24. März 2016

Flüchtlingshilfe auf Lesbos

Militär führt Flüchtlinge wie Verbrecher ab

Auf der Insel Lesbos setzt das griechische Militär mit Härte den europäisch-türkischen Flüchtlingspakt um, der seit Sonntag gilt. Sie räumt die Flüchtlingslager und bringt die Geflüchteten aufs Festland. Von dort werden sie zurück in die Türkei geführt. Große Hilfswerke schränken ihre Einsätze aus Protest ein. Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki ist vor Ort und beobachtet verzweifelte Szenen.

Zwei Polizisten stehen vor dem Stacheldraht des Hotspots Moria

Wirkt wie ein Gefängnis: der Hotspot Moria

Helfer und Flüchtlinge sind entsetzt über das rigide Vorgehen der Behörden auf Lesbos. Aus Protest haben sowohl das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR als auch "Ärzte ohne Grenzen" den Hotspot Moria, in dem ankommende Flüchtlinge registriert wurden, verlassen. Wie erleben Sie die Situation vor Ort?

Seit Sonntag hat sich die Lage auf der Insel deutlich zugespitzt. Der Hotspot in Moria, wo die Erstaufnahme auf EU-Territorium stattfand, wurde leer geräumt. Alle neu ankommenden Flüchtlinge werden dort untergebracht. Die mit Stacheldraht gesicherte Unterkunft sieht wie ein Gefängnis aus, das die Flüchtlinge nicht mehr auf eigenen Wunsch verlassen können. Hilfsorganisationen dürften nicht mehr dort hin, um Essen oder Kleidung auszuteilen. Es gibt zu wenig Betten und zu wenig Essen für die Flüchtlinge, auch keine medizinische Hilfe. Sie werden menschenunwürdig behandelt. Deshalb weigern sich das UNHCR-Hilfswerk und die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" ja auch, wie bisher die Transporte der Flüchtlinge von der Küste zum Hotspot zu übernehmen. Sie wollen nicht für Massenabschiebungen instrumentalisiert werden.

Zwei Flüchtlingskinder halten ein Plakat hinter Stacheldraht hoch

Protest der Flüchtlinge

Wie viele Flüchtlinge befinden sich überhaupt noch auf der Insel?

Das können wir gar nicht mehr genau sagen. Alle Flüchtlinge, die an den Küsten und Häfen ankommen, werden von Mitarbeitern der EU-Grenzschutzorganisation Frontex abgefangen und direkt in den Hotspot nach Moria gefahren. Rund 4.000 Flüchtlinge, die bis Sonntag dort waren, sind bereits zum Festland gebracht worden. Zwischen Sonntag- und Montagmorgen kamen 1.662 Flüchtlinge hier an. Jetzt sollen es nur noch einige Hundert sein. Es hat sich herumgesprochen, dass Lesbos stark überwacht wird. Daher versuchen die ersten Flüchtlinge bereits, über andere griechische Inseln nach Europa zu gelangen.

Wo werden die Flüchtlinge von Lesbos aus hingebracht?

Da haben wir ganz unterschiedliche Informationen. Einige Organisationen berichten, dass die Menschen innerhalb von 24 Stunden per Fähre in die Hafenstadt Kavala aufs griechische Festland gebracht werden. Von dort geht es für diejenigen, deren Asylantrag nicht stattgegeben wird, zurück in die Türkei. Andere sagen, alle werden direkt in die Türkei gebracht, denn nur dort könnten jetzt Asylanträge gestellt werden. Es gibt keine Transparenz mehr. Die Helfer erhalten keine Informationen, die sie an die Flüchtlinge weitergeben könnten.

Ioanna Zacharaki steht zwischen vier pakistanischen Männern

Ioanna Zacharaki (Mitte) verabschiedet sich von pakistanischen Flüchtlingen

Gibt es unter den Flüchtlingen auch Widerstand gegen das Vorgehen des Militärs?

Ich habe dies bislang noch nicht beobachtet. Es soll Demonstrationen im Hotspot Moria gegeben haben. Von dort, so berichten Augenzeugen, werden Flüchtlinge in Handschellen wie Verbrecher abgeführt und mit Bussen direkt in die Fähren gefahren, damit die Bevölkerung dies nicht sieht. Trotzdem spielen sich auch vor unseren Augen verzweifelte Szenen ab. Wir sehen Menschen im Hafen, die weinen und geschockt sind. In den Flüchtlingsunterkünften haben sich viele junge Männer aus Pakistan weinend von ihren Helfern verabschiedet und freiwillig am Hotspot Moria gemeldet, weil sie keinen Ausweg mehr sehen. Sie werden auf jeden Fall abgeschoben.

Wie reagiert die griechische Bevölkerung auf die plötzliche Räumung der Lager?

Sie haben das Gefühl, dass jetzt alles auf der Insel aus den Fugen gerät. Man hat hier ja intensiv mit vielen internationalen Helfern daran gearbeitet, Unterkünfte zu schaffen und die Flüchtlinge, die hier in Schlauchbooten ankommen, zu retten. Für rund 9.000 Menschen gab es in den Unterkünften Platz, kaum jemand musste noch auf der Straße schlafen. Die Versorgung der Flüchtlinge ist sehr viel besser organisiert. Sie fühlten sich auf der Insel in Sicherheit. Mit dem europäisch-türkischen Flüchtlingsabkommen ist all das vorbei. Jetzt regiert die EU-Grenzschutzorganisation Frontex auf der Insel.

Zwei Flüchtlinge vor Zeltlager

Zeltlager in Mytilini

In der Unterkunft PIKPA, die Sie unterstützen und in die viele Spenden aus Diakonie und Kirche geflossen sind, leben vor allem kranke und behinderte Menschen. Sind sie genauso von der Abschiebung betroffen?

Das ist zu befürchten. Wir haben derzeit rund 80 Menschen in unserer Unterkunft. Alle haben große Angst davor, plötzlich von der Polizei abgeholt zu werden. Die meisten möchten nicht zurück. Sie haben so viel Geld an die Schlepper bezahlt. Sie wollen lieber auf Lesbos oder in Griechenland bleiben. Als Helfer versuchen wir natürlich, moralischen Beistand zu leisten. Diese Abschottungspolitik der Europäischen Union ist menschenunwürdig! Und sie wird letztlich auch nicht erfolgreich sein.

Wie geht es jetzt weiter für die vielen freiwilligen Helfer auf Lesbos? Werden sie überhaupt noch gebraucht?

Es gibt ja noch Unterkünfte, aus denen Flüchtlinge noch nicht abgeschoben wurden. Dazu gehört PIKPA, aber zum Bespiel auch ein Zeltlager in Mytilini, in dem rund 200 Flüchtlinge von einer autonomen Gruppe von Helfern versorgt werden, die keiner Organisation angehören. Wir verpflegen die Menschen weiterhin mit Nahrungsmitteln. Wir versuchen, die Flüchtlinge zu trösten und darauf zu achten, dass es nicht zu schlimmeren Menschenrechtsverletzungen kommt.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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