24. November 2015

Flüchtlinge auf Lesbos

"Täglich ertrinken Menschen – und die Welt schaut zu"

Auf der griechischen Insel Lesbos herrscht seit Monaten der Ausnahmezustand: Bis November kamen rund 650.000 Flüchtlinge. Auch von den Herbststürmen lassen sie sich nicht abschrecken. Zahlreiche Menschen ertrinken. Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki organisiert Hilfseinsätze auf der Insel und ist regelmäßig vor Ort. „Es fehlt der internationale politische Wille, Lesbos nachhaltig zu unterstützen“, sagt die Griechin im Gespräch.

Ioanna Zacharaki

Ioanna Zacharaki

Der Winter steht für der Tür. Was bedeutet das für die Flüchtlingssituation auf Lesbos?

Der Oberbürgermeister hat neulich gesagt, auf den Friedhöfen der griechischen Insel sei kein Platz mehr, um alle ertrunkenen Flüchtlinge zu bestatten. Nahezu täglich werden Leichen angeschwemmt, denn trotz des zunehmend stürmischen Wetters drängen die Schlepperbanden Flüchtlinge, in Schlauchbooten über das Meer zu fahren. Viele werden abgetrieben und erreichen die Küste nicht. Die Fischer und Wachleute an den Stränden versuchen ihnen zu helfen, aber es gelingt nicht immer. Schon jetzt sind die Helfer und Bewohner der Insel mit der Situation überfordert und fürchten, dass es mit der zunehmenden Kälte und den Stürmen im Winter noch schlimmer wird.

Werden die Flüchtlinge denn inzwischen besser versorgt, wenn sie es an den Strand geschafft haben? Nach Ihrer ersten Reise hatten Sie ja kritisiert, dass es keine internationalen Hilfsorganisationen auf Lesbos gibt, die – wie sonst in Katastrophenfällen – Nothilfe leisten.

Das hat sich tatsächlich nach all den Berichten in den internationalen Medien verbessert. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, die UNHCR, ist jetzt auf Lesbos und hat mehr Zelte aufgestellt. Aber sie reichen nicht. Nach wie vor campieren die Flüchtlinge an den Häfen und in den Parks. Die Versorgung der Menschen geschieht zum größten Teil durch ehrenamtliche Helfer, die mittlerweile aus aller Welt kommen. Mindestens 15 verschiedene Hilfsorganisationen und Initiativen waren vor Ort, als ich Ende Oktober mit einer Gruppe von Helfern auf Lesbos gewesen bin. Eigentlich sollte die Hilfe von der UNHCR koordiniert werden, aber das passiert nicht wirklich. Woran es hakt, kann ich nicht genau sagen. Aber es fehlt nach wie vor der politische Wille für eine nachhaltige internationale Lösung.

Flüchtlinge auf der Straße

Leben auf der Straße: Es gibt nicht genügend Flüchtlingsheime auf Lesbos

Mittlerweile ist auf Drängen der Europäischen Union ein sogenannter Hotspot eingerichtet worden, im Flüchtlingslager Moria. Verbessert das die Situation?

Dieser Hotspot, an dem alle Flüchtlinge registriert werden, ist für 700 Menschen ausgelegt. Es kommen aber täglich Tausende. Auf unsere Initiative hin hat sich zumindest das Transportsystem verbessert. Die Flüchtlinge müssen nicht mehr kilometerweit laufen, sondern werden nun mit Bussen dorthin gefahren. Die Kosten übernimmt der UNHCR wie auch andere Förderer. Wir plädieren allerdings dafür, mehrere Hotspots einzurichten, denn die Menschen stehen in Moria tagelang im Regen und in der Kälte, um sich registrieren zu lassen. Das ist einfach unmenschlich.

Sie hatten auf Ihrer ersten Reise im Sommer über 115.000 Euro an Spendengeldern im Gepäck. Wofür wurde das Geld bislang ausgegeben?

Mittlerweile haben wir 127.000 Euro zur Verfügung, die aus privaten Spenden, einer Spende der Keppler-Stiftung und von der UNO-Flüchtlingshilfe in Bonn stammen. Mit dem Geld haben wir im Wesentlichen Essenspakete für die Flüchtlinge bezahlt und unsere Unterkunft für Flüchtlinge, genannt PIKPA, finanziert. Sie ist vor allem für kranke und behinderte Menschen gedacht. Wir haben die Heizung und das Abwassersystem reparieren lassen sowie Rollstühle gekauft. In der Unterkunft, die von Ehrenamtlichen betrieben wird, arbeiten die freiwilligen Helfer in Teams zusammen. Ein Team kocht den ganzen Tag und beliefert auch andere Unterkünfte mit Essen. Ein anderes Team sortiert gespendete Kleidung, die dann ebenfalls über die Insel verteilt wird.

Ioanna Zacharaki mit Flüchtlingen und Helfern

Ioanna Zacharaki mit Flüchtlingen und Helfern

Der Winter ist ja traditionell die Zeit, in der deutlich weniger Menschen die griechischen Inseln besuchen als im Sommer. Verlassen jetzt mehr und mehr Helfer Lesbos?

Es gibt die Angst, dass in den Wintermonaten zu wenige freiwillige Helfer vor Ort sind. Aber die teile ich nicht. Es ist eher ein ständiges Kommen und Gehen. Mich erreichen viele Mails von Menschen, die gerne helfen wollen und dafür auch im Winter bereit sind, nach Lesbos zu fliegen und dort zum Beispiel ihre Weihnachtsferien zu verbringen.

Es herrscht große Uneinigkeit zwischen den europäischen Staaten, wie man mit den Flüchtlingsströmen umgehen sollte. Während ein Gipfel nach dem anderen abgehalten wird, verschlimmert sich die Lage an den EU-Außengrenzen. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich daran bald etwas ändert?

Nein, diese Hoffnung habe ich leider nicht mehr. Europa schottet sich schon seit Jahren ab. Ich befürchte, dass diese Politik nach den Terroranschlägen von Paris nun gar nicht mehr in Frage gestellt wird. Wir haben eine sehr große Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft. Tausende von Europäern kümmern sich um die vielen Flüchtlinge und versuchen, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen. Die EU-Regierungen dagegen halten weitgehend an ihrer bisherigen Flüchtlingspolitik der Abschottung fest. Für die Fluchtursachen - Krieg, Vertreibung und Umweltzerstörung - sind die westlichen Staaten doch mitverantwortlich! Auf politischer Ebene müssen nachhaltige Lösungen gefunden werden, aber da tut sich fast nichts.

Wie fühlen sich die Griechen auf Lesbos in dieser Situation?

Alle Fischer der Insel können die Situation nicht mehr ertragen. Sie wollen fischen und finden Leichen. Sie verstehen nicht, dass man sich in Europa nicht auf legale Wege der Zuwanderung einigen kann und stattdessen das tägliche Sterben im Mittelmeer in Kauf nimmt. Bei den rund 80.000 Bewohnern von Lesbos, aber auch vielen freiwilligen Helfern aus dem Ausland dominiert inzwischen ein Gefühl der Ohnmacht. Man fühlt sich total allein gelassen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Spendenkonten:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort. „Lesvos“
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Stichwort „Lesvos“
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank
IBAN DE 31 3506 0190 1014 1550 11

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Bewerten Sie diesen Artikel als Erster