17. Juni 2015

Diakonie-Flüchtlingsexpertin auf Informationsreise

Wir dürfen Griechenland nicht alleine lassen

Auf Sizilien haben sie die Rettung eines Flüchtlingsbootes miterlebt, vor Lampedusa an einer Gedenkfeier für ertrunkene Flüchtlinge teilgenommen. Politiker, Kirchenvertreter und Flüchtlingsexperten waren eine Woche lang in Italien und Griechenland unterwegs, um sich über die dortige Asylpolitik zu informieren. Karin Asboe von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe schildert im Gespräch ihre Eindrücke aus Griechenland.

Karin Asboe

Karin Asboe

Auf der Reise haben Sie insbesondere die Flüchtlingssituation in Griechenland beobachten können. Sie waren auf der griechischen Insel Lesbos und in Athen unterwegs. Welche Bilder sind hängen geblieben?

Ich bringe ganz widersprüchliche Bilder mit. Einerseits konnte ich von meinem Hotelzimmer aus ein wunderbares Hafen-Panorama bestaunen und fühlte mich wie eine Touristin auf einer Urlaubsreise. Andererseits habe ich beobachtet, wie die Flüchtlinge am Hafen auf dem nackten Boden schlafen und ihr Baby auf einer Bank wickeln. Beide Welten existieren still nebeneinander.

In Griechenland hat sich die Zahl der Flüchtlinge von 2014 zu 2015 versechsfacht. Wie geht man auf der Insel Lesbos mit den Geflüchteten um?

Die Zustände sind tatsächlich erschreckend. Die Insel Lesbos ist neben der Insel Kos die griechische Region, in der die meisten Flüchtlinge ankommen, nämlich täglich rund 350 Menschen. Wenn sie im Norden der Insel mit ihren Booten ankommen, müssen sie sich auf den Weg in das 50 Kilometer entfernte Auffanglager machen. Und zwar zu Fuß, denn nach griechischen Gesetzen ist es verboten, Flüchtlinge per Taxi, Bus oder in Privatautos mitzunehmen.

Flüchtlinge am Hafen angekommen

Das Auffanglager in Moria besteht aus Containern mit Doppelbetten, die von einem riesigen Stacheldrahtzaum umgeben und wie ein Gefängnis abgeriegelt sind. 500 Flüchtlinge sind dort untergebracht. Weil das bei weitem nicht reicht, campieren auf dem Gelände davor 1.200 weitere Geflüchtete. Die Behörden sind völlig überfordert mit der Situation.

Wie reagiert die Bevölkerung auf die vielen Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer kommen?

Wir sind auf großes Verständnis für die Flüchtlinge gestoßen, von denen gut 90 Prozent aus Syrien, Irak, Eritrea und Afghanistan kommen. Viele Griechen wollen ihnen helfen, fühlen sich aber alleine gelassen. Denn es fehlt an Geld und Personal. Die Sparauflagen der Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Union erschweren die Situation noch. So darf der öffentliche Dienst keine Neueinstellungen vornehmen, etwa für Sozialarbeiter, Küstenwache oder medizinisches Personal.

Was erwarten die Griechen in dieser Situation von Deutschland?

Hier wird viel über den Flüchtlingsansturm in Italien berichtet, aber Griechenland, das einen Hauptfluchtweg nach Europa darstellt, dabei kaum erwähnt. Die Griechen möchten, dass dies in Deutschland und Europa endlich berücksichtigt wird, wenn man über ihre desolate Wirtschaftslage diskutiert. In Griechenland fühlt man sich völlig alleine gelassen und wünscht sich mehr finanzielle Unterstützung, aber auch Hilfe im Hinblick auf Sozialarbeiter und Flüchtlingsexperten. Es gibt zwar kirchliches Engagement und Organisationen wie die UNHCR, „Ärzte ohne Grenzen“ und das Rote Kreuz, die Mitarbeiter vor Ort haben, aber es sind viel zu wenige.

Teilnehmende an der Reise nach Griechenland an einem Tisch

Sich in Europa auf eine Flüchtlingspolitik zu einigen, ist nach wie vor schwierig. Welche Rolle könnten dabei die Kirchen übernehmen?

Alle Teilnehmer dieser Reise, ob sie nun schwerpunktmäßig in Italien oder in Griechenland unterwegs waren wie ich, sind sich darin einig, dass wir auf eine andere Flüchtlingspolitik drängen sollten. Wir müssen die Flüchtlinge schützen, nicht die Grenzen. Die Aufhebung der Dublin III-Verordnung ist zwingend nötig. Die Staaten an den Außengrenzen Europas müssen bei der Aufnahme der Flüchtlinge unterstützt werden. Dafür wollen sich die Kirchen auf politischer europäischer Ebene einsetzen.

Wie geht es nun weiter nach dieser Reise? Die Erkenntnisse, so heißt es, sollten in die kirchliche Arbeit mit Asylsuchenden einfließen. Wie und wo kann das zum Beispiel geschehen?

Was die praktische Arbeit vor Ort anbelangt, so können wir bei Kirche und Diakonie mit gutem Beispiel vorangehen und unser europaweites Netzwerk an Partnerschaften nutzen. Viele Kirchengemeinden haben Partnerkirchengemeinden, die sie in ihrer Flüchtlingsarbeit mit Geld und Beratung unterstützen können. Das wollen und müssen wir ausbauen und gleichzeitig die Diskussion über die europäische Flüchtlingspolitik vorantreiben.

Als Flüchtlingsexpertin der Diakonie RWL hat Karin Asboe an der Informationsreise teilgenommen, die von der rheinischen und westfälischen Kirche organisiert wurde. Die Gruppe von 20 Kirchenvertretern und Landtagsabgeordneten war vergangene Woche auf den italienischen Mittelmeerinseln Sizilien und Lampedusa sowie auf der griechischen Insel Lesbos und in den Hauptstädten Rom und Athen unterwegs. Sie sprachen dort mit Abgeordneten, Regierungsvertretern, Hilfsorganisationen und kirchlichen Fachleuten.

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Bewerten Sie diesen Artikel als Erster