16. März 2016

Flüchtlingshilfe auf Lesbos

"Die Griechen beweisen Menschlichkeit"

Europa schottet sich ab. Während die EU mit der Türkei über einen Flüchtlingstausch verhandelt, sitzen Tausende Geflüchtete in Griechenland fest. Trotz des Nato-Einsatzes in der Ägäis kommen tägliche neue Flüchtlinge auf Lesbos an. Diakonie RWL-Referentin Ioanna Zacharaki, selbst Griechin, organisiert Hilfseinsätze auf der Insel. In den Osterferien ist sie wieder dort.

Portrait

Ioanna Zacharaki

Auf dem aktuellen EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag steht ein Abkommen mit der Türkei im Fokus, das den unkontrollierten Flüchtlingszustrom nach Europa beenden soll. Wie stehen die Griechen dazu?

Sie haben die Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit der Europäischen Union mit der Türkei in der Flüchtlingspolitik längst verloren. Niemand glaubt mehr daran, dass die EU tatsächlich eine geregelte Zuwanderung hinbekommt. Es herrscht eine Stimmung der Resignation. Vor allem fragen sich viele, wo in diesen Verhandlungen Menschenrechte und Menschlichkeit bleiben. Die Griechen haben das Elend der Geflüchteten direkt vor Augen. Die meisten sehen keine Lösung darin, Asylsuchende so schnell wie möglich in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken und sie dort ihrem Schicksal zu überlassen. Sie möchten eine menschenwürdige Lösung.

Im Herbst 2015 herrschte eine Art Ausnahmezustand auf Lesbos. Jeden Tag kamen Tausende Flüchtlinge an, viele ertranken vor der Küste. Wie ist die Situation auf der Insel derzeit?

Sie hat sich zwar etwas entspannt, aber viele Flüchtlinge fürchten, dass sie keine Chance mehr auf Asyl in Europa haben, wenn das Abkommen mit der Türkei geschlossen wird. Daher kommen seit einigen Wochen wieder täglich rund tausend Geflüchtete auf Lesbos an. Für 9.000 Menschen gibt es auf der Insel in den Flüchtlingsunterkünften Plätze. Derzeit kampiert offenbar niemand mehr auf der Straße, wie ich es im vergangenen Herbst erlebt habe. Auch die Zahl der Todesopfer ist zum Glück deutlich zurückgegangen. Allerdings versucht die Regierung, die Menschen von der Weiterreise aufs Festland abzuhalten, wo sich derzeit die Flüchtlinge an der Grenze stauen. Das bedeutet, es kann auch auf Lesbos wieder eng werden.

Luftaufnahme des Peacezeichens aus Schwimmwesten

Symbol der Hilfsbereitschaft: Peacezeichen aus Schwimmwesten (Foto: lesvosnews.net)

Im Moment blicken alle auf Idomeni, das an der Grenze zu Mazedonien liegt. Deutsche Politiker fordern Griechenland auf, menschenwürdige Unterkünfte zu schaffen. Können die Nordgriechen hier von Lesbos lernen?

Tatsächlich haben wir in Idomeni die Zustände, die ich im Sommer auf Lesbos erlebte. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der dort hilft, hat mir gerade geschrieben, wie unwürdig die Unterbringung der allermeisten Menschen ist. Es gibt zu wenig Großraumzelte. Viele Menschen schlafen draußen eingerollt in dünne Decken – und das bei minus fünf Grad in der Nacht! Es ist keinesfalls so, dass den Griechen diese Zustände gleichgültig wären. Ich höre immer wieder, dass sie den Geflüchteten sogar anbieten, sie mit zu sich nach Hause zu nehmen, damit sie ein Dach über dem Kopf haben. Aber die Flüchtlinge wollen an der Grenze ausharren – in der Hoffnung, dass sie es schaffen, bei einer Öffnung sofort hinüberzugehen.

Wir brauchen also "menschenwürdige Unterkünfte" direkt an der Grenze, und dafür benötigen die Griechen mehr internationale Hilfe. Auf Lesbos hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, die UNHCR, seit dem Herbst deutlich mehr Zelte aufgestellt und die Hilfe besser koordiniert. Das wäre dort auch nötig.

Plakat der Diakonie auf Lesbos

Unter all den internationalen freiwilligen Helfern sofort erkennbar: die Diakonie (Foto: privat/Syniparxi)

Wie werden Sie die Griechen auf Lesbos in der Flüchtlingshilfe unterstützen, wenn Sie jetzt zwei Wochen lang dort sind?

Ich werde wieder Essenspakete für die Flüchtlinge verteilen und in der Unterkunft, mit der wir zusammenarbeiten, helfen. PIKPA ist aus Spendengeldern, einer Spende der Keppler-Stiftung und mit Mitteln der UNO-Flüchtlingshilfe in Bonn unterstützt worden. Diese Flüchtlingseinrichtung richtet sich vor allem an kranke und behinderte Menschen. Mittlerweile haben wir für unsere Arbeit auf Lesbos insgesamt 160.000 Euro erhalten, 30.000 Euro sind seit Beginn des Jahres dazugekommen. Diesmal habe ich vor allem Medikamente mit im Gepäck. Einen Teil werde ich aber auf meinem Zwischenstopp in Thessaloniki Helfern übergeben, die sich in Idomeni engagieren.

Medien prophezeien Lesbos für den Sommer 2016 einen Buchungsrückgang von 90 Prozent. Haben die Bewohner von Lesbos große Angst davor, dass der Tourismus einbricht?

Ja, das haben sie. Viele Menschen in Europa – und offenbar auch in Deutschland, das zeigen die jüngsten Landtagswahlen mit dem erschreckend guten Abschneiden der AfD - möchten keine Flüchtlinge aufnehmen. Im Urlaub wollen sie erst recht nicht mit ihnen konfrontiert sein. Die Insel lebt derzeit von den vielen freiwilligen Helfern, die aus aller Welt nach Lesbos kommen und dort Unterkünfte buchen, Restaurants besuchen, die örtliche Wirtschaft bewusst unterstützen. Ohne diese Menschen wäre die Bevölkerung auf Lesbos noch viel ärmer, als sie ohnehin schon ist.

Eine ältere Frau gibt einer Flüchtlingsfamilie am Wegesrand Essen

Spontane Hilfe für Flüchtlinge am Wegesrand (Foto: Embros)

Befürchten Sie nicht, dass es auch in Griechenland einen deutlichen Rechtsruck geben könnte und die große Hilfsbereitschaft unter der Bevölkerung nachlässt?

Natürlich versucht die rechtsextreme Partei "Die Morgenröte" schon länger, Stimmung gegen die Flüchtlinge zu machen. Aber viele Griechen lassen sich nicht davon abhalten, den Geflüchteten zu helfen. Alleine auf Lesbos, einer Insel mit 86.000 Einwohnern, wurden seit dem Herbst 2015 rund 700.000 Flüchtlinge versorgt. Das sind Dimensionen, die kein anderes europäisches Land kennt. Dabei sind viele Europäer deutlich wohlhabender. Doch die Griechen beweisen eine Menschlichkeit, die ich mir für ganz Europa gewünscht hätte.

Spendenkonten:

Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises Solingen
Stichwort "Lesvos"
Stadtsparkasse Solingen
IBAN: DE 45 3425 0000 0000 028803

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Stichwort "Lesvos"
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank
IBAN DE 31 3506 0190 1014 1550 11

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Bewerten Sie diesen Artikel als Erster