen werden?

Jörg Walther: Wir beobachten, dass die Aufmerksamkeit sich häufig nur auf die Täter und deren Strafverfolgung richtet. Es ist aber ganz wichtig, dass es für das betroffene traumatisierte Kind oder den Jugendlichen Hilfe gibt. Kinderschutzambulanzen stellen eine Diagnose und in Form von Spieltherapie kann den Opfern geholfen werden. Das ist sehr abhängig vom Alter des Kindes. Langfristig ist eine Beratung des ganzen Systems Familie, in der das Kind lebt, notwendig. Das Schweigen und die Schuldgefühle müssen bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen mit Unterstützung von Kinder- und Jugendtherapeuten aufgebrochen und bearbeitet werden.

Kontakt: Dr. Hanna Kaerger-Sommerfeld und Jörg Walther