16. November 2016

Evangelische Kindertagesstätten

Weckruf gegen chronische Unterfinanzierung

Seit Jahren bemühen sich Kirche und Diakonie in NRW um eine bessere Finanzierung der evangelischen Kindertagesstätten. Zwar hat die Landesregierung mehr Geld für den Ausbau der Kitas gegeben, doch es reicht nicht. Noch immer beläuft sich das jährliche Defizit der Träger auf 1,5 Milliarden Euro, wie die Freie Wohlfahrtspflege errechnet hat. Ein Gutachten der AWO fordert jetzt einen Systemwechsel in der Finanzierung.

Kleinkinder spielen in einer Kita

Wann wird's endlich besser? Kinder in einer Notgruppe einer evangelischen Kita in Wuppertal (Foto: Uli Christenn)

Der November ist immer ein besonders harter Monat, denn es rollt die Grippe-Welle an. In vielen Kindertagesstätten bedeutet das: Arbeiten in Minimalbesetzung, da der Personalschlüssel meist knapp bemessen ist. Ersatzpersonal gibt es nicht.

Ein Blick in viele Kitas offenbart die finanzielle Not noch an anderer Stelle: für neues Mobiliar oder Spielzeug ist oft kein Geld vorhanden. Es sei denn, Fördervereine springen ein oder Erzieherinnen und Eltern reparieren Möbel, streichen Wände und kaufen selbst neues Spielzeug.

Dabei sollte die finanzielle Schieflage in den Kitas längst behoben sein. Ende vergangenen Jahres hat die Landesregierung den Kindertagesstätten im Land zusätzlich rund 430 Millionen Euro gegeben. Dennoch beläuft sich das jährliche Defizit aller rund 9.500 Kindertagesstätten in NRW noch auf 1,5 Milliarden Euro, wie die Freie Wohlfahrtspflege errechnet hat. "Wir brauchen dringend eine neue Finanzierungsgrundlage", betont Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL und Kita-Expertin. Eine Forderung, die die Sozialverbände schon lange an die Politik herantagen.

KiBiz – ein unkalkulierbares Verwaltungsmonster

Am Dienstag hat nun die Arbeiterwohlfahrt NRW, die wie die Diakonie RWL Mitglied der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist, nochmals Alarm geschlagen und ein Gutachten präsentiert. Es schlägt einen radikalen Systemwechsel in der Finanzierung vor, da im KiBiz, so die Wissenschaftler der Fachhochschule Niederrhein, "die notwendige Qualität der Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder nicht erreicht werden kann".

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Das im Jahr 2007 eingeführte Kinderbildungsgesetz rechnet nach Kindpauschalen und Betreuungsstunden ab. Und ist damit, wie Helga Siemens-Weibring meint, "ein für die Träger kaum kalkulierbares Verwaltungsmonster". Schließlich sei die Kindpauschale, die das Land den Trägern überweist, davon abhängig, wie viele Wochenstunden die Eltern für ihr Kind gebucht haben und um welchen Gruppentyp es sich handele. "Sobald zum Beispiel zwei Kinder die Einrichtung verlassen und sich die Betreuungszeiten ändern, muss die ganze Finanzierung neu berechnet werden", kritisiert die Beauftragte für Sozialpolitik.

Personal- und Betriebskosten, Ausfallzeiten der Erzieherinnen sowie Aus- und Fortbildungen – alles wird über dieses System finanziert. Unter dem Dach von Kirche und Diakonie gibt es rund 1.600 Kitas in NRW, die gut 15.000 Fachkräfte beschäftigen. Die Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft machen knapp 40 Prozent der Kitas in NRW aus. Anders als andere freie Träger müssen sie zwölf Prozent der Kosten selbst decken.

Klage der Diakonie Wuppertal

Oft bleibt es aber nicht dabei. Das zeigt das Beispiel Wuppertal. Dort mussten Kirche und Diakonie seit 2007 fünf evangelische Kitas schließen und vier an andere Träger abgeben, weil die Betriebskosten deutlich gestiegen sind. Bei der evangelischen Kita Am Wichelhausberg, wo zwölf Mitarbeitende etwa 60 Kinder betreuen, müssen statt zwölf Prozent etwa 16 Prozent finanziert werden. Das bedeutet knapp 86.000 Euro statt 52.000 Euro jährlich.

Insgesamt zahlen Kirche und Diakonie für ihre 25 Einrichtungen in Wuppertal jährlich mehr als 1,5 Millionen Euro - Geld, das sie eigentlich nicht haben und nur dank Sonderzahlungen der Evangelischen Kirche im Rheinland finanziert werden könne, so Diakonie-Geschäftsführer Thomas Bartsch. Um weitere Schließungen zu verhindern, hat die Diakonie Wuppertal gegen alle Budget-Entscheide, die für das laufende Kindergartenjahr an die Einrichtungen gehen, Widerspruch eingelegt. 

Kinder mit und ohne Rollstuhl breiten ein Springtuch im Garten aus

Inklusion ist in vielen evangelischen Kitas schon Alltag, so in der Kita Arche in Marl (Foto: Diakonisches Werk Recklinghausen)

"Viele unserer Träger befinden sich im Krisenmodus", betätigt Helga Siemens-Weibring. "Sie tun ihr Möglichstes, aber wenn die Landesregierung nicht endlich gegensteuert, leidet die pädagogische Qualität." Zumal in den Gruppen immer mehr betreuungsintensive Kinder aufgenommen werden: Kinder unter drei Jahren, Kinder mit Behinderungen sowie Flüchtlingskinder. Gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege fordert die Diakonie RWL daher eine grundlegende Reform der Kita-Finanzierung.

Grund- statt Kindpauschale

Das neue Gutachten der Fachhochschule Niederrhein schlägt nun vor, dass den Trägern sämtliche anfallende Kosten erstattet werden, unabhängig von einer Kindpauschale. Stattdessen soll es eine Grundpauschale geben, mit der etwa der laufende Betrieb eines Gebäudes sichergestellt werden kann. Land, Kommunen und Eltern sollen die Kosten künftig tragen, der Trägeranteil entfällt.

Derzeit hängt es von der jeweiligen Stadt ab, ob die Eltern zur Kasse gebeten werden. Manche Kommunen erheben keine Elternbeiträge, andere wiederum sehr hohe Gebühren. "Dieses System ist nicht gerecht", meint auch Helga Siemens-Weibring. "Es wäre besser, wieder zu landeseinheitlichen Elternbeiträgen zurückzukehren wie wir sie vor Einführung des KiBiz hatten."

Hinter den Kulissen wird schon seit einigen Monaten intensiv über die Kita-Finanzierung verhandelt. NRW-Familienministerin Christina Kampmann bereite eine grundlegende Reform des KiBiz vor, hieß es. Auch Bund und Länder kündigten am Dienstag eine gemeinsame Qualitätsoffensive für die Kinderbetreuung an. "Die Politik hat unseren Weckruf gehört", sagt Helga Siemens-Weibring. "Wir hoffen nun auf eine echte Reform, schließlich wächst in den Kitas die nächste Generation heran. Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, hier in gute Bildung und Erziehung zu investieren.“"

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