7. Februar 2017

Abschiebungen nach Afghanistan

Protest gegen einen "Tabubruch"

Immer mehr Bundesländer wollen keine afghanischen Flüchtlinge mehr abschieben. Nordrhein-Westfalen gehört nicht dazu. Deshalb unterstützt die Diakonie RWL Proteste, zu denen Flüchtlingsinitiativen für diesen Samstag aufgerufen haben. Afghanen, die in das Kriegsland zurückkehren, müssen Mord, Folter und Hunger fürchten. In den Flüchtlingsberatungsstellen der Diakonie RWL hoffen sie verzweifelt auf Hilfe.

Foto: Diakonie Katastrophenhilfe/Christoph Püschner

Der Onkel, der mit abgeschlagenem Kopf vor der Haustür lag, der Bruder, der im Bus halb totgeschlagen wurde, die Vergewaltigung der Schwester - die Geschichten, die die Wuppertaler Migrationsberaterin Maria Shakura jeden Tag von Flüchtlingen aus Afghanistan hört, sind grausam.

Und die Verzweiflung ist groß, in dieses von Krieg, Terror und Gewalt zerrüttete Land zurückkehren zu müssen. Rund 200 Flüchtlinge aus Afghanistan betreut Maria Shakura derzeit in der Flüchtlings- und Migrationsberatung der Wuppertaler Diakonie. Seit dem Sommer 2016 sei ihre Zahl "explosionsartig" angestiegen, berichtet sie.

"Immer mehr Afghanen kommen mit einem Ablehnungsbescheid zu mir. Spätestens seit den beiden Sammelabschiebungen im Dezember und Januar herrscht Panik unter ihnen." Eine Rückkehr könnte für viele Verfolgung, Bedrohung oder gar die Tötung durch die Taliban bedeuten.

Panik und Selbstmordgedanken

"Für die Taliban, die fast überall in Afghanistan großen Einfluss haben, gelten sie als Gotteslästerer, weil sie mit dem Westen kooperieren, und müssen um ihr Leben fürchten", erzählt die Migrationsexpertin. Ein großer Teil der Flüchtlinge sind zudem Hazara, die ohnehin unter ethnischer und religiöser Verfolgung leiden. Rund die Hälfte der Menschen, die Maria Shakura berät, gehören zu den sogenannten "Iran-Fällen". Diese Afghanen sind in den Iran geflohen, haben dort oft unter menschenunwürdigen Bedingungen gelebt und wurden diskriminiert. "Sie haben keinerlei Verbindung mehr nach Afghanistan und fürchten neben der Verfolgung durch die Taliban ein Leben auf der Straße." Derzeit befinden sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 11.900 ausreisepflichtige afghanische Staatsangehörige in Deutschland, rund 10.300 von ihnen haben einen Duldungsstatus.

Die Verzweiflung unter den Flüchtlingen sei so groß, dass manche gar an Selbstmord denken, berichtet Maria Shakura. "Ich habe einen Familienvater in der Beratung, der mit dem Gedanken spielt, sich umzubringen, damit er wenigstens Frau und Kinder rettet, denn diese werden alleine nicht zurückgeschickt." Maria Shakura sieht in den Abschiebungen einen Tabubruch. Immerhin herrsche in 31 von 34 Provinzen Krieg, so die Migrationsexpertin. Sie unterstützt daher die bundesweiten Proteste, zu denen verschiedene Flüchtlingsinitiativen am 11. Februar aufgerufen haben.

Portrait

Dietrich Eckeberg

In anderen Flüchtlingsberatungsstellen der Diakonie spielten sich ähnlich verzweifelte Szenen ab, beobachtet Diakonie RWL-Migrationsexperte Dietrich Eckeberg. "Was wir derzeit in unserer Asylpolitik erleben, ist für mich ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention." 

Eckeberg verweist auf den am Montag in Kabul veröffentlichen Bericht der Vereinten Nationen zu den zivilen Opfern des Krieges zwischen radikalislamischen Taliban und der afghanischen Regierung. Mit 11.418 toten und verletzten Zivilisten wurde im vergangenen Jahr ein neuer Höchststand erreicht. Fast jedes dritte Opfer sei ein Kind, hieß es.

Abschiebungen trotz guter Schutzquote

"Ausgerechnet jetzt verhandelt die Europäische Union über Rücknahmeabkommen und unsere Bundesregierung forciert die Rückführungen," kritisiert Eckeberg. Dabei erhielten im vergangenen Jahr von den knapp 128.000 afghanischen Asylsuchenden in Deutschland 55,8 Prozent einen Schutzstatus, weil sie bei einer Rückkehr an Leib und Leben bedroht waren.

Es könnten noch deutlich mehr sein, wenn in den Asylverfahren Dolmetscher eingesetzt würden, die die Landessprache Dari beherrschen, meint Maria Shakura. Sie spricht diese Sprache und weiß, dass es zu vielen Missverständnissen kommen kann, wenn etwa Dolmetscher aus dem benachbarten Iran übersetzen.

Außerdem ist es laut Shakura für viele Afghanen das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ihre persönlichen Kriegs- und Gewalterlebnisse vor einer Behörde schildern. "Viele spielen eher herunter, was ihnen Schreckliches widerfahren ist, weil sie Frieden und Sicherheit überhaupt nicht kennen und zudem oft stark traumatisiert sind." Bei gut zwei Dritteln der Familien, die sie betreue, sei mindestens ein Familienmitglied chronisch krank, erzählt die Beraterin. 

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL

Kirche und Diakonie fordern Abschiebestopp

Gemeinsam mit den Kirchen und zahlreichen anderen Flüchtlingsorganisationen fordert die Diakonie RWL einen Abschiebestopp nach Afghanistan. Helga Siemens-Weibring, sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, begrüßte, dass sich inzwischen immer mehr Bundesländer - darunter auch Rheinland-Pfalz - gegen Abschiebungen aussprechen.

"Dies erwarten wir auch von der rot-grünen Regierung in Nordrhein-Westfalen." Doch leider dränge das einwohnerstärkste Bundesland besonders stark auf die Rückkehr afghanischer Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer. "Der Widerstand gegen die Abschiebungen ist in Kirche und Diakonie groß", betont die Beauftragte für Sozialpolitik und kündigt an: "Wir werden uns nicht zurückhalten. Mit Protesten, Unterschriftenlisten und in unseren Stellungnahmen gegenüber der Politik drängen wir auf einen Abschiebestopp."

Zu den bundesweiten Demonstrationen am 11. Februar haben Flüchtlingsorganisationen aufgerufen. Die Kundgebung in Düsseldorf beginnt um 13.30 Uhr vor dem DGB-Haus in der Friedrich-Ebert-Straße und endet um 15 Uhr mit einer Kundgebung am Landtag.

Ein Interview der Deutschen Welle mit Maria Shakura gibt es hier.

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