1. Oktober 2015

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Diakonie richtet mit Hochdruck neue Plätze ein

Sie sind alleine vor Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern geflohen oder haben unterwegs ihre Familien verloren – Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen daher besonderen Schutz. Ab November sollen sie gleichmäßig auf deutsche Kommunen verteilt werden. Jugendämter und Träger der Jugendhilfe bereiten sich mit Hochdruck darauf vor. Wie die Diakonie RWL sie dabei unterstützt, berichten Tanja Buck und Tim Rietzke.

jugendlicher Flüchtling auf einem Bett

 Abraham ist aus Eritrea ins Saarland geflüchtet.

In diesem Jahr sind mehr als doppelt so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen als noch 2014. Schätzungen gehen von bisher rund 10.000 Kindern und Jugendlichen aus, alleine in NRW sollen es rund 5.000 sein. Wie haben die Jugendämter darauf reagiert?

Tim Rietzke: Bereits seit dem Jahr 2005 sind Jugendämter verpflichtet, die minderjährigen Flüchtlinge in Obhut zu nehmen, d.h. nicht nur für Bett, Brot und Bekleidung zu sorgen, sondern sie sofort in Schule und Ausbildung zu bringen und ihnen einen Vormund zu vermitteln, der alle rechtlichen Angelegenheiten für sie regelt und ihnen entsprechend dem Kindeswohl ein gesundes Aufwachsen in Deutschland ermöglicht. Dies ist bislang in den Kommunen geschehen, in die die Jugendlichen entweder gezielt gekommen oder in denen sie gelandet sind, weil die Polizei sie in den Zügen von Österreich oder Frankreich aufgegriffen und dorthin gebracht hat. Das bedeutet, einige Städte in Deutschland haben viel Erfahrung in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, andere so gut wie gar nicht.

Ein neues Gesetz des Bundesfamilienministeriums ändert das jetzt. Es soll schon zum 1. November in Kraft treten, wie Ministerin Manuela Schwesig gerade bekannt gegeben hat. Was bedeutet das für die Jugendämter?

Tanja Buck: In NRW bedeutete es für die Jugendämter in Aachen, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln und Wuppertal eine Entlastung, denn bei ihnen kommen besonders viele junge Flüchtlinge an. Derzeit sind es jede Woche bis zu 50 Kinder und Jugendliche. Teilweise wissen die Jugendämter nicht mehr, wo sie sie noch unterbringen sollen. Sie haben schon Hotels angemietet und belegen Zimmer mehrfach. Jugendämter in anderen Kommunen haben dagegen nur wenig Erfahrung mit der Inobhutnahme. Einige bereiten sich schon seit einiger Zeit darauf vor, dass ihnen bald nach dem Verteilsystem des sogenannten Königssteiner Schlüssels unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zugewiesen werden. Andere haben sich noch gar nicht darum gekümmert und bisher erst mal abgewartet, weil das Gesetz ja erst zum Januar 2016 kommen sollte. Diese Kommunen geraten nun stark unter Druck.

Wie unterstützt die Diakonie jetzt die Jugendämter?

Tim Rietzke: Die Jugendämter vermitteln die jungen Flüchtlinge an Einrichtungen der Jugendhilfeträger. Bei uns im Bereich der Diakonie RWL sind es rund 140 Träger, die stationäre und teilstationäre Plätze für knapp 10.000 Kinder und Jugendliche anbieten. Kein anderer Wohlfahrtsverband hat so viele Plätze. Bisher konnten wir etwa 750 junge Flüchtlinge in unseren Einrichtungen, sowohl in den Notaufnahmen als auch auf regulären Plätzen, unterbringen. Die Träger arbeiten mit Hochdruck daran, weitere Plätze zu schaffen. In den Kommunen, in denen es bisher nur wenige oder gar keine unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge gab, sind unsere Einrichtungen an die Jugendämter herangetreten und haben ihre Unterstützung angeboten. In einigen Fällen kam darauf leider keine Reaktion, was ärgerlich ist, weil nun alle unter Zeitdruck geraten.

Wie fit fühlen sich denn die Jugendhilfeträger für den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen?

Tanja Buck: Ich denke, die meisten sind recht gut vorbereitet. Sie haben sich mit anderen Trägern vernetzt, die bereits Erfahrungen vorweisen können. Außerdem stehen wir ihnen als Diakonie RWL beratend zur Seite. Unsicherheit besteht meistens darin, dass sie nicht recht wissen, wo sie die jungen Flüchtlinge am besten unterbringen, ob sie eigene Wohngruppen für sie einrichten oder sie eher in bestehende eingliedern. Da die Jugendlichen, die die Flucht hierher geschafft haben, relativ selbstständig sind und einen großen Wunsch nach Normalität haben, macht es durchaus Sinn, sie in Regelgruppen mit anderen deutschen Jugendlichen zu betreuen. Bei starken Traumatisierungen sind Intensivgruppen vermutlich besser, weil dort mehr pädagogische Fachkräfte die Jugendlichen betreuen.

Können nicht auch Pflegefamilien einspringen? 

Tim Rietzke: Das passiert schon in Norddeutschland und im Raum Nürnberg. In NRW sucht die Diakonie Düsseldorf nun Pflegefamilien. Für einen Teil der jungen Flüchtlinge, die eigenständig und nicht stark traumatisiert sind, ist das sicherlich eine Lösung. Aber um einen minderjährigen Flüchtling gut betreuen zu können, brauchen die Pflegefamilien Schulungen und eine Begleitung durch Fachkräfte. Das aber können viele Jugendämter derzeit gar nicht leisten. Die Pflegefamilien müssen sich um rechtliche Fragen des Aufenthalts, um Sprachkurse, Schule und Ausbildung kümmern. Dafür sind viele Behördengänge nötig. Insofern sollte vorher genau überlegt und abgeklärt werden, welche Familien das leisten können und wer sie dabei unterstützt.

Wie sieht eine Inobhutnahme durch das Jugendamt überhaupt aus?

Tanja Buck: Wenn Jugendliche bei der Erstaufnahme als minderjährig und alleinreisend registriert worden sind, werden sie dem Jugendamt der Stadt überstellt, in der sie angekommen sind. Es organisiert dann ein sogenanntes Erstscreening. Dabei wird geklärt, ob es Verwandte in Deutschland gibt, ob der Jugendliche in einer Fluchtgruppe ankam, mit der er zusammenbleiben sollte. Es gibt auch eine Gesundheitsuntersuchung sowie eine Alterseinschätzung, sofern die Jugendlichen ohne Ausweisdokumente einreisen. Danach kommen die minderjährigen Flüchtlinge für rund drei Monate im Rahmen einer Clearingphase zu Trägern der Jugendhilfe in Wohngruppen oder Clearinghäuser. Hier klären die pädagogischen Fachkräfte, welche Begleitung die Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer Fluchtgeschichte brauchen, wie ihr Bildungsstand ist. Es gibt Empfehlungen für das aufenthaltsrechtliche Verfahren. Dort finden auch schon Sprachkurse statt. Es wird ein Vormund bestellt. In der Regel ist es das Jugendamt. Es verteilt die jungen Flüchtlinge dann in verschiedene sozialpädagogische Wohngruppen oder vermittelt sie an Pflegefamilien, wo sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr wohnen können.

Die Jugendämter in Deutschland rechnen bis Ende des Jahres mit bis zu 30.000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Wie soll diese Mammutaufgabe bewältigt werden?

Tim Rietzke: Das geht nur mit einer Verteilung der jungen Flüchtlinge auf mehr Kommunen und mit deutlich mehr Fachpersonal bei Jugendämtern und Trägern. Dafür soll es 350 Millionen Euro aus Bundesmitteln geben, doch das wird nicht reichen. Jetzt ist zunächst mal wichtig, dass Obdachlosigkeit vermieden wird. Bestehende Standards der Jugendhilfe etwa bezüglich des Betreuungsschlüssels und des Anspruchs auf ein Einzelzimmer sind in dieser Situation nicht einzuhalten. Aber uns ist wichtig, dass es nicht langfristig zu einer Absenkung der Standards kommt. Darauf werden wir bei der Diakonie RWL genau achten.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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