9. September 2016

180 Jahre Kaiserswerther Diakonie

Pionier der professionellen Krankenpflege

Jahrhundertelang waren die weißen Rüschenhauben der Diakonissen ein Zeichen für professionelle Pflege. Heute schmücken sie das Pflegemuseum der Kaiserswerther Diakonie. Sie blickt in diesem Jahr auf ihr 180-jähriges Bestehen zurück – und feiert das am 11. September mit einem großen Fest. Dabei steht die Geschichte des bekannten Sozial- und Gesundheitsunternehmens im Mittelpunkt. 

Portrait

Theodor Fliedner

Pflege und Bildung, das sind die großen Schwerpunkte der diakonischen Arbeit in Kaiserswerth. Damit sind sich die Kaiserswerther treu geblieben, denn Pflege und Bildung standen auch am Anfang der diakonischen Aktivitäten, die der Kaiserswerther Pfarrer Theodor Fliedner ab 1836 mit der allerersten Diakonissenanstalt ins Leben rief.

Mit dieser Ausbildungsstätte für evangelische Pflegerinnen legte er vor 180 Jahren einen Grundstein für die Professionalisierung der Krankenpflege in Deutschland.

"Theodor Fliedner war nicht der erste, der soziale Not gesehen hat", erläutert der Historiker und Theologe Norbert Friedrich. "Er hat auch nicht so viel geschrieben wie etwa Johann Hinrich Wichern. Er hat sich nicht direkt engagiert. Aber er hat die Diakonissenbewegung ins Leben gerufen." Fliedner habe ein großes Faible für Ordnungen und für systematisches Denken gehabt, berichtet der Vorstand der Fliedner-Kulturstiftung. Auch Seelsorge sei ihm wichtig gewesen. "So hat er die konfessionelle Krankenpflege aufgebaut."

Florence Nightingale ließ sich in Kaiserswerth ausbilden

Anfänge der professionellen Pflege

Das Pflegemuseum in Kaiserswerth, das erste und bislang einzige Museum zur Geschichte des Pflegens in Deutschland, berichtet seit 2011 anschaulich von dieser Pionierarbeit. Im sanierten denkmalgeschützten Gebäude von 1903 zeugen zahlreiche Exponate, Fotos und Texttafeln von den Anfängen der professionellen Pflege.

Die weißen und schwarzen Rüschenhauben, die noch bis 1970 von den Diakonissen getragen wurden, sind ebenso ausgestellt wie Reisemitbringsel, die sie von ihren Einsätzen in Ägypten, Afrika oder Palästina mitbrachten. Auch Fliedners Arbeitszimmer können die Besucher bestaunen.

Der gute Ruf der Kaiserswerther Ausbildungsstätte drang damals bis nach England. Florence Nightingale, nach der seit 1975 das Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie benannt ist, reiste an den Rhein, um sich dort 1851 ausbilden zu lassen. Bei Fliedners Tod im Jahr 1864 gab es bereits über 400 Frauen, die als Pflegerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen im Einsatz waren.

Krankenhaus

Grundsteinlegung Florence-Nightingale-Krankenhaus mit Prinzessin Anne

Von der Pflegeschule zum großen Sozialunternehmen

Aus dem Krankenhaus mit der Pflege durch Diakonissen und der dazugehörigen Ausbildung entwickelten sich diakonische Zweige und Zweigniederlassungen, die auch heute noch Bestand haben – von Aprath bis Bad Kreuznach, von Witten bis Bethel. "Man könnte sagen", so Norbert Friedrich, "dass zehntausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verbandsgebiet der Diakonie RWL aus dieser Kaiserswerther Tradition kommen und in diakonischen Unternehmen arbeiten, die von Kaiserswerth geprägt sind."

Für das klassische Symbol traditioneller Diakonie, die Diakonisse alter Schule, sieht der Historiker keine Zukunft. Das, wofür Diakonissen im besten Fall standen, kann seiner Meinung nach allerdings Zukunft haben: "Wenn man eine Diakonisse sah, sah man darin die diakonische Arbeit. Es geht darum, dass die Mitarbeitenden der Diakonie erkennbar sind als professionell, fromm und engagiert." Dafür sei es wichtig, betont Norbert Friedrich, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im diakonischen Geist zu erziehen und zu profilieren. "Das wird sich aber nicht mehr in der alten Form von Diakonissengemeinschaften entwickeln. Es gibt heute dafür viele Ansätze und Formen."

Dr. Norbert Friedrich

Dr. Norbert Friedrich

"Weggefährte der Menschen"

Die Kaiserswerther Diakonie ist heute, so das Fazit von Norbert Friedrich, Weggefährte von Menschen in allen Lebensaltern und Lebenslagen. Die Behindertenhilfe sei das einzige große diakonische Handlungsfeld, in dem die Kaiserswerther Diakonie vom Anfang bis zum heutigen Jubiläum nicht engagiert ist.

In allen anderen Arbeitsgebieten, vom großen und modernen Florence-Nightingale Krankenhaus bis zur Altenhilfe, vor allem auch in den Ausbildungsstätten und der Fliedner-Fachhochschule, gilt der Anspruch Fliedners, der hohe Standards und hohe Qualität erreichen wollte.

Auch die charismatischen Gründergestalten wie Fliedner, das stellt der Historiker klar, konnten die Grenzen der ökonomischen Rahmenbedingungen nicht sprengen. Aber die Diakonie Kaiserswerther Prägung habe einen großen Beitrag geleistet zum Aufbau des stark konfessionell-sozial geprägten spezifisch deutschen Pfades der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung. Kaiserswerth hat also gute Gründe zu feiern.

Diakonissen-Anstalt Kaiserswerth, Krankenhaus

Großes Fest mit Rückblick und Ausblick

Am Sonntag, den 11. September, präsentieren sich die verschiedenen Bereiche und Einrichtungen auf dem Parkgelände der Kaiserswerther Diakonie auf einem großen Jahresfest. Neben einem feierlichen Gottesdienst in der Mutterhauskirche gibt es ein buntes Bühnenprogramm, Gesundheitsvorträge, Geländeführungen und einen Blick in die Geschichte der Kaiserswerter Diakonie.

Dr. Norbert Friedrich, 53, ist Historiker und Theologe. Er ist Vorstand der Fliedner-Kulturstiftung, die 2002 von der Kaiserswerther Diakonie und dem Kaiserswerther Verband gegründet worden ist und sich um die Tradition der Mutterhausdiakonie kümmert. Er ist verantwortlich für das einzige öffentlich zugängliche Pflegemuseum in Deutschland, das im Norden von Düsseldorf die Geschichte des Helfens anschaulich werden lässt.

Text: Reinhard van Spankeren, Fotos: Kaiserswerther Diakonie

 
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