28. Oktober 2016

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Auszeichnung für gesundes Arbeiten

In der Diakonie setzen sich Tausende von Mitarbeitenden für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen benachteiligter Menschen ein. Doch wie steht es um die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden an ihren Arbeitsplätzen? Da gibt es noch viel zu verbessern, meint Diakonin Lieseltraud Lange-Riechmann von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof. Sie hat dort das gerade ausgezeichnete Projekt "Bemerkenswerte Pausen" gestartet. 

Portrait

Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann (Foto: Wittekindshof/Anke Marholdt)

Frau Lange-Riechmann, Ihre Stiftung wurde gerade mit dem Deutschen Förderpreis für betriebliches Gesundheitsmanagement der Krankenkasse DAK-Gesundheit und der Kommunikationsberatung MCC ausgezeichnet. Was steckt dahinter?

Seit knapp zwei Jahren arbeite ich als Koordinatorin für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bei der Diakonischen Stiftung Wittekindshof und habe in dieser Zeit zahlreiche unserer Einrichtungen besucht. An den verschiedenen Standorten haben wir Gesundheitsarbeitsgruppen gestartet, mit denen ich dann gemeinsam überlegt habe, wie wir zu einem gesünderen und zufriedeneren Arbeiten kommen können. Gestresst fühlen sich viele Mitarbeitende, aber sie wünschen sich zur Entlastung ganz unterschiedliche gesundheitsfördernde Angebote. Darauf gehen wir mit unserem Projekt der "Steigerung von Gesundheitskompetenz durch Bemerkenswerte Pausen" ein. Unsere Angebote reichen vom Bogenschießen über Pilates bis hin zur Klangmassage. Mit dem Preisgeld von 30.000 Euro werden wir das Projekt nun an mehr als hundert Wittekindshofer Standorten zwischen Rahden und Oberhausen ausbauen.

Wie wichtig ist die Beteiligung der Mitarbeitenden an solchen Angeboten?

Die Gesundheitsarbeitsgruppen halte ich für das Herzstück des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Unsere Gruppen bestehen aus maximal sechs Mitarbeitenden sowohl von der Basis als auch aus der Leitung, die im Rahmen eines Projektes ergebnisorientiert arbeiten. Das heißt, nach vier bis sechs Treffen stehen konkrete Vorschläge, die die Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeitenden aus bestimmten Arbeitsbereichen berücksichtigen. Und die sehen sehr unterschiedlich aus. 

Portrait

Lieseltraud Lange-Riechmann mit der Wittekindshofer Ressortleiterin Personal und Bildung Elke Ruthenkolk (re.) (Foto: Wittekindshof/Anke Marholdt)

Was wünschen sich die Mitarbeitenden für ihre Pausen?

Menschen, die in der Heilpädagogischen Intensivbetreuung oder Werkstätten tätig sind, sehnen sich eher nach Ruhe und Entspannung in ihren Pausen. Die Mitarbeitenden unseres Bau- und Immobilienservices dagegen wollen sich eher "auspowern" und Fitnessübungen machen. Die Verwaltungskräfte, die viel am Schreibtisch sitzen, möchten etwas gegen ihre Rücken- und Halswirbelbeschwerden tun. Das machen sie nun regelmäßig unter Anleitung einer Physiotherapeutin. Anderen im Schichtdienst war wichtig, in den Pausen gesünder zu essen. Dazu gibt es nun Kochkurse zur "gesunden und schnellen Küche". Betriebliches Gesundheitsmanagement muss zu den Menschen kommen. Das passiert oft nicht, weil die guten Ideen zur Gesundheitsförderung in Fragebögen hängen bleiben.

Welche Rolle spielen dabei die Führungskräfte eines Verbandes oder Unternehmens?

Eine wichtige! Sie müssen Verständnis schaffen, damit BGM überhaupt möglich wird und sollten den Leitgedanken des Betrieblichen Gesundheitsmanagements unterstützen. Er besteht darin, dass es um mehr als die Vermeidung von Fehltagen oder die Wiedereingliederung von Mitarbeitenden nach längeren Krankheitsphasen geht. Gesundheitsförderung und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz sind eng miteinander verknüpft. Wer hier in Verhaltens- und Verhältnisorientierung investiert und für eine gesunde und motivierende Arbeitsatmosphäre sorgt, profitiert langfristig.

Daher haben viele große Unternehmen längst vielfältige Angebote für ihre Mitarbeitenden geschaffen und Anti-Stressprogramme entwickelt, auf die wir auch in der Diakonie zurückgreifen können. Hier herrscht vielfach noch das alte Denken vor, sich selbstlos und bis zur Erschöpfung für andere Menschen einzusetzen, sei ein Gebot der Nächstenliebe. In der Gesundheitsökonomie gibt es gute Methoden, um auszurechnen, was es kostet, wenn Mitarbeitende ständig bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gehen, um ihre Arbeit zu schaffen.

Gruppenbild

Hartmut Löw, Inhaber der Kommunikationsberatung MCC, Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann, Koordinatorin für Betriebliches Gesundheitsmanagement im Wittekindshof, Andreas Storm, Vorstand der DAK-Gesundheit, Ressortleiterin Elke Ruthenkolk, Diakonische Stiftung Wittekindshof und der Wirtschaftsexperte Prof. Bert Rürup (v.l.n.r.) bei der Preisverleihung (Foto: DAK-Gesundheit/Tobias)

Mehr Mitarbeitende einzustellen, wäre eine Lösung. Doch in vielen diakonischen Verbänden und Unternehmen werden eher Stellen abgebaut als neu geschaffen und die Arbeit verdichtet sich.

An der hohen Arbeitsbelastung in den Einrichtungen kann ich als BGM-Koordinatorin nicht viel ändern. Der Arbeitsdruck nimmt zu. Das beobachten wir auch in den verschiedenen Arbeitsfeldern des Wittekindshofes. Umso wichtiger ist es einerseits, aufbauorganisatorische Verbesserungen durchzuführen. Andererseits sollen die Mitarbeitenden lernen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und sich stärker damit beschäftigen, was ihnen gut tut und Entlastung schafft. Die "Bemerkenswerten Pausen" sind da ein Anfang. Häufig rate ich auch dazu, mehr im Team zu arbeiten. Jüngere und ältere Mitarbeitende können sich da häufig besser unterstützen und entlasten als sie glauben.

Was hat sich im Wittekindshof verändert, seit sie als BGM-Koordinatorin da sind?

Viele Mitarbeitende werten es als positives Signal, dass jemand da ist, der ihre Gesundheit überhaupt im Blick hat. Ich verstehe mich selbst als eine "Kümmerin", die auf die Menschen an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen zugeht und mit ihnen gemeinsam überlegt, was sie tun können, damit es ihnen dort gut geht. Zuerst waren viele skeptisch, weil sie glaubten, dass sie persönlich vom "Betrieblichen Gesundheitsmanagement" nicht profitieren. Es ist sicher von Vorteil, dass ich eine Stabsstelle habe und deshalb weitgehend neutral zwischen den Interessen der Leitung und den vielfältigen Interessen der Mitarbeitenden agieren kann. Nach den knapp zwei Jahren, die ich da bin, hat sich diese Einstellung geändert. Ich erlebe viele Mitarbeitende deutlich zufriedener, insbesondere in der Verwaltung und im heilpädagogischen Intensivbereich.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen beschäftigt über 3.200 Mitarbeitende. Sie betreuen rund 4.000 Menschen in der Behindertenhoilfe, der beruflichen Rehabilitation, der Kinder- und Jugendhilfe, Medizin, Therapie, Pflege und Ausbildung. Die Stiftung ist mit ihren Angeboten in zwanzig Kommunen aktiv.

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Sabine Damaschke
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