4. November 2015

Neuverteilung unbegleiteter Flüchtlingskinder

Jugendhilfe als Wegbereiter der Integration

Seit dem 1. November werden minderjährige Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland einreisen, über ganz Deutschland verteilt. Das neue Gesetz soll die wenigen Jugendämter, die die jungen Flüchtlinge bisher in Obhut genommen haben, entlasten. Mit Hochdruck wird derzeit in NRW die Verteilung auf alle 186 Jugendämter vorbereitet. Welche Herausforderung damit für die Jugendhilfe verbunden ist, war Thema einer Fachtagung in der Diakonie RWL.

Ein Mensch ganz alleine auf nasser Strasse

Alleine und verloren? - Damit das nicht passiert, sorgt die Jugendhilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Seit 35 Jahren ist Dieter Göbel in der Jugendhilfe tätig. Doch was sich derzeit bei den Jugendämtern in Dortmund Köln oder Bielefeld abspielt, hat er noch nicht erlebt. „Wir sind im Krisenmodus“, erklärte der Fachbereichsleiter Jugend im Landesjugendamt Rheinland auf der Tagung. „85 Prozent der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge werden in sieben Kommunen in NRW betreut. Das Kindeswohl entscheidet sich hier nur noch an einem einzigen Punkt: Obdachlosigkeit oder Unterbringung in einer Turnhalle.“ Insofern sei das neue Gesetz zur Umverteilung allein reisender minderjähriger Flüchtlinge eine schiere Notwendigkeit.

Standards der Jugendhilfe nicht aufgeben

Dass eine Entlastung der betroffenen Jugendämter und der dortigen Träger der Jugendhilfe dringend geboten ist, war allen rund 100 Teilnehmenden der Fachtagung klar. Unter dem Titel „Flüchtlinge – neue Herausforderungen für die Hilfen zur Erziehung?!“ hatte die Diakonie RWL am Dienstag dazu nach Düsseldorf eingeladen. Die Fach- und Leitungskräfte beschäftigte aber auch die Frage, wie das neue Gesetz so umgesetzt werden kann, dass Standards der Jugendhilfe nicht lang- und mittelfristig unterlaufen werden. Minderjährige Jugendliche in Turnhallen oder Hotels unterzubringen, ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne ausreichende sozialpädagogische Betreuung – das dürfe so nicht weitergehen, mahnte Göbel. „Vereinzelt höre ich schon, dass es ja eigentlich gut klappt, wenn vier unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sich ein Zimmer teilen.“

Für das Jahr 2015 rechnen die Behörden bundesweit mit bis zu 40.000 jungen Flüchtlingen, die nach dem sogenannten Königssteiner Schlüssel auf alle Bundesländer verteilt werden. In diesem Jahr kamen bisher rund 7.400 nach NRW. Sie sollen aber nicht auf andere Kommunen umverteilt werden, weil sie schon über soziale Kontakte verfügen. Neuankömmlinge dagegen werden nun nach einem bestimmten Schlüssel, der sich an der Einwohnerzahl orientiert, in allen 186 Jugendamtsbezirken untergebracht. Die Landesregierung beteiligt sich mit einer Pauschale in Höhe von 3.100 Euro pro Jahr und Flüchtling an den Verwaltungskosten der Jugendämter. Insgesamt rechnet das Ministerium mit jährlichen Ausgaben von rund 25.000 Euro pro unbegleitetem minderjährigem Flüchtling.

Verteilungsgesetz mit viel Konfliktpotenzial

Jan Christoph Lamontain vom Familienministerium NRW kündigte die Einrichtung der „Landesstelle für die Verteilung unbegleiteter ausländischer Minderjähriger in NRW“ an, die im Landesjugendamt Rheinland angesiedelt sein wird. Neben der jeweiligen Aufnahmequote der einzelnen Jugendämter soll diese Landesstelle bei der Verteilung der jungen, allein reisenden Flüchtlinge unter anderem berücksichtigen, welche pädagogische Begleitung die Kinder und Jugendlichen benötigen und welche gesundheitlichen Bedürfnisse und sonstigen Bedarfe sie haben. Die Verteilung wird am Anfang nicht ohne Reibung ablaufen“, so der Referent. „Deshalb ist eine gute Kommunikation aller Akteure immens wichtig.“

Thomas Bertold vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in Berlin kritisierte, dass das gesamte Verteilverfahren nur aus der Perspektive der Politik, nicht aber der jungen Flüchtlinge selbst gestaltet worden sei. „Die Verwaltungen werden Sie in den Griff bekommen, aber die Jugendlichen selbst nehmen Sie nicht mit.“ Viele Jugendliche wollten nicht in ländliche Regionen gehen, so Bertold. „Und ich kann es verstehen, denn dort gibt es in der Tat weniger Sozialarbeiter und Ausbildungsplätze.“

Ohne weiteres pädagogisches Personal sei diese Mammutaufgabe nicht zu stemmen, darin waren sich alle Experten und Teilnehmer der Tagung einig. Rund 800 Fachkräfte würden künftig in der Jugendhilfe in NRW benötigt, hieß es. Sie sollen sich allerdings nicht nur um die unbegleiteten Flüchtlingskinder kümmern. „Diese Gruppe bestimmt die öffentliche Diskussion, sie macht aber nur rund drei Prozent der Kinder und Jugendlichen aus“, erklärte Berthold. Insgesamt sei mit rund 300.000 Flüchtlingskindern für 2015 zu rechnen. „Für diese Kinder, die mit ihren Eltern gekommen sind, fehlen Beratungsangebote.“

Michael Walde, Vorsitzender des Fachverbands für Erzieherische Hilfen der Diakonie RWL, plädierte dafür, die pädagogischen Begleitung der Jugendhilfe nicht mit dem 18. Lebensjahr enden zu lassen. Flüchtlingskinder benötigten häufig mehr Zeit, um ins deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem integriert zu werden, so Walde.

Hohe Erwartungen der Herkunftsfamilien

Wie anspruchsvoll die Begleitung der jungen Menschen sein kann, machten Uwe Kelle und Jochen Kriegeskorte von der Diakonie Münster deutlich. „Die große Herausforderung ist es, dass wir zu den Familien keinen Kontakt haben, die Herkunftsfamilie aber unglaublich wichtig für die jugendlichen Flüchtlinge ist und sie mit einem klaren Auftrag nach Deutschland geschickt hat: hier einen guten Job zu finden“, berichtete Kelle.

Nach ihren Fluchterfahrungen seien viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sehr misstrauisch und ungeduldig. Es sei daher wichtig, Vertrauen aufzubauen und ihnen nach dem ständigen Unterwegssein Rückzugsorte zu geben, aber sie auch sofort in den Alltag einzubinden. Um die Sprachbarrieren zu überwinden, sei der sofortige Einsatz von Dolmetschern und Sprachkursen dringend notwendig. Doch die Flüchtlinge lernten in der Regel schnell und seien ambitioniert.

Dieter Göbel vom Landesjugendamt Rheinland konnte das nur bestätigen. „Ich habe inzwischen viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kennengelernt und kann nur sagen: Diese jungen Menschen sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.“

Nach ihren Fluchterfahrungen seien viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sehr misstrauisch und ungeduldig. Es sei daher wichtig, Vertrauen aufzubauen und ihnen nach dem ständigen Unterwegssein Rückzugsorte zu geben, aber sie auch sofort in den Alltag einzubinden. Um die Sprachbarrieren zu überwinden, sei der sofortige Einsatz von Dolmetschern und Sprachkursen dringend notwendig. Doch die Flüchtlinge lernten in der Regel schnell und seien ambitioniert.

Dieter Göbel vom Landesjugendamt Rheinland konnte das nur bestätigen. „Ich habe inzwischen viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kennengelernt und kann nur sagen: Diese jungen Menschen sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.“

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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