15. August 2016

Aktionswoche Migrationsdienste

Eine völlig neue Dimension der Integration

Noch nie haben die Migrationsdienste für Erwachsene und junge Menschen so viele Zuwanderer begleitet wie heute. Bundesweit ist die Zahl der Beratungen seit 2012 um fast die Hälfte gestiegen – und sie erhöht sich weiter. In einer bundesweiten Aktionswoche vom 12. bis 16. September 2016 fordern die Wohlfahrtsverbände daher 27 Millionen Euro für den Ausbau ihrer Arbeit. Diakonie RWL-Referent Manfred Hoffmann erklärt, was mit dem Geld geschehen soll.

Portrait

Manfred Hoffmann

Lange Wartezeiten, überfüllte Integrationskurse und gestresste Mitarbeiter – die Migrationsdienste haben 2015 Alarm geschlagen und für ihre Arbeit auch mehr Geld vom Bund bekommen. Warum hat sich die Situation nicht entspannt?

Allein aus dem vergangenen Jahr haben wir bundesweit knapp 500.000 Flüchtlinge, die erst jetzt die Leistungen der Migrationsdienste in Anspruch nehmen können. Diese übernehmen die Beratung, wenn die asylrechtlichen Fragen geklärt sind und die zugewanderten Menschen einen sicheren Aufenthaltstitel haben. Im vergangenen Jahr hat auch die Zuwanderung von rund 680.000 EU-Bürgern ein Rekordniveau erreicht. Zieht man die zurückwandernden EU-Bürger ab, bleiben noch über 380.000 Personen. Auch dies ist ein Rekord. Wenn von diesen insgesamt rund 880.000 Neuzugewanderten in diesem Jahr nur ein Drittel die Beratung in Anspruch nimmt, bleiben dennoch 290.000 Menschen, die neu hinzukommen.

Wer hat denn bisher die Beratung in Anspruch genommen?

Im ganzen Jahr 2015 wurden bundesweit durch die Migrationsberatung für Erwachsene (MDE) und die Jugendmigrationsdienste (JMD) 296.000 Migrantinnen und Migranten beraten, deren Integrationsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist. In der Regel dauert die Beratung und Begleitung  mindestens ein bis zwei Jahre, so dass zu den neuen Fällen noch zahlreiche ältere hinzukommen. Zwar gab es in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 18 Millionen Euro mehr für den MDE und 2015 acht Millionen mehr für den JMD. Aber das reicht angesichts der enormen Zuzugszahlen bei weitem nicht. Zumal der Jugendmigrationsdienst in diesem Jahr nicht einen Cent zusätzlich erhalten hat.

Wie werden die Mitarbeitenden mit der starken Nachfrage an Beratung fertig?

Alle versuchen ihr Bestes. Doch um sehr lange Wartezeiten zu vermeiden, bleibt nur die Möglichkeit, schneller zu beraten. Das aber widerspricht dem Qualitätsanspruch der Fachkräfte in unseren Migrationsdiensten. Mittlerweile betreuen die Dienste Menschen aus 115 Nationen. Die Zuwanderer bringen ganz unterschiedliche Bildungs- und Berufsabschlüsse mit, die häufig nicht den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes entsprechen. Auch die Integration in den Sozialraum ist je nach Nation, Kultur und Fluchtgeschichte schwierig. Das alles erfordert eine intensive sozialpädagogische Begleitung, die die Mitarbeitenden jetzt meistens nicht mehr leisten können. Viele sind darüber frustriert.

Für Mitte September haben die Migrationsdienste eine Aktionswoche geplant. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir wollen auf den stark gestiegenen Beratungsbedarf aufmerksam machen und eine längerfristige sukzessive Aufstockung der Stellen in den Migrationsdiensten erreichen. Dies wird ein Jahrzehnt der Integration und wir stehen erst am Anfang. Für 2017 fordern wir 27 Millionen Euro. Das klingt nach viel Geld. Doch für die Migrationsdienste der Diakonie RWL, in denen insgesamt 88 Fachkräfte an 46 Standorten arbeiten, sind das gerademal eine Million Euro. Zum Vergleich: Für die Integrationskurse hat die Bundesregierung 2015 rund 250 Millionen Euro bereitgestellt. Die Migrationsdienste sind aber dazu da, die Menschen vor, während und nach diesen Kursen zu beraten und begleiten. Allein deshalb ist es meiner Ansicht nach zwingend erforderlich, die Dienste personell besser auszustatten.

Übrigens setzen wir uns bei der Diakonie RWL insbesondere seit 2014 im Sinne einer mitgliederorientierten fachpolitischen Interessenvertretung dafür ein. Außerdem unterstützen wir die örtlichen Träger bei Gesprächen mit Bundestagsabgeordneten und verfassen Argumentationshilfen für die Gespräche mit den Mittelgebern.

Die Migrationsdienste gibt es schon seit vielen Jahren. Was haben sie für eine erfolgreiche Integration geleistet?

Studien belegen eindeutig, dass sich Zuwanderer durch die Beratung und Begleitung der Migrationsdienste besser integrieren. Sie haben Bildungsabschlüsse nachgeholt und schneller einen qualifizierten Job gefunden. Wenn es Probleme in der Familie gab, etwa weil Kinder oder Jugendliche in der Schule auffällig waren, konnten die Migrationsdienste helfen. Sie sind vor Ort gut vernetzt und haben die richtige Unterstützung vermittelt. Viele sind auch in Schulen, Vereine und Behörden gegangen, um Vorträge und Trainings zur interkulturellen Verständigung anzubieten. Das hat sehr dazu beigetragen, in dem jeweiligen Sozialraum ein positives Klima für Zuwanderung zu schaffen. Doch dazu haben die Mitarbeitenden jetzt keine Zeit mehr. Dabei wäre es angesichts der wachsenden Vorurteile in unserer Gesellschaft dringend nötig.

Die Menschen in Deutschland haben Angst, dass gerade mit den vielen jungen männlichen Zuwanderern auch Kriminalität und Terroranschläge zunehmen. Wie können die Migrationsdienste dazu beitragen, dass die jungen Leute nicht in den Extremismus abrutschen?

Es ist klar nachgewiesen, dass die schulische, aber auch berufliche und soziale Integration einen stark präventiven Charakter hat. Doch hier muss noch mehr für die Zuwanderer getan werden. Ein Fortschritt ist es, dass die 18- bis 55-Jährigen nun nach dem allgemeinen Integrationskurs noch einen berufsbezogenen Deutschkurs besuchen können. Doch es gibt gerade für junge neu Zugewanderte über 16 Jahren zu wenig internationale Förderklassen und zu wenig unkomplizierte Möglichkeiten, mehr als einen Hauptschulabschluss zu machen.

Wichtig ist auch, dass die Mitarbeitenden rechtzeitig erkennen, ob ein junger Mensch in Kriminalität oder Extremismus abzurutschen droht und dann spezielle Beratungsstellen einschalten. Da gibt es viele gute Projekte wie "Wegweiser" in NRW oder auch das Bundesprogramm "Demokratie leben – Toleranz fördern". Das Thema bewegt die rund 140 evangelischen Jugendmigrationsdienste sehr. Daher stellen sie es unter dem Titel "Integration gestalten – Extremismus vorbeugen" auch in den Fokus ihrer diesjährigen Bundesjahrestagung vom 12. bis 14. September in Mülheim an der Ruhr. Die Veranstaltung ist übrigens auch ein Beitrag zu unserer Aktionswoche.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Manfred Hoffmann
Migration und Flucht
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (55 Stimmen)