29. Juni 2015

NRW-Patientenbeauftragter besucht Klinik

„Essgestörte Menschen brauchen schneller Hilfe“

Mehr als jedes vierte Mädchen in Deutschland leidet unter einer Essstörung. Zugleich ist jeder zweite Deutsche zu dick. Um ihr Essverhalten erfolgreich zu ändern, brauchen Betroffene professionelle Hilfe. Doch die ist gar nicht so leicht zu bekommen. Die Leidenswege der Patienten sind zu lang, kritisierte die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen jetzt beim Besuch des NRW-Patientenbeauftragten. Die Spezialklinik, die Mitglied der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe ist, fordert Kranken- und Rentenversicherungen auf, schneller zu reagieren.

Wenn Professor Thomas Huber Vorträge zu „Bulimia nervosa“ - zu deutsch Essbrechsucht - halten soll, redet er gerne von der „heimlichen Krankheit“. Denn wer unter Bulimie leidet, wirkt nach außen oft kompetent und gesund. Nicht nur Freunde und Familie, auch die Betroffenen selbst brauchen oft lange, bis sie sich eingestehen, dass ihr Essverhalten problematisch ist und sie Hilfe benötigen. Mager- und Fettsucht fallen als Essstörung zwar schneller auf, aber auch hier ist der Leidensweg oft lang, bis die Betroffenen von sich aus Hilfe suchen – und dann auch die richtige Behandlung und Therapie finden.

Patientinnen aus ganz Deutschland

Angst und Unsicherheit, Perfektionismus und das Bedürfnis nach Kontrolle stecken laut Huber meist hinter den Essstörungen. Insofern gehe es bei der Behandlung in der Spezialklinik nicht nur ums Essen, betont der Professor. Gruppen-, Gestaltungs- und Körpertherapie spielen eine große Rolle. „Meine Gedanken kreisen jetzt nicht mehr ums Essen, Kalorien oder Probleme, die unlösbar schienen“, sagt die 17-jährige Annika. „Ich muss nicht mehr kotzen, um mich lebendig zu spüren, ich muss nicht mehr weinen, um der Welt zu zeigen, wie scheiße es mir geht und ich muss mich nicht mehr streiten, um Selbstbewusstsein vorzutäuschen.“

Annika ist eine von rund 15.000 Patientinnen und Patienten, die in der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen in den vergangenen dreißig Jahren behandelt wurden. Die Einrichtung mit insgesamt 92 Betten ist die einzige Spezialklinik zur Behandlung psychogener Essstörungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Patientinnen und Patienten kommen aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich. 90 Prozent von ihnen sind Mädchen und junge Frauen.

Die Freude am Essen neu entdecken

In ihrem Behandlungskonzept setzt die 1985 gegründete Klinik auf Eigenverantwortlichkeit. Alle bekommen dasselbe Essen. Es gibt keine Diät für diejenigen, die unter Fettsucht leiden und keine Kalorienvorgaben für die anderen, die magersüchtig sind. In einer Lehrküche werden gemeinsam Rezepte ausgesucht, dafür eingekauft und gekocht. „Wir wollen, dass unsere Patienten wieder Spaß am Essen haben“, betont Huber. Ein Therapiekonzept, das offenbar erfolgreich ist. Zahlreiche ehemalige Patienten berichten auf der Homepage, dass sie wieder Lust am Leben haben. Alle zwei Jahre evaluiert die Klinik ihre Therapieergebnisse.

„Hier wird vom Patienten her gedacht und das macht den Behandlungserfolg aus“, lobt Elke Grothe-Kühn, Geschäftsbereichsleiterin Krankenhaus und Rehabilitation bei der Diakonie RWL. Sie besuchte die Einrichtung Ende Juni gemeinsam mit dem NRW-Patientenbeauftragten Dirk Meyer. Probleme gebe es allerdings immer wieder in Fragen der Kostenübernahme, kritisiert Grothe-Kühn. „Auf dem Rücken der Patienten werden Zuständigkeiten zwischen den Renten- und Krankenversicherungsträgern hin- und hergeschoben.“

„Gezerre um Kostenübernahme muss aufhören“

So warten die Betroffenen laut Huber oft ein Jahr lang auf die Zusage einer Kostenübernahme, weil die Rentenversicherung sie ab einem bestimmten Body-Mass-Index zur Akutbehandlung in ein Krankenhaus statt in eine Rehaklinik schicken will. Die Krankenversicherung wiederum sieht die Rentenversicherer in der Pflicht, die für Reha-Maßnahmen zuständig sind. Und die Spezialklinik am Korso ist eine Reha-Klinik. „Dieses Gezerre muss aufhören“, fordert Elke Grothe-Kühn. „Die Kosten einer langjährigen Erkrankung sind deutlich höher als eine erfolgreiche zweimonatige Therapie.“

Ihr sei sehr wohl bewusst, dass ihr Weg als Essgestörte mit der Entlassung aus der Klinik nicht zu Ende ist, räumt die 15-jährige Paula ein. Es werde weiterhin Höhen und Tiefen geben. „Aber mit dem, was ich hier gelernt hat, starte ich gut gerüstet ins neue ‚alte‘ Leben.“

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