25. November 2016

Modellprojekt "Kein Kind zurücklassen"

Chancengleichheit in evangelischen Kitas

Evangelische Kitas beteiligen sich am Modellprojekt "Kein Kind zurücklassen!" (Kekiz) der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Diakonie haben mit Familienministerin Christina Kampmann in Bonn über die Umsetzung diskutiert. Das Projekt sei zukunftsweisend, sagen die Kirchen, es brauche aber mehr finanzielle Ressourcen und klarere Zuständigkeiten von Projektpartnern.

Familienministerin Christina Kampmann

Kindertagesstätten nehmen laut Familienministerin Christina Kampmann eine wichtige Funktion für das Modellprogramm "Kein Kind zurücklassen!" der nordrhein-westfälischen Landesregierung ein. In den Einrichtungen werde das "Fundament einer gelingenden Bildungsbiografie" gelegt, sagte die SPD-Politikerin bei der jährlichen Mitgliederversammlung des Rheinischen Verbands Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder am Mittwoch in Bonn. Der Verband ist Fachverband in der Diakonie RWL. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kirche und Diakonie diskutierte Kampmann über den Beitrag, den evangelische Kitas zu dem Präventionsprojekt leisten können.

Ziel des Projekts ist es, die Chancengleichheit von Kindern zu erhöhen und Familien langfristig zu begleiten, um soziale Folgekosten für Land und Kommunen zu vermeiden. "Noch immer entscheidet die Herkunft über die Zukunft vieler Kinder", sagte Kampmann vor rund 80 Teilnehmenden im historischen Gemeindesaal der Evangelischen Erlöser-Kirchengemeinde Bad Godesberg. Der berufliche Werdegang und der Bildungserfolg hingen oft "vom Geldbeutel der Eltern ab". Grundsatz des Modellprojekts sei deswegen eine  "vorbeugende Politik", bei der der Hilfs- und Beratungsbedarf von benachteiligten Familien frühzeitig erkannt und Hilfen passgenau angeboten würden – von der Geburt über Kita und Schule bis zum Einstieg ins Berufsleben.

Superintendent Jens Sannig, Vorsitzender des Rheinischen Verbands

Nah dran und früh dran

Zu Beginn des Projekts 2012 haben sich 18 Modellkommunen am Projekt beteiligt, für die zweite Projektphase werden derzeit weitere 22 Kommunen ausgewählt. In allen Kommunen entstehen Netzwerke von Akteuren aus Verwaltung, Verbänden, Kirchen, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, die Familien unterstützen. "Nah dran und früh dran", diesen Ansatz verfolge das Präventionsprojekt, sagte Ministerin Kampmann. "Vorbeugung muss bei den Kleinsten beginnen."

Laut Jens Sannig, Vorsitzender des Rheinischen Verbands und Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Jülich, leisten evangelische Kitas dazu bereits einen wichtigen Beitrag: "In unseren Einrichtungen stehen wir in engem Kontakt mit Familien, wir nehmen ihre Sorgen und Nöte wahr und das, was sie im Alltag bedrückt und beschäftigt." Es gehöre seit jeher zum Selbstverständnis evangelischer Einrichtungen, Familien nicht nur in Bildungs- und Erziehungsfragen, sondern in allen Lebenslagen beizustehen und bei Bedarf an Fachstellen zu vermitteln. "Hier berühren sich das Wirken unserer Kindertagesstätten und das, was das Programm der Landesregierung als Grundansatz hat."

Konkret wird die Kooperation etwa in Mönchengladbach bei „HOME“ – einem Projekt in kommunaler Trägerschaft, das sich an Eltern mit Kindern im Alter von null bis zehn Jahren richtet. Im Rahmen des Projekts besucht eine Sozialarbeiterin mindestens einmal pro Woche die drei Kindergärten der Evangelischen Kirchengemeinde Rheydt, um Kontakt zu Familien zu knüpfen und Vertrauen aufzubauen.

"Wir haben es in unseren Einrichtungen immer wieder mit Familien zu tun, die ihren Alltag nicht organisiert bekommen", berichtet Gemeindepfarrer Stefan Dedring. Sozial bedürftige Familien würden städtische Zuschüsse für das Mittagessen in der Kita teilweise nicht in Anspruch nehmen, weil sie es versäumten, das nötige Formular beim zuständigen Amt einzureichen.

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Kitas mit Lotsenfunktion

Grund dafür sei oft eine allgemeine Angst vor Ämtern, die per se als bedrohlich wahrgenommen würden. "Da ist es genau der richtige Ansatz, Kontakte auf informellem Weg vor Ort wachsen zu lassen", sagte Dedring. "So können unsere Kitas eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen." Damit Vertrauen entsteht, brauche es aber Zeit und einen langen Atem. Wichtig sei zudem, dass die Kontakte nicht abbrechen, wenn Kinder weiterführende Schulen besuchten. "Wir haben deswegen auf eigene Kosten eine junge Diakonin eingestellt, die den vertrauensbildenden Prozess in Förder- und Hauptschulen fortführt."

Nicht immer gelingt es, eine gut verzahnte Präventionskette zu bilden, darüber waren sich die Diskutanten bei der Versammlung des Rheinischen Verbands einig. "Es ist schwierig, unterschiedliche Akteure beispielsweise aus dem Gesundheits- und Sozialsystem an einen Tisch zu bekommen und Zuständigkeiten zu klären", sagte Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Das gelte etwa für Kooperationen von Kinderarztpraxen, Kindertagesstätten und kommunalen Ämtern. Unklar sei oft, wer am Ende die Verantwortung trägt. "Da gilt es, Standesdünkel zu überwinden."

"Wir müssen Schnittstellen zwischen allen Akteuren stärken und Zuständigkeiten deutlicher definieren", forderte zudem Jens Sannig, der im Landkreis Düren die Freien Träger in der Steuerungsgruppe für das örtliche "Kein Kind zurücklassen" vertritt. Außerdem müssten Kitas finanziell besser ausgestattet werden, damit sie ihre Lotsenfunktion für Familien noch intensiver wahrnehmen könnten. "Dazu braucht es den nötigen Blick, den haben wir", sagte Sannig. "Aber es braucht eben auch Ressourcen: Geld, Personal und zusätzliche Räumlichkeiten." Mit der Bildungs- und Erziehungsarbeit seien Mitarbeitende oft ausgelastet. Aufgrund des Fachkräftemangels gelinge es zudem oft nicht, alle Stellen in evangelischen Kitas zu besetzen.

Mehr Geld ins System

Hoffnungen von Vertretern aus Kirche und Diakonie richteten sich einmal mehr auf ein neues Kinderbildungsgesetz in Nordrhein-Westfalen, das die Landesregierung seit fünf Jahren plant. Es regelt unter anderem die Finanzierung von Kitas. "Wir brauchen ein Gesetz, das auskömmlich ist, nur dann kann es nachhaltig sein", sagte Helga Siemens-Weibring bei der Podiumsdiskussion. "Es muss mehr Geld ins System, das wissen wir alle." Rund 1,5 Milliarden Euro müssten zusätzlich im Landeshaushalt für Kindertageseinrichtungen bereitgestellt werden.

Ministerin Kampmann verwies darauf, dass die Eckpunkte des neuen Gesetzes im kommenden Jahr festgelegt würden. "Vielen unserer Träger geht die Luft aus", erwiderte Siemens-Weibring. "Wenn es noch einmal fünf Jahre dauert, bis das Gesetz verabschiedet ist, haben wir ein Riesenproblem. Aber ich nehme wahr, dass die Landesregierung das Wort Familie in den Mittelpunkt gestellt hat, daran werden wir sie im Wahlkampf im kommenden Jahr messen."

Text: Thomas Becker
Fotos: Rudolf Wichert

Ihr/e Ansprechpartner/in
Jörg Walther
Tageseinrichtungen für Kinder, Familienzentren
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (21 Stimmen)