10. August 2015

Flüchtlingshilfe - Gute Beispiele

Hagener Kochprojekt - Verständnis geht durch den Magen

Vorurteile gegenüber Flüchtlingen gibt es viele. Das zeigen die jüngsten fremdenfeindliche Übergriffe auf Asylbewerberheime. In Hagen bringt das ehrenamtliche Projekt „Storyteller“ Flüchtlinge und Deutsche in der Diakonie Mark-Ruhr zusammen und wirbt jetzt mit einem Kochbuch für Verständnis.

Gemeinsames Kochen

Gemeinsames Kochen macht Spaß.

(Foto: Diakonie Mark-Ruhr)

Der Duft nach Lammfleisch zieht durch die Zuwanderungsberatung in der Diakonie Mark-Ruhr in Hagen. Lachen und das Geklapper von Töpfen ist zu hören, das Gemurmel deutscher Vokabeln und das Rattern einer Nähmaschine. Bei den Koch- und Erzählworkshops der Flüchtlingsfrauen geht es bunt zu. Drei Monate lang hat die sogenannte „Mittwochsgruppe“ der Diakonie ihre Türen für Deutsche geöffnet, gemeinsam mit Hagener Bürgern gekocht, gegessen und geredet. Die Lieblingsgerichte der Frauen und ihre Fluchtgeschichten sind nun in einem Kochbuch nachzulesen.

„Das gemeinsame Kochen und Essen hat mich an unsere Familienfeiern in Kabul erinnert“, erzählt die Afghanin Tahmina ein wenig wehmütig. „Als wir noch alle zusammen waren.“ Vor zwei Jahren hat sie Kabul mit ihrem Mann und zwei Kleinkindern verlassen. Mit dem Flugzeug ist die Familie nach Moskau geflohen, dann ging es zu Fuß weiter durch Wald und Berge. „Meine Mädchen hatten viel Angst und haben oft vor Erschöpfung geweint“, sagt die 24-jährige Asylbewerberin. Sie ist froh, nun in Deutschland zu sein, in Sicherheit. Einmal in der Woche besucht Tahmina die Frauenflüchtlingsgruppe der Diakonie, um Deutsch zu lernen und Freundschaften zu knüpfen.

Silke Pfeiffer (Mitte) präsentiert das Kochbuch mit Flüchtlingsfrauen.

(Foto: Diakonie Mark-Ruhr)

„Das gemeinsame Essen bringt Menschen schnell zueinander“

Durch die Koch- und Erzählworkshops hat sie nun auch Deutsche kennengelernt wie die Hagener Grafikerin Silke Pfeiffer. Sie hat das Projekt „Storyteller“ ins Leben gerufen. „Vorurteile können am besten durch persönliche Begegnungen abgebaut werden“, betont sie. „Über das Essen finden Menschen schnell zueinander, da werden Sprachschwierigkeiten leicht überwunden.“ Die Idee zu ihrem Projekt kam der Grafikerin, als sie von der Initiative einiger Berliner Studenten „Über den Tellerrand kochen“ hörte. Sie luden Asylbewerber in ihre Wohnheimküchen ein und riefen bundesweit zu ähnlichen Aktionen auf.

In Hagen, so meint Silke Pfeiffer, sei es aber gar nicht so einfach, Privatleute zu finden, die Flüchtlinge in ihre Küche bitten, und die Asylbewerber wiederum seien oft sehr schüchtern. „Es ist einfacher, Begegnungen im öffentlichen Raum zu ermöglichen.“ Also organsierte sie gemeinsam mit der Diakonie, der Caritas und der Volkshochschule die Koch- und Erzählworkshops, lud zu Ausflügen und Patenschaften ein. „Wir wollten eine Brücke zwischen den Asylbewerbern und den Bewohnern unserer Stadt bauen“, betont Silke Pfeiffer.

Das Storyteller-Kochbuch.

(Foto: Diakonie Mark-Ruhr)

Isolation und Einsamkeit überwinden

Mit der Veröffentlichung des Kochbuches hofft die Grafikerin, weitere Begegnungen anstoßen zu können. Denn die Flüchtlinge leben in ihrer neuen Heimat oft isoliert. „Ich bin hier ziemlich allein“, gibt die Afrikanerin Oumou zu, die Anfang 2014 aus Guinea nach Deutschland flüchtete. Zwei Kinder ließ sie zurück, ein weiteres war gerade unterwegs. Mit ihrem einjährigen Sohn lebt sie nun in einer kleinen Wohnung. „Den ganzen Tag alleine mit einem Baby in der Wohnung, das ist nicht einfach“, sagt sie. Im Storyteller-Kochbuch stellt sie ihr Lieblingsgericht, Reis mit Erdnuss Sauce, vor.

Auch die Syrerin Kaosara wünscht sich mehr Begegnungen mit den Menschen in der neuen Heimat, mehr Abwechslung in ihrem Leben. Vor zwei Jahren floh sie mit ihrem Mann und drei Kindern vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus Nordsyrien. „Viele Verwandte meines Mannes sind erschossen worden“, erzählt sie. Ihre Kinder fühlen sich inzwischen in Deutschland zu Hause. „Für meinen Mann und mich ist es schwerer“, sagt die 36-jährige Kurdin. „Wir lernen die Sprache nicht so schnell und haben hier noch keine Arbeit.“

Kaosaras syrische Lieblingsvorspeise sind gefüllte Weinblätter. Das Rezept für „Jabra“ hat sie im Kochbuch verraten. Die Kurdin kocht gerne, aber ihre eigentliche Leidenschaft ist das Nähen. Eine eigene Nähmaschine kann sie sich nicht leisten, doch die Diakonie hat eine. Und so näht sie, während die anderen Flüchtlingsfrauen kochen. Ihre bunten Schürzen und Taschen kamen bei den Koch- und Erzählworkshops so gut an, dass Kaosara mittlerweile einen eigenen Nähkurs gibt. Jeden Montag lädt sie in den Räumen der Diakonie dazu ein. „Der Kurs ist nicht nur für Frauen“, betont sie. „Auch Männer sind hier willkommen.“

Sabine Damaschke

Das „Storyteller“-Kochbuch kann gegen eine Spende von fünf Euro beim „Verein zur Förderung der Flüchtlingsarbeit Hagen“ (www.joulnet.de) ab 10 Stück per E-Mail bei Heinz Köhler (heinz.koehler@diakonie-online.org) bestellt werden. 

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