6. November 2015

Alltag einer Krankenschwester in der Notaufnahme

"Bei Stress können wir uns aufeinander verlassen"

Krankenschwester Nicole Scholz arbeitet in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses Hamm. Sie liebt ihren Job, auch wenn er stressig ist. Zwar verspricht die bundesweite Krankenhausreform eine Personalaufstockung. Doch sie bringt 2016 gerade mal eine weitere Pflegestelle pro Klinik. Improvisationstalent ist also gefragt. Erst recht in der Notfallambulanz.

Krankenschwester beim Anlegen eines Gipsverbandes

Wer in der Notaufnahme arbeitet, hat keinen Stress damit, was er morgens anzieht: Blaues OP-Hemd und weiße Hose vom Krankenhaus sind Pflicht. Dann geht der Stress aber los, denn man weiß nie, welche Verletzten kommen. Und manchmal kommt alles auf einmal. Wenn zum Beispiel bei einem Unfall auf der A2 viele verletzt wurden oder wenn die Hausarztpraxen Mittwoch und Freitag nachmittags geschlossen haben, dann herrscht Hochbetrieb. In der Notfallambulanz landen alle akuten Fälle von Knochenbrüchen über Norovirus-Infektionen bis zu Arbeitsunfällen. Aber auch das Wetter macht sich bemerkbar. Hohe Temperaturen führen oft zu Stürzen bei älteren Menschen, weil ihnen schwindelig geworden ist. Bei Glatteis steigt die Zahl der Knochenbrüche.

Für Nicole Scholz, Krankenschwester in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses Hamm, hat der Dienst heute um 6.00 Uhr morgens begonnen. Sie macht den Beruf gerne. „Wenn nach der Behandlung jemand sagt, ich habe mich gut aufgehoben gefühlt,  ich hatte gar nicht so viel Angst und es tut jetzt weniger weh“, dann ist das ein schöner Beruf. Der Job in der Notfallambulanz sei stressig, aber eben auch nicht immer das Gleiche. Man bleibe körperlich und geistig fit und es sei immer auch mal Zeit für ein persönliches Wort mit den Patienten.

Von Katzenbiss bis Norovirus

Heute kommt eine Frau, die von einer Katze gebissen wurde. Der Arm muss ruhiggestellt werden, auch wenn nichts weh tut. Die dringend notwendigen Antibiotika möchte die Patientin lieber nicht einnehmen. Schwester Nicole erklärt noch einmal, dass das wirklich notwendig sei und sie weiter krankgeschrieben bleibt. Dann kommt ein Mann, der auf der Baustelle gestürzt ist und sich mit dem Werkzeugkasten Bein und Fuß verletzt hat. Und bald sind alle Isolierräume belegt, denn der Norovirus scheint umzugehen. Jetzt heißt es im Krankenhaus, ein Zimmer für die älteren Patienten zu suchen, die mit Durchfall nicht nach Hause können. „Die Räume müssen dann wieder gesäubert und desinfiziert werden“, erklärt Schwester Nicole.

„Wir vertrauen uns“

Wenn in der Notfallambulanz drei akute Fälle ankommen, zum Beispiel Herzinfarkte oder Unfallopfer, dann wird es natürlich stressig. Oder wenn eine Kollegin krank ist. Da wisse man manchmal nicht, was man zuerst machen solle. Aber Nicole Scholz bleibt da ganz ruhig. „Ich weiß, gerade bei Stress können wir uns aufeinander verlassen. Wir kennen uns lange und vertrauen uns bei der Arbeit“. Man kooperiere eng mit der Intensivstation. Da komme auch mal jemand runter und helfe, wenn es personell eng wird. Stressig sei manchmal die Ungeduld der Patienten. „Die verstehen nicht immer, warum sie so lange warten müssen. Aber wir müssen natürlich die akuten Fälle zuerst versorgen“. Und manchmal fehle dann die Zeit zu erklären, warum die Wartezeit so lang ist.

Ohne Not in die Notfallambulanz

Aber nicht alle Fälle sind akut. „Das Krankenhaus wird mittlerweile auch als Arztpraxis missbraucht. Die Leute kommen mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit“, so Nicole Scholz. Viele kämen ohne Not in die Notfallambulanz. Da müssten sie dann an den Hausarzt verweisen, sonst fehle die Zeit für die Kranken, die dringend Hilfe brauchen.

Neben der Patientenversorgung gehört auch der „Papierkram“ dazu. Dafür gibt es eine feste Sekretärin. Denn alle Daten der Patienten müssen aufgenommen werden, damit später mit der Krankenkasse abgerechnet werden kann. Am Wochenende machen die Schwestern das dann mit. Auch muss immer wieder überprüft werden, ob in den Räumen der Notaufnahme alle Geräte funktionieren und die Notfallmedikamente vorrätig sind, damit im akuten Fall alles bereit ist.

Derzeit kommen auch viele Flüchtlinge, die krank und auch unterernährt sind. Das größte Problem bei der Behandlung sei häufig das Sprachproblem. „Aber wir sind hier ja vom Personal auch multi-kulti“, so Nicole Scholz. Da telefonieren sie schon mal im Haus und fragen nach, wer übersetzen kann. Arabisch sprechen schließlich viele Mitarbeiter.

Manches nimmt Schwester Nicole auch mit nach Hause, extrem schwere Verletzungen oder Verbrennungen, die sie gesehen hat, oder wenn - wie letztens - ein Kind aus dem zweiten Stock gefallen ist. Dass man schlimme Dinge erlebt, gehöre zum Job dazu, betont sie. „Wir sind hier ein Team, das hilft uns, auch mit Belastungen zurechtzukommen.“

Sabine Portmann

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Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
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