19. Juni 2015

Junge unbegleitete Flüchtlinge und Schule

„Das Recht auf Bildung ernst nehmen“

Zum Welttag des Flüchtlings am 20. Juni macht die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe auf Schwierigkeiten bei der Integration unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ins deutsche Schulsystem aufmerksam. Laut einer aktuellen Umfrage unter 82 diakonischen Mitgliedseinrichtungen der Diakonie RWL wurden rund zehn Prozent der betreuten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zum Zeitpunkt der Befragung Ende Dezember 2014 nicht beschult.

Foto: www.pixelio.de/Dieter Schütz

Zum Teil warteten die jungen Menschen mehrere Monate, bis eine geeignete Schule für sie gefunden wird, kritisiert der Vorstand der Diakonie RWL, Christian Heine-Göttelmann. „Das widerspricht dem Recht auf Bildung und Integration.“ In diakonischen Einrichtungen wurden Ende 2014 durch die Erziehungshilfe rund 600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut. Die jungen Flüchtlinge leben in Clearinghäusern, Wohngruppen oder eigenen Wohnungen.

Zu lange in Förderklassen separiert

Im Gegensatz zu erwachsenen Flüchtlingen werden die Kinder und Jugendlichen, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, nicht in Flüchtlingsheimen untergebracht, sondern von den örtlichen Jugendämtern in Obhut genommen. Sie haben Anspruch auf Leistungen der Jugendhilfe. Dazu gehören eine sichere Unterkunft, pädagogische Betreuung mit der Vermittlung schulischer und beruflicher Perspektiven, medizinische Versorgung und psychologische Unterstützung. Bundesweit werden derzeit rund 18.000 jugendliche Flüchtlinge betreut.

Sie müssen nach Ansicht der Diakonie RWL schnellstmöglich zur Schule gehen, um Deutsch zu lernen, Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden und nach den teils traumatischen Erfahrungen auf ihrer Flucht wieder einen geregelten Alltag zu erleben. Meist werden sie, je nach Kommune und Bundesland, in internationalen Förderklassen oder im Rahmen einer inklusiven Beschulung in einer Regelklasse unterrichtet. „Diese Separierung dauert leider oft zu lange“, beobachtet Erziehungshilfereferentin Nicole Knuth.

Die Expertin kritisiert, dass es häufig an Konzepten für den Übergang in Regelklassen fehlt. Dieser Übergang muss ihrer Ansicht nach durch eine frühzeitige und kontinuierliche Zusammenarbeit vorbereitet werden. Möglichst zeitnah sollten die jungen Flüchtlinge gemeinsam mit deutschen Klassenkameraden unterrichtet werden.

Zusätzliche Sprachförderung und längere Schulzeit

In der aktuellen Umfrage sprachen sich viele diakonische Einrichtungen für eine zusätzliche Sprachförderung in den Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe aus, in denen die jungen Flüchtlinge leben. Gerade diese Angebote für den alltagspraktischen Gebrauch der Sprache hätten sich als hilfreich herausgestellt, hieß es. Die Diakonie RWL sieht für die Finanzierung dieser zusätzlichen Sprachförderung die Landesregierungen in der Pflicht.

Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind der Umfrage zufolge sehr interessiert daran, in Deutschland einen Schulabschluss zu machen. Allerdings endet die Schulpflicht mit 18 Jahren, so dass volljährige jugendliche Flüchtlinge häufig nicht mehr in weiterführende Bildungsangebote vermittelt werden können. „Wir brauchen eine Initiative wie in Bayern, wo zahlreiche staatliche Berufsschulen Flüchtlingen bis zum Alter von 25 Jahren die Möglichkeit geben, ihre Schulabschlüsse nachzuholen“, fordert Knuth.

Da laut Umfrage der Diakonie RWL rund 70 Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge an Berufskollegs beschult werden, würde der Großteil von dieser Regelung profitieren.

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