6. März 2017

Studie Kindertagesstätten

Kaum Zeit für Leitungsaufgaben

Elterngespräche, Dienstpläne, Qualitätsmanagement, Budgets – In den Kitas haben die Leitungen viel zu regeln, aber kaum Zeit dafür. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Diakonie RWL fordert schon lange, die Leitungen von der praktischen Arbeit in den Kitagruppen freizustellen. Die Zeit drängt, meinen die sozialpolitische Beauftragte, Helga Siemens-Weibring, und Kita-Expertin Sabine Prott.

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Jede Kita-Leitung sollte laut der neuen Studie der Bertelsmann Stiftung 20 Stunden pro Woche für Führungs-und Leitungsaufgaben freigestellt sein. Nur 15 Prozent aller Kitas in Deutschland erfüllen diese Forderung. Wie sieht es in den evangelischen Kindertagesstätten aus?

Helga Siemens-Weibring: Verglichen mit Bundesländern wie Bremen, in denen 28 Prozent und Baden-Württemberg und Berlin, in denen knapp 20 Prozent der Kita-Leitungen überhaupt keine Zeit für Verwaltung haben, steht NRW mit 8,3 Prozent noch recht gut da. Fast überall gibt es eine Freistellung der Leitungen und das spiegelt sich auch in unseren Einrichtungen wider. Im Kinderbildungsgesetz (KiBiz) ist vorgesehen, dass die Leitung 4,6 bis 5,3 Stunden pro Kita-Gruppe für Verwaltungsaufgaben freigestellt werden kann. Je größer eine Einrichtung, desto mehr Zeit wird den Erzieherinnen und Erziehern, die sie leiten, für ihre vielfältigen Aufgaben eingeräumt. Verbindlich ist das im Gesetz aber nicht geregelt. In den Konzepten sind diese Stunden für eine Freistellung auch immer aufgeführt, in der Praxis stellt sich die Situation aber anders dar.

Worüber klagen die Kita-Leitungen?

Sabine Prott: Viele sind gestresst und ständig unter Druck. Die Anforderungen an die Leitungen sind in den vergangenen Jahren ständig gestiegen, so dass eine Freistellung von 20 Stunden pro Woche für die Erzieherinnen und Erzieher, wie sie die Studie fordert, in der Leitung dringend notwendig wäre – und zwar unabhängig von der Größe der Einrichtung. Manche Träger machen das auch, müssen diese Freistellung dann aber selbst bezahlen, indem sie weiteres Personal einstellen. Doch viele der 1.600 evangelischen Einrichtungen arbeiten mit einer Mindestpersonalausstattung. Es fehlt schlicht das Geld, um mehr Erzieherinnen und Erzieher zu beschäftigen. Mit dem Ergebnis, dass die Leitungen, auch wenn sie auf dem Papier stundenweise freigestellt sind, einspringen müssen, wenn eine Erzieherin im Team krank ist oder dringende Elterngespräche führt. Ihre Verwaltungsaufgaben erledigen die Leitungen dann zwischendurch oder wenn die Kita geschlossen hat.

Sie sagen, die Anforderungen an eine Kita-Leitung sind gestiegen. Inwiefern?

Helga Siemens-Weibring: In den Kitas geht es schon lange nicht mehr darum, nur eine Betreuung für Kinder zwischen drei und sechs Jahren anzubieten. Sie haben einen klaren Bildungs- und Erziehungsauftrag. Jedes Kind hat Anspruch auf eine individuelle Förderung, die mit einer ausführlichen Bildungsdokumentation begleitet wird. Die Kitas haben sich zudem für Kinder unter drei Jahren geöffnet. Immer mehr Kinder mit Behinderungen oder Migrations- und Flüchtlingshintergrund werden in unseren Kitas betreut und gefördert. 

Portrait

Sabine Prott

Sabine Prott: Außerdem wurden die Öffnungszeiten erweitert. Fast überall gibt es eine Betreuung über Mittag. Die Leitungen müssen das koordinieren und kompliziertere Dienstpläne schreiben. Es gibt viel mehr Elterngespräche und eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Akteuren vor Ort wie den Erziehungsberatungsstellen, den Schulen, dem Jugendamt. Dokumentationen und Statistiken müssen erstellt und geführt werden. Es geht um Qualitätssicherung und -entwicklung. Den eigenen Kitahaushalt zu verwalten, kostet Zeit und Nerven.

Das klingt nach einer anspruchsvollen Aufgabe, die Qualifizierung und Erfahrung voraussetzt. Schreckt es Erzieherinnen und Erzieher nicht ab, sich auf eine Leitungsstelle zu bewerben?

Helga Siemens-Weibring: Leider haben die Träger zunehmend Probleme, die Leitungsstellen zu besetzen, denn diese anspruchsvolle Position wird kaum besser entlohnt als eine Stelle als Gruppenleitung. Und Erzieherinnen und Erzieher sind in Deutschland gemessen an der Vielfalt ihrer Aufgaben und ihrer Verantwortung ohnehin unterbezahlt. Auf eine Leitungsposition können sich Kräfte bewerben, die eine abgeschlossene Erzieherausbildung und zwei Jahre Berufserfahrung haben. Um diese Aufgabe gut bewältigen zu können, sind jedoch weitere Qualifizierungen unbedingt anzuraten.  Wer sich um eine Leitung bewirbt, muss also einiges vorweisen. Doch wenn die Bezahlung nicht stimmt und der Job zudem viel Stress und Druck bedeutet, weil es keine ausreichende Freistellung dafür gibt, ist er unattraktiv.

Was muss passieren, damit die Kita-Leitung wieder attraktiv wird?

Sabine Prott: Seit das KiBiz in NRW eingeführt wurde, fordern wir als Diakonie RWL, dass die Freistellung der Leitungen endlich verbindlich geregelt wird, wie es früher der Fall war. Die Experten der Bertelsmann Studie schlagen vor, dass jede Kita über einen Grundstock von 20 Stunden pro Woche für Führungs- und Leitungsaufgaben verfügen sollte. Dazu sollen pro ganztags betreutem Kind 21 Minuten in der Woche kommen. Bei einer Kita mit 30 Kindern sollten der Leitung also im Idealfall 30,5 Stunden in der Woche zur Verfügung stehen. Das halten wir auch für sinnvoll.

Helga Siemens-Weibring: Es geht aber nicht, die Leitungen freizustellen und kein weiteres Personal einzustellen. Darunter leidet die pädagogische Qualität. Wir brauchen kindgerechte Personalschlüssel und eine professionelle Leitung. Die Studie fordert daher zu Recht einen personellen Ausbau der Kitas, der für NRW bei 2.840 Stellen (39 Prozent) liegt. Bundesweit sehen die Bildungsforscher sogar einen Mehrbedarf von 21.800 Vollzeitstellen (73 Prozent).

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Teaserfoto: Elterngespräch/LAG Freie Wohlfahrtspflege

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