28. November 2016

Evangelische Krankenhäuser

Patientenwohl: Vom Programm zur Praxis

Der Deutsche Ethikrat hat sich mit dem Patientenwohl im Krankenhaus befasst. Erarbeitet wurde eine umfangreiche Stellungnahme. Der Alsterdorfer Psychiater Michael Wunder war bis 2016 Mitglied im Ethikrat. Er ist einer der Hauptverfasser der Stellungnahme "Patientenwohl als ethischer Maßstab im Krankenhaus", die er nun in Düsseldorf vorstellte. Organisiert wurde das Fachgespräch vom Verband Evangelischer Krankenhäuser Rheinland/Westfalen/Lippe.

Gruppenbild

Nils Benjamin Krog, Kirchenrat Jürgen Sohn, Elke Grothe-Kühn, Dr. Michael Wunder

"Ethiker fordern nicht, Ethiker geben Empfehlungen" - das stellte der Hamburger Psychologe Michael Wunder bei der Fachtagung vergangene Woche in Düsseldorf klar. Aber wenn das Programm "Patientenwohl" umfassend in den Blick genommen wird, dann kommt es zu An-Forderungen: an das Gesundheitssystem, an Ärzte und Pflegende und an die Patienten selbst. 

Der Ethikrat, so Michael Wunder, ist kein Wirtschaftsrat. Aber auch den Mitwirkenden im Ethikrat ist bewusst, dass ethische Ansprüche nicht wirtschaftliche Gegebenheiten aushebeln können. "Wir fordern nicht pauschal, dass mehr Geld ins System kommt", erläuterte Wunder, "auch Beitragsstabilität gehört letztlich zum Patientenwohl, aber Fehlentwicklungen und Fehlanreize sollten korrigiert werden." 

Im Gegensatz zu manchen radikalen Kritikern will der Hamburger Experte nicht das DRG-System, also Fallpauschalen-System, einfach abschaffen. Aber er will es stärker in ein lernendes System umwandeln. Das könnte, so Wunder eher andeutend, bei todkranken Patienten etwa bedeuten, dass am Lebensende nicht mehr alles gemacht wird, was medizintechnisch möglich und im jetzigen System abrechenbar ist. Stattdessen könnten mehr Ressourcen in Beobachtung und Begleitung sterbender Patienten fließen. Bei Ethik geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um Abwägung, Haltung und vor allem und immer wieder um Kommunikation.

Patientenwohl und Selbstbestimmung

Die Stellungnahme des Ethikrates erschien in vielen Zeitungen – nach dem Motto "schlimm, dass es so weit gekommen ist" - als Plädoyer für eine Rückbesinnung aufs Patientenwohl im Gesundheitswesen. Mit der zunehmenden Ökonomisierung drohe, schrieb etwa die Süddeutsche Zeitung, das Patientenwohl auf der Strecke zu bleiben. Michael Wunder korrigierte in seinem Beitrag dieses Bild. Das Patientenwohl ist ein abstrakter Begriff, der immer wieder neu gedeutet wird. Hierzu hat der Ethikrat einen Beitrag geleistet.

Der Schlüssel zum Patientenwohl liegt danach in einer guten Kommunikation zwischen Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern, Therapeutinnen und Therapeuten und den Patienten. Was "das Beste" für einen Patienten ist, entscheiden nicht die Ärzte. Aber schon faktisch auch nicht alleine die Patienten. Was "Patientenwohl" im Einzelfall bedeutet, sollte, so Wunder, in einem dialogischen Prozess herausgearbeitet und gemeinsam entschieden werden. Selbstbestimmung darf nicht einfach vorausgesetzt, sondern muss befragt und gefördert werden.

Der Ethikrat spricht hier in einem gewöhnungsbedürftigen Begriff von "selbstbestimmungsermöglichender Sorge". Eine solche Koproduktion von Gesundheit braucht Ressourcen. Und da ist die ökonomische Steuerung wieder im Spiel. Das DRG-System müsse nur den Aufwand besser berücksichtigen. Dies gelte besonders auch für besondere Patientengruppen, etwa Patienten mit Demenz. 

Dr. Michael Wunder am Rednerpult

Ein Verständnis von "Patientenwohl" muss in jedem Einzelfall partizipativ entwickelt werden

Kommunikation braucht aber nicht nur Zeit, sondern auch Kompetenzen. "Ich spreche doch den ganzen Tag", reicht, meint Wunder, als Qualifikation nicht aus. Die Förderung kommunikativer Kompetenzen, zum Beispiel im Umgang mit hochaltrigen oder dementen Menschen, müsste in Aus-, Fort- und Weiterbildung besser verankert sein. Zunehmende Anforderungen gebe es auch an interkulturelle Kompetenzen. 

Es dürfe nicht sein, dass "die Reinigungskraft als Übersetzerin bei entscheidenden Gesprächen zwischen Arzt und Patient einspringen muss". Professionelle Übersetzungsdienste müssten in den Fallpauschalen berücksichtigt werden. Unerlässlich seien auch gute Sprachkenntnisse beim Personal. Der Ethikrat fordert, Deutschkurse und Sprachprüfungen für fremdsprachige Ärzte und Pflegende flächendeckend einzuführen. 

Neue Fachkräfte in der Pflege?

88 Prozent der Pflegenden sagen nach einer Befragung von 2014, ihnen bleibe zu wenig Zeit für Zuwendung. Dabei ist der Kontakt zum Patienten ein wesentliches Motiv bei der Entscheidung für den Pflegeberuf. Mehr Zeit für Kommunikation in der Pflege ist, betonte Wunder, auch ein Beitrag gegen Berufsflucht und Fachkräftemangel. 

Wunder vertrat in dem Fachgespräch bei der Diakonie RWL aber auch noch einmal einen besonders strittig diskutierten Vorschlag des Ethik-Rats. Danach soll Fachkräften aus anderen Gesundheitsberufen, etwa Arzthelferinnen und Arzthelfern, ein Wechsel in die Pflege erleichtert werden. Ohne neue Qualifikationsmodelle, zeigte sich Wunder überzeugt, sei die erforderliche Zahl an Pflegekräften vielerorts kaum zu erreichen, insbesondere wenn, wie vom Ethikrat empfohlen, die Pflege im Krankenhaus wieder verstärkt werden soll. 

Verbesserung der Abrechnungsmöglichkeiten

Wunder bekräftigte auf der Veranstaltung die Forderungen des Ethikrates für eine Verbesserung des Vergütungssystems für besondere Patientengruppen. So müsse die Möglichkeit erleichtert werden, die Behandlung unterschiedlicher Erkrankungen bei einem Patienten im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes abzurechnen. Um individuelle Bedarfe besser abzudecken, müssten zudem neue Vereinbarungsmöglichkeiten für Zusatzentgelte geschaffen werden. 

Bei den Vertretern aus der Krankenhauslandschaft in Rheinland, Westfalen und Lippe löste der Vortrag lebhafte Diskussionen aus. An etlichen Beispielen machten sie deutlich, dass praktische Wege zu einem Mehr an Patientenwohl möglich sind - von der Einstellung eines Kümmerers bis zur bewusst gestalteten Arbeit in multiprofessionellen Teams.

Text: Reinhard van Spankeren / Christian Carls
Foto im Teaser: Jorgejesus4 / Wikimedia Commons

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (20 Stimmen)